„Wir mussten weg, bevor es zu spät ist“

  • Aktion Dreikönigssingen 2014

Die Familie Lushuli flüchtete vor wenigen Monaten aus dem Kongo nach Malawi. Das Leben im Flüchtlingslager Dzaleka bedrückt vor allem die Eltern. Die Kinder gewöhnen sich vergleichsweise schnell an die neue Umgebung – dank der Schule.

„Wir leiden, noch und noch.“ Noke Lushuli sagt diesen Satz ohne Selbstmitleid, ohne Auflehnung. Es ist eine Feststellung. Seine Stimme ist leise, ruhig. Sie wird noch leiser, als er mit dürren Worten berichtet, was ihm und seiner Familie in den zurückliegenden Monaten widerfahren ist. Noke stammt aus einem Dorf im Süd-Kivu, einer konfliktgeprägten Region im Osten des Kongos. Er betrieb mit seinem Bruder einen kleinen Holzhandel. „Eines Tages kam eine Truppe der Banyamulenge. Sie hat mich verdächtigt, Geschäfte mit den Mai-Mai-Milizen zu machen. Ich habe das natürlich zurückgewiesen, ich habe das nicht gemacht. Doch sie ließen sich nicht von den Verdächtigungen abbringen.“ Es folgte eine Orgie der Gewalt. Noke wurde geschlagen, sein Haus wurde geplündert, abgebrannt. „Es war schrecklich.“ Noke blickt zu Boden. Seine Frau Elisabethe auch. Sie ist eine schöne Frau, schmal, und still sitzt sie in der Ecke, hört ihrem Mann bewegungslos zu. „Uns blieb nichts anderes übrig, als schnellstmöglich zu fliehen, bevor sie am nächsten Tag wiederkehren und uns töten.“ Noke schaut kurz auf, die Erinnerungen sind noch frisch. „Wir mussten weg, bevor es zu spät ist.“ Er und seine Frau packten wenige Habseligkeiten ein, setzten ihre drei Kinder in ihr kleines Auto und fuhren los.

Familie Lushuli: Obedi (5), Israel (7), Hati Rachel (1) und die Eltern Elisabethe und Noke Flitner / Kindermissionswerk

Eine Woche brauchten sie, um nach Tansania zu gelangen. An der Grenze gab es viele Schwierigkeiten. „Wir wurden verhaftet“, berichtet Noke, „uns wurde das wenige Geld abgenommen, das wir noch hatten.“ Ein Grenzbeamter ließ die Familie schließlich frei, als er sah, wie jung Nokes und Elisabethes Kinder sind: Israel ist sieben Jahre alt, sein Bruder Obedi fünf und die kleine Hati Rachel ein Jahr. Die Flucht ging weiter nach Malawi. Im Transitlager der Grenzstadt Karonga konnte sich die Familie als Flüchtlinge registrieren lassen bevor sie auf der Ladefläche eines Lastwagens nach Dzaleka, dem einzigen Flüchtlingslager Malawis, gebracht wurden.

„Wir können nicht zurückkehren“

Wie Nokes und Elisabethes Kinder auf die Flucht reagiert haben? „Bei uns Afrikanern ist es so, dass die Kinder zu folgen haben“, sagt Noke. „Wenn es Probleme gibt und die Eltern Entscheidungen treffen müssen, dann nehmen es die Kinder widerspruchslos hin.“ Natürlich habe sein Ältester Fragen gestellt, wie eben Kinder Fragen stellen. „Israel wollte wissen, warum wir fliehen müssen und wohin wir gehen. Ich habe ihm geantwortet: ‚Wir fliehen vor dem Krieg.’ Und: ‚Wir können nicht zurückkehren.’“

Und nun sind sie hier in Dzaleka, knapp 17.000 Flüchtlinge leben hier. Noke hat für sich und seine Familie ein kleines Häuschen aus Lehm gebaut. Dahinter beginnen die Felder, die Erde ist rostrot und trocken, der Regen lässt auf sich warten, die Wege zwischen den Häuschen sind uneben, voller Krater. Einige Kinder spielen mit Lehmklumpen, formen Männchen und Tiere, andere sitzen still auf der Erde, lutschen Daumen, wiegen sich sacht hin und her. Die Erwachsenen bleiben lieber im Inneren ihrer Häuser, denn die Sonne brennt vom Himmel – und draußen gibt es ohnehin nichts Neues.

Mangel und Sorgen

In Nokes Haus sind die Wände nackt, auf dem Boden liegt eine Strohmatte. In der Ecke stehen ein Wasserkanister und ein wenig Plastikgeschirr. Ein Tuch hängt als Türersatz zwischen Wohn- und Schlafraum. Vor dem Haus trocknet Wäsche in der Sonne: zerschlissene Hosen, eine Decke mit Löchern, T-Shirts, die nicht mehr richtig weiß werden, weil der rote Staub sich überall festsetzt. Neben dem Hauseingang hat Noke ein Beet angelegt. Kürbis soll hier wachsen, eine Abwechslung zum eintönigen Maisbrei, der Hauptnahrung der Familie. Die Lebensmittelrationen, die das World-Food-Programme (Welternährungsprogramm) einmal monatlich im Flüchtlingslager verteilt, lassen eine ausgewogene Ernährung nicht zu. Ob es manchmal Milch, Gemüse oder Obst für die Kinder gibt? Noke lacht kurz und freudlos auf. „Nein, und auch keine Medikamente und keine Behandlung für die Kinder, die an Wurmkrankheiten leiden.“ Er selbst hat Brustschmerzen, „zu viele Ängste, zu viele Sorgen.“ Er schaut auf seine Füße. Sie stecken in Flip-Flops, sind staubbedeckt, verhornt.

Am liebsten geht der siebenjährige Israel zur Schule. Flitner / Kindermissionswerk

„Was kann ich hier machen? Nichts.“ Noke hebt die Hände, lässt sie wieder in den Schoß fallen. „Die Tage sind eine Anreihung von Schwierigkeiten. Wir haben kein Geld, wir dürfen nicht arbeiten.“ Noke lacht wieder sein kurzes, freudloses Lachen. Er ist klein und ausgemergelt, beängstigend schmal. Er wirkt älter als seine 38 Jahre. Ein bitterer Zug hat sich um seinen Mund eingegraben, den Augen fehlt es an Glanz. Nur als seine Tochter auf dünnen Beinchen zu ihm hintorkelt, Flucht in seinen Armen sucht und dort rasch und leise schnaufend einschläft, gleitet etwas Weiches in seine Züge. Sanft streichelt er den Rücken der Kleinen, bettet sie um, damit sie besser liegt.

„Am liebsten gehe ich zur Schule“

Immerhin haben Nokes Söhne schnell einen Platz in der Grund- und Vorschule bekommen. Das Schulwesen in Dzaleka liegt in der Verantwortung des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes (JRS). Unterstützt mit Spendenmitteln aus der Aktion Dreikönigssingen – also mit den Spenden, die die Sternsinger in Deutschland gesammelt haben – leistet der JRS eine umfassende Bildungsarbeit: rund 4.500 Schülerinnen und Schüler besuchen die Vor- und Grundschule sowie die weiterführende Schule. „Bildung ist der Schlüssel zur Freiheit“, sagt Schwester Michelle Carter, Leiterin des JRS in Dzaleka. Für den JRS sei nicht nur die Grundschulbildung, sondern auch die weiterführende Bildung elementares Menschenrecht.

„Bildung ist der Schlüssel zur Freiheit.“

— Schwester Michelle Carter

„Am liebsten gehe ich zur Schule“, sagt der siebenjährige Israel – einen Satz, den beeindruckend viele Kinder im Flüchtlingslager sagen. Schule bedeutet Alltag, sie strukturiert das Kinderleben, sie bietet neben der Wissensvermittlung Möglichkeiten, Freundschaften zu schließen, zu spielen, zu lachen, zu streiten, sich zu versöhnen. „In der ersten Schulwoche kam Israel ganz geknickt nachhause“, sagt sein Vater. „Kinder hatten ihm sein Heft zerrissen, als er seine Ration Haferflockenbrei abholte.“ Israel habe seinen Eltern gesagt, dass es vorher besser gewesen sei – vorher, im Kongo. „Im Kongo war so vieles besser“, sagt sein Vater. Am liebsten würde er wieder in sein Heimatland zurückkehren, aber in eine friedlichere Region. Oder nach Südafrika, „vielleicht hat es mein Bruder dorthin geschafft, vielleicht kann er uns helfen.“

Gegenseitige Unterstützung

Vorsichtig reicht er die schlafende Tochter seiner Frau Elisabethe und steht auf. Sein Sohn ist aus der Schule zurückgekommen. „Das ist Israel“, sagt Noke. „Er hatte heute Prüfungen.“ Der kleine Junge lächelt und reicht dem Vater sein Schulheft. Gute Noten stehen darin. Er wirkt fröhlich, munter; schnell rennt er wieder davon. Seine neuen Freunde Moises, Grace und Destiny warten auf ihn, sie wollen zusammen Fußball spielen. Noke schaut ihm nach, fast lächelt er. „Es ist ein intelligenter Junge“, sagt er. Freundlich grüßt Noke die Nachbarn, die zu ihm hinüberschauen, winkt ihnen zu. „Wir haben alle wenig, aber wir versuchen uns gegenseitig zu unterstützen.“ Noke lacht kurz auf, es klingt ein wenig heiterer als vorher. „Wir haben ein schlimmes Schicksal. Wir haben hier alle ein schlimmes Schicksal. Aber es tut gut, darüber zu berichten. Und vielleicht vergisst man uns dann nicht.“

Von Verena Hanf

© Kindermissionswerk