Land in Sicht?

  • Misereor-Fastenaktion 2013

Vidal Toledo hatte eigentlich schon aufgegeben. In der Landwirtschaft sah er keine Zukunft mehr: mit 20 ging der Bauernsohn aus dem paraguayischen Dorf Carayao in die Hauptstadt Asunción, um dort als Metzger zu arbeiten. Zurück ließ er drei Brüder und seine Eltern. Für die wurde es immer schwieriger zu überleben. „Viele Ernten verloren wir durch Dürre, Überschwemmungen, oder weil der Wind die Pestizide der Sojafarmer zu uns trug und alles verdorrte“, erzählt Vidals Mutter, María Benítez. Immer näher rückten die Monokulturen, immer mehr Kleinbauern gaben auf, verkauften ihr Land und zogen in die Stadt.

Die enorme Ausbreitung der Sojamonokultur hat zu einer massiven Vertreibung unzähliger Kleinbauernfamilien und indigener Gemeinschaften geführt – mit spürbaren Folgen: Sie können sich von ihrem Land nicht länger mit Lebensmitteln aus eigener Produktion ernähren; der uneingeschränkte Einsatz von Agrarchemikalien verseucht das Wasser und führt zu Krankheiten und Tod. Soja ist wegen seines hohen Eiweißgehalts ideal für die Viehmast. Dort, wo früher Kleinbauern Zitrus- und Hülsenfrüchte für den heimischen Bedarf anpflanzten, wächst nun Soja für den Export. 73 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche werden für den Sojaanbau verwendet. Letztlich ist auch ein massiver Verlust des einheimischen Saatgutes und der über Jahrhunderte gepflegten Anbautraditionen zu beklagen.

Vidal Toledo erntet mit seiner Mutter Maria im Juni die prallen Maracujas. Kopp/Misereor

Hoffnung auf Gerechtigkeit

Paraguay gehört weltweit zu den Staaten mit der ungerechtesten Landverteilung: 2,6 Prozent der Landbesitzer konzentrieren 85,5 Prozent des Landes in ihren Händen. Die Großgrundbesitzer haben eine einflussreiche Lobby, der Staat ist schwach und auf die wenigen Steuern angewiesen. Nur wenige stellen sich der Entwicklung entgegen. Doch der Misereor-Partner, die Sozialpastoral der Diözese Coronel Oviedo, stärkt die Betroffenen, indem sie gemeinsam mit ihnen angepasste Strategien gegen Krankheit, Ausbeutung und Hunger entwickelt.

Das Team der Diözese Coronel Oviedo zeigt den Kleinbauerfamilien neue und ökologische Anbaumethoden. So krempelte Vidal Toledo seinen Familienbetrieb völlig um. Früher förderte der Staat den Anbau gewisser Nutzpflanzen, mal Baumwolle, mal Zuckerrohr oder Seidenraupen. Heute wachsen bei ihm Maracuja, Kartoffeln, Maniok, Zitrusfrüchte, Papaya, Zuckerrohr. Für den Eigenbedarf und immer im Fruchtwechsel. Er hat Schweine, Hühner und Kühe. Außerdem zieht er Heilkräuter, mit der seine Familie kleine Erkrankungen kuriert.

Dort, wo die Natur dank des ökologischen Anbaus wieder ins Gleichgewicht gebracht wurde und noch nicht den großen Monokulturen weichen musste, finden die Bienen reichen Nektar. Kopp/Misereor

Mut zu Taten – Tag für Tag

„Sogar die Bienen, die fast ganz verschwunden waren, sind wieder zurückgekehrt und geben uns Honig“, sagt er stolz. Nach und nach ließen sich von seinem Erfolg auch die Nachbarn überzeugen. Gemeinsam gründeten sie vor eineinhalb Jahren die Kleinbauerngenossenschaft Aprac, deren Vorsitzender Toledo ist. Sie investierten in eine kleine Fabrik, in der sie Süßigkeiten aus tropischen Früchten herstellen. Ein Teil der Ernte wird an eine nahegelegene Saftfabrik verkauft. Inzwischen warten die Bauern auch nicht mehr zuhause auf die Zwischenhändler, sondern sie verkaufen selbst auf dem Wochenmarkt von Coronel Oviedo – zu deutlich besseren Preisen.

Im Umkreis von 40 Kilometern hat Toledos Beispiel Schule gemacht. 350 Bauern gehören Aprac inzwischen an. Bisher finden die Sitzungen in kirchlichen Einrichtungen oder bei ihm zuhause statt. „Wir brauchen mehr Kapital und günstigere Kredite“, fordert er weiter. Um das zu erreichen, soll Aprac eine politische Stimme der Kleinbauern werden – als Gegengewicht zur allmächtigen Großgrundbesitzervereinigung.

Schritt für Schritt werden die Kleinbauernfamilien und indigenen Gemeinden wieder unabhängig. Und sie leben den großen Traum, in Harmonie mit der Natur anzubauen und sich und ihre Nachbarn mit gesunden, ökologischen Nahrungsmitteln zu versorgen.

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