Mit Lesen und Schreiben gegen den Hunger

  • Fastenaktion 2014 - 11.04.2014

Lina Lowari krabbelt geduckt durch die Eingangspforte der hölzernen Festung, welche die Siedlung ihres Familienklans vor Angreifern und Dieben schützen soll. Die fünf Lehmhäuschen mit Strohdächern, in welchen die 48 jährige Frau mit ihrem Ehemann und acht Kindern sowie zwei Enkeln wohnt, werden von mannshohen Holzmauern umgeben.

Vor der Siedlung erstreckt sich Lowaris Gemüsegarten: ihr ganzer Stolz. Lächelnd steht sie zwischen Tomaten und Zwiebeln, während ihre Töchter Wasserkanister anschleppen, um die Beete zu gießen. „Als ich jung war, kannten wir kein Gemüse“, erzählt Lowari. Ihre Vorfahren hätten sich nur von Milch und Fleisch ernährt – eben von dem, was die damals noch riesigen Viehbestände hergaben. „Doch unser Leben hat sich total verändert“, sagt Lowari.

Die Karamojas im äußersten Nordosten Ugandas waren bislang traditionell Viehhirten und deswegen Halbnomaden. Die Männer zogen monatelang mit den Kühen durch die karge Savanne, auf der Suche nach Weidegebieten und Wasserstellen. Die Frauen und Kinder blieben in den sogenannten Manyattas zurück, den festungsartigen Siedlungen. „Wir lebten nie lange genug an einem Ort, um ein Feld zu beackern“, sagt Lowari.

„Davon bezahle ich die Schulgebühren für meine Töchter“

Doch dann kamen Unruhen in die Grenzregion. Noch bevor die erste geteerte Straße nach Karamoja gebaut wurde oder es Stromanschlüsse, Schulen und Krankenhäuser gab, überschwemmten billige Waffen die Region. Trockenheit und Dürre hatten die Viehbestände der Karamojong dezimiert. Stammesfehden um Weideplätze und überlebensnotwendige Wasserstellen entbrannten. Auch Lowaris Familie verlor fast all ihr Vieh. Geblieben sind ihr zwei Kühe, ein Ochse und ein Kalb. „Wenn ich nicht gelernt hätte, wie man Getreide und Gemüse anbaut, wären meine Kinder verhungert“, sagt Lowari. Die Frau mit dem bunten Faltenrock kramt Münzen aus der Tasche und berichtet, dass sie jetzt sogar einige Tomaten übrig halte, die sie auf dem Markt verkaufen könne. „Davon bezahle ich die Schulgebühren für meine Töchter“, sagt sie stolz.

„Wenn ich nicht gelernt hätte, wie man Getreide und Gemüse anbaut, wären meine Kinder verhungert.“

— Lina Lowari
Das Ziel aller Bemühungen: Zwei Mahlzeiten am Tag – für alle! Schwarzbach/Misereor

Auch sie selbst ist in den vergangenen Jahren in die Schule gegangen – zum ersten Mal! Die Diözese in Karamoja bietet in den abgelegenen Dörfern Erwachsenenkurse an, finanziert durch das Hilfswerk Misereor. In diesem Unterricht lernte Lowari im Alter von 45 Jahren Lesen und Schreiben. Sie kann jetzt den Marktpreis für ihre Tomaten errechnen und in der Krankenstation die Formulare ausfüllen.

In der Grundschule, unweit Lowaris Heim, sitzen die Mädchen gedrängt auf Holzbänken. Sie tragen Armreifen und Halsketten. Viele haben die traditionellen Tätowierungen auf Stirn und Wange. Lowari schlendert am Klassenzimmer vorbei, um den Mädchen Mut zu machen. Auch vier ihrer Töchter schickt sie hierher.

Akiurut bedeutet: Durchfall

„Akiurut“ schreibt Lowaris zweitälteste Tochter Madalaina an die Schiefertafel. Übersetzt bedeutet dies: Durchfall. Die Lektionen in dem Erwachsenenbildungsprogramm sind praxisbezogen. An erster Stelle steht die Hygiene – ein schwieriges Thema. Weil es so wenige Wasserstellen und –reserven für Mensch und Vieh gibt, reicht es zum Händewaschen nur selten. Der Lehrer fragt Madalaina, wie man dieser Krankheit vorbeugen kann. Die 18-Jährige imitiert das Händewaschen. Später verrät sie, warum sie noch nicht verheiratet sei: „Ich suche nach einem Mann, der auch lesen und schreiben kann, aber davon gibt es nicht so viele“, sagt sie verlegen. In Karamoja ist Bildung noch immer eine Seltenheit. Es gibt nur wenige Schulen und noch weniger Lehrer in der unterbevölkerten Gegend. Dies ist auch traditionell bedingt, denn die nomadische Lebensweise erlaubte es nicht, in die Schule zu gehen.

Auch das Wasserholen ist im Norden Ugandas die Arbeit von Mädchen und Frauen. Sie legen oft kilometerweite Wege zurück. Schwarzbach/Misereor

Kühe hüten statt Schulbank drücken

Paul Lodia treibt nicht weit von Lowaris Siedlung die Kühe an einer Wasserstelle zusammen. Der 35-Jährige trägt ein buntes Tuch um seine Hüften gewickelt und einen Armee-Hut auf dem Kopf, in welchem eine Feder steckt. Neben ihm stehen kleine Jungen. Einer trägt Pfeil und Bogen über der Schulter. Als Lodia einmal so jung war, erzählt er, habe er immer in die Schule gehen wollen. „Ich wollte später Lehrer werden“, sagt er. Doch der Vater habe ihn statt auf die Schulbank zum Kühe hüten geschickt. Bis heute habe er nie etwas anderes getan, sagt er. Erst der Kontakt mit Kirchenvertretern eröffnete ihm die Welt des Lesens und Schreibens, als sie ihn zum Erwachsenenunterricht einluden. Heute hat Lodia selbst Kinder, darunter einen fünfjährigen Sohn. „Ich werde ihn zur Schule schicken und hoffentlich wird er einmal Lehrer werden“, sagt Lodia und lächelt.

© Misereor

„Mut ist, zu geben, wenn alle nehmen“

Mit angepasster Landwirtschaft will die Erzdiözese Kampala, unterstützt von Misereor, die von Abwanderung, Wassermangel und Landraub betroffene Bevölkerung im Umland der Metropole Kampala halten. Das Bemühen, die bäuerliche Bevölkerung trotz winziger Parzellen zum Bleiben zu bewegen und so ihre Ernährung sicher zu stellen, stellt Misereor beispielhaft in den Fokus der Fastenaktion. 842 Millionen Menschen auf der Welt müssen hungern. Dass dieser Hunger auch mit unseren Lebensgewohnheiten, mit unserem Konsum zusammenhängt, ist offensichtlich. Notwendig sind deshalb nicht nur neue Konzepte der Hungerbekämpfung in armen Ländern, sondern auch ein verändertes Konsumverhalten bei uns. In bundesweit mehr als 10.000 Gemeinden wird die Fastenaktion deshalb unter dem Leitwort: „Mut ist, zu geben, wenn alle nehmen“ durchgeführt. Mit diesem Thema ermutigt Misereor die Menschen, über das Verhältnis von Geben und Nehmen und damit auch über den eigenen Lebensstil nachzudenken. Und ruft am 6. April, dem Misereor-Sonntag, in allen Gottesdiensten zur Solidarität mit denen auf, die nicht ausreichend zu essen haben.

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