Kultureller Reichtum und tiefe Spaltung

  • Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe

Südafrika ist auch 19 Jahre nach Aufhebung des Apartheidregimes gesellschaftlich immer noch tief gespalten. Der Sozialarbeitssektor der katholischen Kirche fördert deshalb die Entwicklung und Selbstständigkeit von Menschen. AGEH-Fachkraft Annika Schabbauer, deren Stelle von Misereor finanziert wird, arbeitet bei der katholischen Agentur für Sozialhilfe- und Entwicklung (CWD) in der Diözese Kapstadt.

Die Organisation unterstützt in verschiedenen Townships die Weiterentwicklung unterdrückter Bevölkerungsgruppen. In Gemeindezentren bietet sie psychosoziale Hilfe und Berufsausbildung für Jugendliche, Frauen und Flüchtlinge an. Annika Schabbauer, die studierte Arabistin mit einem Master in Erwachsenenbildung, lebt mit ihrer Familie in Kapstadt. Die gebürtige Schwedin und ihr Mann Robert Fischer haben drei Kinder im Alter von 5 bis 13 Jahren.

Annika Schabbauer koordiniert bei CWD ein Entwicklungsprogramm (ELP) für Frauen, die Führungsrollen im Ehrenamt oder Beruf übernehmen sollen. Sie schult die Frauen in Gewaltfreier Kommunikation und begleitet sie als Coach. ELP fördert die persönlichen Potenziale der Teilnehmerinnen, die Netzwerkbildung und die Umsetzung konkreter Projekte in ihren Gemeinden. Einige Frauen erwirtschaften aufgrund der erworbenen Fähigkeiten inzwischen ihr eigenes Einkommen. Neben CWD berät Annika Schabbauer einige kleinere NGO‘s zu Organisationsentwicklung. Die Klimaschutzorganisation „Project 90 by 2030“, bei der Robert Fischer als AGEH-Fachkraft arbeitet, sowie „The Grail Centre”, „Training For Transformation”, „Sekwele Centre for Social Reflection” gehören dazu.

Teilnehmerinnen des ELP-Workshops bei CWD Annika Schabbauer/AGEH

Neue Fähigkeiten und Sichtweisen

Sie unterstützt auch den Generationenwechsel von der Gründerin zur Nachfolgerin und die Eingliederung neuer Führungskräfte. Annika Schabbauer sieht sich selbst als Lernende und ist überzeugt, dass dies auch ihren Partnern Neues leichter näher bringt. Sie sagt: „Mir widerstrebt es, Dinge auf meine Art umzusetzen, damit ich meine Indikatoren und Resultate einhalten kann. Ich gehe vorsichtig auf die beteiligten Personen zu, um herauszufinden, in welchem Maße meine Mitarbeit erwünscht ist.“ Die Balance zwischen ihrer Verantwortung als Entwicklungshelferin und einer Zusammenarbeit, die sich anders als erwartet entwickelt, fällt ihr nicht immer leicht.

Als europäische Fachkraft mit anderem kulturellen Hintergrund hat sie einen distanzierten Blick auf Südafrika. Annika Schabbauer meint: „Viele Südafrikaner glauben, dass die Zeit der Apartheid schon verarbeitet ist. Als Europäerin ist mir bewusst, wie lange wir uns schon mit unserer Geschichte des Zweiten Weltkrieges auseinandersetzen.“ Zudem stellt sie fest, dass sie und andere ausländische Fachkräfte bei CWD oder anderen südafrikanischen NGO‘s neue Arbeitsansätze, Fähigkeiten und Sichtweisen mitbringen.

Annika Schabbauer, Robert Fischer und die Kinder Linnea, Felix und Emil. Annika Schabbauer/AGEH

Familienleben und Sprachenvielfalt

Das Familienleben bezeichnet Annika Schabbauer als bequem und geschützt. Die Kinder werden überallhin mit dem Auto gefahren und sind viel zuhause oder bei Freunden. „Die krasse soziale Ungleichheit hinterfragen sie nicht. Sie sind damit in Uganda und in Südafrika aufgewachsen. Mir macht das keine Sorgen“, sagt Annika Schabbauer, „der Wille, dass es allen Menschen gut gehe, ist bei unseren Kindern ausgeprägt. Sie sind sehr anpassungsfähig und nehmen zuerst das Gegebene an und hinterfragen es später.“

Bemerkenswert ist die Sprachenvielfalt, die die Familie umgibt. „Unsere Kinder hören täglich mindestens drei Sprachen“, meint Annika Schabbauer: „Schwedisch von mir, Deutsch von Robert. Linnea spricht Deutsch im Kindergarten. In Felix und Emils Schule spielt sich alles in Englisch ab.“ Dazu gesellt sich das Xhosa der Haushaltsangestellten und der afrikanischen Bevölkerung, sowie Afrikaans von ihren Kolleginnen und Linneas Erzieherinnen. Bei einer tollen Theatervorstellung mit Kinderchor, Kabarettisten und Sängern wurde der Familie erst hinterher bewusst, dass sie eigentlich nicht alles verstanden hatten, weil Afrikaans und Xhosa gesprochen wurde. Annika Schabbauer erklärt sich das so: „Wir haben es gehört und mitgelacht und die kulturelle Vielfalt als normal akzeptiert. Irgendwie schaltet das Gehirn ab und die Sprachen spielen wie Musik in den Ohren, ohne dass die Bedeutung entschlüsselt wird.“

Von Ursula Radermacher

© AGEH

Die AGEH

Die 1959 gegründete Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe e. V. (AGEH) ist der Personaldienst der deutschen Katholiken für Internationale Zusammenarbeit und staatlich anerkannter Entwicklungsdienst. Der Verein wird von 25 Mitgliedern getragen, dazu zählen unter anderem katholische Entwicklungsorganisationen, wie das Bischöfliche Hilfswerk Misereor, das Kolpingwerk und der Caritasverband. In der Kölner Zentrale betreuen 63 Mitarbeiter die mittlerweile circa 280 Fachkräfte im Ausland. Die AGEH ist zudem einer von sieben Trägern des von der Bundesregierung finanzierten Programms „Ziviler Friedensdienst“.

www.ageh.de

Die fid-Beratungsstelle

Der Personaldienst der deutschen Katholiken ist auch im Bereich Internationaler Freiwilligendienst tätig. In der fid-Service- und Beratungsstelle finden Entsende- und Aufnahmeorganisationen Unterstützung bei der Durchführung und Begleitung ihrer Freiwilligendienste.

fid.ageh.org