„Komm und sieh“

  • Diaspora-Aktion 2013

Kienäpfel, bringt Kienäpfel!“ Die Kinder beginnen sofort, Kiefernzapfen zu sammeln und tragen sie zu einem Kreuz aus Zweigen. „Wenn jeder mit seinem Kienapfel ein stilles Gebet ans Kreuz legt, haben wir ein beeindruckendes Morgengebet“, meint Pfarrer Bertram Tippelt. Die 9- bis 13-Jährigen bilden einen Kreis um das Kreuz, nehmen Christus in ihre Mitte. Mit verschlafenen Augen beginnen die Kinder aus der Berliner Gropiusstadt den dritten Tag ihrer Religiösen Kinderwoche (RKW). Die Gruppe der Pfarrei Sankt Dominicus hat sich für zehn Tage in das Sankt-Otto-Heim auf der Ostseeinsel Usedom eingemietet.

Paulus und der entflohene Sklave Onesimus stehen im Zentrum der RKW. Die Lebenswelt der biblischen Helden soll den Kindern mit Glaubensunterricht, Spielen und Tagesausflügen nahe gebracht werden. Und: mit Paulus und Onesimus lernen die Kinder, was unter dem RKW-Motto „Wer glaubt, ist nicht allein“ gemeint ist, was Gemeinschaft im Glauben bedeutet. Fast 17.000 Kinder in Ostdeutschland nehmen jedes Jahr an einer Religiösen Kinderwoche teil. Sie bildet in der Diaspora eine wichtige Stütze der Glaubensweitergabe an die kommende Generation.

„Damit der Glaube wachsen kann!“

Diaspora, das bedeutet für Kinder in Ostdeutschland oft Alleinsein im Glauben. Die große Mehrheit, über 75 Prozent, ist weder getauft noch gehört sie einer anderen Religion an. Katholiken bilden nur eine kleine Minderheit, oft weniger als vier Prozent der Bevölkerung, so dass sich ein katholisches Kind allein in seiner Jahrgangsstufe wiederfindet, der nächste katholische Altersgenosse weit entfernt wohnt. Den Glauben in solch einer Situation an Kinder weiterzugeben, ist für Eltern wie für Verantwortliche eine besondere Herausforderung. Deshalb fördert das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken die Religiösen Kinderwochen mit rund 450.000 Euro pro Jahr. Sie hilft, „Damit der Glaube wachsen kann!“ wie es im Motto der Diaspora-Aktion 2013 heißt. Die RKW schenke den Kindern eine Heimat in der Kirche, wie sie diese sonst nur selten erfahren könnten, ist Pfarrer Tippel überzeugt: „Man muss für den Glauben etwas tun. Wenn wir es nicht machen, macht es keiner.“

So manches Kind findet in den Religiösen Kinderwochen neue Freunde. Herrmann/Bonifatiuswerk

„Ich wusste gar nicht, dass Paulus so viele Briefe geschrieben hat. Und er hat sogar eine Steinigung überlebt!“ Merlin antwortet begeistert auf die Frage, was er denn in den ersten Tagen gelernt hat. Der 10-Jährige ist zum ersten Mal dabei. „Nach dem Frühstück spielen die Leiter uns ein Stück aus der Bibel vor. Dann geht jeder in eine Gruppe. Ich war gestern bei ,Oni und Paulus’“, beschreibt er den Ablauf eines RKW-Vormittags.

„Ich bete und spreche jeden Tag mit Gott“

Thomas war schon mehrmals dabei. Der 13-Jährige freut sich auf die RKW-Party, die Abenteuernacht im Zelt, den Küchendienst und den großen Gottesdienst am Sonntag. Ganz offen spricht der Ministrant über seinen Glauben. „Ich bete und spreche jeden Tag mit Gott“, bekennt Thomas. Bei der RKW merke er, dass er nicht der einzige ist, der täglich betet. „Gemeinsam zu beten, ist mir sehr wichtig.“ In seiner Schulklasse kann er solche Erfahrungen nicht machen. Thomas ist der einzige katholische Schüler. Von den 35.000 Bewohnern des Neuköllner Hochhausviertels Gropiusstadt sind knapp 5.000 katholisch. Sie kommen aus 64 Nationen. „Die Religiösen Kinderwochen wirken wie ein Dynamo für das gesamte Gemeindeleben“, erklärt Pfarrer Tippelt.

„Komm und sieh“ – für ihn ist das die Grunderfahrung einer RKW. „Wenn die Kinder erleben können, was ihren Glauben ausmacht, bekommen sie einen stärkeren Bezug und vergessen nicht so schnell, was in der Bibel steht.“ Solch unmittelbare Glaubenserfahrungen seien unersetzlich. „Wer dem Wort Gottes aktiv nachspürt, kommt einfacher mit der Wirklichkeit des Glaubens in Berührung“, ist Tippelt überzeugt: „Wir leben zehn Tage zusammen, singen, beten, essen, spielen, baden, lachen und streiten gemeinsam – hier bekommt der Glaube Hände und Füße.“

Von Alfred Herrmann

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