Neuaufbruch statt Abbruch

  • Diaspora-Aktion 2014

Warum spucken die Männer Jesus an?“ fragt Lorena. „Warum haben die Jesus da dran gehangen? Er ist doch kein Verbrecher?“ fragt Pharell gleich hinterher. Die beiden Sechsjährigen lesen gemeinsam mit Beate Hellmann in der Kinderbibel. Die Religionspädagogin holt jeden Vormittag in der katholischen Kindertagesstätte St. Elisabeth in Neumünster Mädchen und Jungen zusammen, um den Glauben in ihr Leben zu bringen. „Viele Kinder machen kaum mehr eine Erfahrung mit Gott“, erklärt Hellmann die Notwendigkeit ihrer Arbeit, „in den Familien wird der Glaube nur noch selten gelebt. Eine Kirche von innen kennen die wenigsten.“

Hellmann macht die leidvolle Erfahrung, dass immer weniger Eltern ihre Kinder taufen lassen: „Die Kinder sollen sich selbst entscheiden, wenn sie einmal erwachsen sind. Das hat zur Folge, dass die Kleinen kaum noch Berührungspunkte zu Gott und der Kirche mitbringen.“ Insbesondere die Verantwortlichen eines Kindergartens spüren den Bedeutungsverlust, den der christliche Glaube in der Gesellschaft erfährt. In der Stadt Neumünster in Schleswig-Holstein ist die katholische Kirche der größte Träger für Kindertagesstätten. 158 Plätze für 0- bis 6-Jährige bietet die Kirchengemeinde St. Maria-St. Vicelin an. Bald sollen mit Hilfe des Bonifatiuswerkes 55 weitere hinzukommen. Dabei leben katholische Christen in Neumünster in der Diaspora. Mit 5.000 Katholiken unter den 77.000 Einwohnern bilden sie nur eine kleine Minderheit in der Stadt.

Gemeindereferentin Julia Weldemann Schulze/Bonifatiuswerk

Ein deutliches Zeichen

Mit der Kindertagesstätte wirkt die katholische Gemeinde in die Stadtgesellschaft hinein und setzt ein deutliches Zeichen. „An den Brennpunkten einer Gesellschaft präsent zu sein sowie den Glauben weiterzugeben, beides betrachten wir in St. Maria-St. Vicelin als unsere Kernaufgaben.“ Gemeindereferentin Julia Weldemann zeichnet verantwortlich für die Kindertagesstätte. Sie spricht von 40 Prozent getaufter Kinder in der Einrichtung. Die Eltern müssen zustimmen, dass ihre Kleinen am Glaubensleben der Einrichtung verpflichtend teilnehmen, sonst erhalten sie keinen Kindertagesstättenplatz. Ausnahmen werden keine erteilt.

„Eine Kirche aufgeben zu müssen, tut immer weh, besonders älteren Gemeindemitgliedern, die mit dieser Kirche gelebt haben“, weiß der Pfarrer von St. Maria-St. Vicelin, Peter Wohs. „Woche für Woche kamen sie in dieses Gotteshaus, ihr Leben lang.“ Im vergangenen Jahr musste er die St.-Bartholomäus-Kirche im Stadtteil Faldera schließen. Tränen seien geflossen, als er das Allerheiligste aus der Kirche getragen habe. „Persönlich ist das für mich ein Trauerspiel“, meint Hans-Werner Köper. Er habe schon Ende der 50er Jahre auf der Baustelle herumgetobt, 53 Jahre lang in der St. Bartholomäus ministriert, dort geheiratet, seine zwei Söhne in der Stadtteilkirche taufen lassen, erzählt der 65-jährige Rentner. Den Tag der Schließung, den 24. August 2013, wird er wohl nie vergessen „In St. Bartholomäus steckt viel Herzblut von mir drin.“ Doch er muss auch bekennen, dass der Kirchenbesuch in den letzten Jahren zurückging. Vor allem junge Menschen kamen kaum noch. Sie gingen an der Kirche meistens vorbei anstatt hinein. Die Gottesdienste besuchten die 50- bis 80-Jährigen.

Emotionale Diaspora

Besonders katholische Senioren finden sich heute in einer emotionalen Diaspora des Glaubens wieder. Denn der demografische Wandel in Deutschland macht auch vor den Kirchentüren nicht Halt. Die Zahl der Sterbefälle übersteigt die Zahl der Taufen seit Jahrzehnten. Zeitgleich hat sich der Taufquotient, der das Taufverhalten wiedergibt, deutlich verändert. Die Zahl der Taufen ging im Verhältnis zur Zahl der Geburten immer weiter zurück. Wurden Mitte der 1950er Jahre von 100 geborenen Kindern noch 49 katholisch und 45 evangelisch getauft, sind es heute nur noch 25 katholische und 25 evangelische Taufen. Gleichzeitig sank die Zahl der Geburten. So kommt es, dass heute 22 Prozent der Katholiken über 65 Jahre alt sind. 1970 waren es nur rund 12 Prozent. Unter 30 Jahre alt waren 1970 noch rund 45 Prozent der Katholiken in Deutschland, heute sind es noch 30 Prozent.

Hinzu kommt, dass insbesondere jüngere Katholiken zurückhaltend sind, was den Gottesdienstbesuch betrifft. Die Senioren unter den Gläubigen fühlen sich allein, wenn sie in der Mehrheit nur noch alte Menschen im Gottesdienst antreffen. Sie leiden darunter, dass die Folgegeneration den Glauben nicht mehr in der Weise lebt, wie sie ihn über Jahrzehnte gelebt haben. Schmerzhaft wird es, wenn liebgewonnene Einrichtungen schließen müssen.

Die Glocke im Kirchturm von St. Bartholomäus wird weiter läuten, auch wenn nun hier Kinder betreut und erzogen werden. Schulze/Bonifatiuswerk

Eine Kirche der Zukunft

„Wir können nicht alles erhalten nur um des Erhaltens willen.“ Pfarrer Wohs ist froh, dass sich die Kirchengemeinde in Neumünster für einen Neuaufbruch entschieden hat. Sie öffnet die Pforten der Stadtteilkirche ganz weit für die Kleinsten und die Familien. Die Rundkirche soll weder abgerissen noch verkauft werden, sondern zu einer Kindertagesstätte mit 55 Plätzen auf zwei Etagen umgebaut werden. Neue Berührungspunkte des Glaubens und eine Erziehung im christlichen Menschenbild: kamen bis vor kurzem kaum Kinder in das Gotteshaus, gehen sie künftig Tag für Tag in die Kirche St. Bartholomäus, um in einer vom christlichen Glauben geprägten Atmosphäre aufzuwachsen.

Die Senioren tragen die Entscheidung für eine Kirche der Zukunft mit, bleibt doch Kirche vor Ort präsent. „Der Abschied ist weniger schlimm, seit ich weiß, dass die Kirche nicht abgerissen, sondern sinnvoll genutzt wird“, freut sich Köpers. Der kirchliche Charakter des Gebäudes soll erhalten bleiben und die Glocken im Turm zum Angelus weiterhin läuten. Das Pfarr- und Gemeindehaus möchte die Stadt anmieten für eine Seniorenbegegnungsstätte. „Kinder und Alte auf einem Gelände, das wäre eine gute Sache“, sieht Köpers zuversichtlich in die Zukunft.

Das Projekt wird zu einem Zeichen der Hoffnung. Die Senioren spüren, dass sie von dieser Akzentverschiebung künftig profitieren werden. Unterstützt wird die Kirchengemeinde durch das Bonifatiuswerk. Der finanzielle Aufwand ist trotz staatlicher Unterstützung und Hilfe durch das Erzbistum Hamburg enorm. Der Eigenanteil kann kaum von der Kirchengemeinde alleine getragen werden. Am Diasporasonntag, am 16. November, sammelt das Bonifatiuswerk bundesweit für solch mutige Aufbrüche wie in Neumünster. Pfarrer Wohs ist dafür dankbar: „Ohne die Solidarität der Katholiken in Deutschland könnten wir dieses Projekt nur sehr schwer umsetzen.“

Von Alfred Herrmann

© Bonifatiuswerk