„Wir jungen Brasilianer wollen gehört werden“

  • Menschenrechte

Suanny Martins Vater wurde noch vor ihrer Geburt im Drogenkrieg in einer Favela Rios getötet. Heute engagiert sich die 27-jährige Brasilianerin selbst für eine bessere Zukunft der Kinder in den Armenvierteln. Geholfen hat ihr dabei die Pastoral für gefährdete Jugendliche, ein kirchliches Projekt, das versucht, Kinder und Jugendliche aus dem Sumpf von Drogen und Gewalt herauszuholen.

Frage: Suanny, du bist in einer Favela groß geworden, wurdest früh mit Drogen und Gewalt konfrontiert. Heute studierst du Soziale Arbeit und bist beim Kinderschutzbund CEDECA tätig. Wie hast du das geschafft?

Suanny Martins: Diesen Weg habe ich geschafft dank der Arbeit der Kinderpastoral in unserem Stadtviertel. Sie bietet verschiedene Aktivitäten für Kinder und Jugendliche an, wie beispielsweise Nachhilfeunterricht, Capoeira, Informatikkurse. Das alles hat dazu beigetragen, dass ich nicht den Weg der Drogen eingeschlagen habe, sondern das mache, was ich heute tue.

Frage: Wie siehst du die Situation der Jugendlichen heute in den Favelas?

Suanny: Leider hatten nicht alle Jugendlichen die gleichen Chancen wie ich. Etwa im Bereich Schule: Viele haben keine Gelegenheit, an Bildung zu kommen. In Rio gibt es überhaupt keine angemessenen öffentlichen Bildungsangebote, sodass zahlreiche Jugendliche den Weg der Drogen einschlagen. Und das passiert in den letzten Jahren immer früher; die Jugendlichen werden immer jünger, bisweilen sogar Kinder, wenn sie anfangen, Drogen zu nehmen. Wenn sie die Schule besuchen, steigen sie früh aus – auch, um ihre Familien finanziell zu unterstützen.

Kampf für die Jugend in den Favelas

Suanny Martins wuchs in Rio in einer Favela auf. Heute hilft sie selbst den Jugendlichen dort.

Claudia Zeisel

Frage: Was kannst du mit deiner Arbeit und deinem Studium für die Kinder und Jugendlichen in den Favelas tun?

Suanny: Ich versuche mit meinem Lebenszeugnis andere Menschen anzusprechen. Dadurch, dass ich von meiner Geschichte erzähle, versuche ich den Kindern und Jugendlichen zu zeigen, dass andere Wege möglich sind. Das tue ich nicht alleine, sondern das bezeugen auch meine Geschwister, die ebenfalls Unterstützung der Pastoral für gefährdete Jugendliche erfahren haben. Es ist wichtig, das anderen zu zeigen, weil das am überzeugendsten ist. Ich hatte das Glück, nicht im gefährlichsten Teil der Favela zu wohnen, sondern in einem Teil, der ein bisschen besser gestellt ist. Die anderen Teile erleben täglich den Eingriff von Gewalt, von Polizei, die das Leben der Menschen dort gravierend bestimmen.

Frage: Mitte März wurde die Menschenrechtsaktivistin Marielle Franco in Rio ermordet. Welche Bedeutung hat sie für dich?

Suanny: Ich habe Marielle Franco nicht persönlich gekannt, aber mir war sie natürlich bekannt. Sie war eine Afrobrasilianerin und stammte aus einer Favela wie ich. Für mich ist sie ein Vorbild, weil sie sich für die Menschenrechte eingesetzt hat. Ihr Tod ist ein großer, sehr trauriger Verlust. Bis heute ist nicht klar, wer sie ermordet hat und was die Hintergründe sind. Für uns ist sie gleichzeitig ein Bezugspunkt, der uns hilft, den Kampf weiterzuführen, uns weiter für unsere Rechte einzusetzen. Das ist für uns wesentlich und das hat sie mir und uns hinterlassen.

Dossier

Unter dem Motto „Chancen geben – Jugend will Verantwortung“ lenkt Adveniat die Aufmerksamkeit auf die Situation von benachteiligten Jugendlichen in Lateinamerika und der Karibik. 


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Frage: Mit dem neuen Präsidenten Jair Bolsonaro ist ein Präsident gewählt worden, der offen rassistisch ist. Dennoch haben ihn auch Afrobrasilianer gewählt. Kannst du das nachvollziehen?

Suanny: Wir haben es in der Tat mit einer sehr traurigen Situation zu tun. Ich schaffe es ehrlich gesagt nicht, mich in die Lage eines Afrobrasilianers hinein zu versetzen, der Bolsonaro gewählt hat. Dennoch verlieren wir nicht die Hoffnung, dass nicht alles eintreten wird, was er in seinem Wahlkampf angekündigt hat. Es ist aber ein riesiger Rückschritt, den wir erleben. Denn Bolsonaro predigt Gewalt. Das ist erschütternd. Ich kann die Leute nicht verstehen, die ihn unterstützen.

Frage: Was sind deine Hoffnungen für die Jugend in den Favelas?

Suanny: Meine Hoffnung ist, dass wir als junge Erwachsene eines Tages mehr Raum haben in der brasilianischen Gesellschaft. Dass wir unsere Meinung sagen können. Dass wir von uns erzählen können, man uns hört. Wir wollen unsere Ideen für die Zukunft mitteilen können. Wir wollen ein Land größerer Gerechtigkeit werden. Denn bei uns herrscht eine immense Ungerechtigkeit.

Das Interview führte Claudia Zeisel

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