„Wir begleiten Familie“

Geschirrgeklapper, angeregte Tischgespräche, ein CD-Spieler spielt leise Klaviermusik. Einmal in der Woche verwandelt sich das kleine Haus in der Klostera iela 5, inmitten der Rigaer Altstadt, in ein Restaurant der besonderen Art. Serviert wird dann nur ein einfaches Menü, bedient aber werden ausschließlich verheiratete Paare. „Laulāto kurss“, also „Ehekurs“, nennt sich die Seminarreihe hier im „Svētās Ģimenes Māja“, dem „Zentrum der Heiligen Familie“. Und unter den 20 Teilnehmern sind junge Paare, wie Egita und Sanijs Volinskis.

„Eigentlich haben wir keine Probleme in der Ehe“, sagten die beiden Mittdreißiger. Da sie aber beruflich sehr eingespannt und mit ihren fünfjährigen Zwillingen und der zweijährigen Tochter viel beschäftigt sind, bleibt oft wenig Zeit für Zweisamkeit. „Es ist gut, wenn nur wir beide ein wenig Zeit miteinander verbringen und sei es nur ein gemeinsames Essen“, sagt die 35-jährige Egita. „Hier machen wir aber noch mehr: Manchmal bekommen wir Hausaufgaben auf und sollen dann darüber sprechen.“

Ins Gespräch kommen über die eigene Beziehung, darum gehe es bei den Paarabenden im Ģimenes Māja, sagt Dainis Stikuts. Zusammen mit seiner gleichaltrigen Frau Baiba leitet der 45-Jährige die Ehekurse für Verheiratete und kann sich vor Anmeldungen nicht retten. „Paare brauchen eine gemeinsame Tradition, wie ein Essen nur zu zweit“, sagt er aus der Erfahrung seiner 23 Ehejahre. Das Motto mancher Abende laute daher „Rendezvous“, dann gehe es darum, den Funken in langjährigen Beziehungen nicht zu verlieren, konstatiert Dainis.

Inmitten der lettischen Diaspora stärkt das „Svētās Ģimenes Māja“ katholische Familien mit einem vielfältigen Angebot. Bei einem abendlichen Kurs kommen Eheleute wieder ins Gespräch.

Markus Nowak / Bonifatiuswerk

Als Frischverliebte sind die heutigen Ehepaare früher gemeinsam essen gegangen, sprachen über ihre Träume und Sorgen und verbrachten Zeit miteinander. „Oft tritt der Alltag ein. Neben Job und Familie bleibt da keine Zeit mehr für die Beziehung“, ergänzt seine Frau Baiba. „Kirche bringt dann die Romantik“, lacht Ehemann Dainis. „Zumindest aber kann man Familienleben lernen“, relativiert der fünffache Familienvater. „Wir zeigen, dass es ist nicht perfekt wird. Aber, dass wir es hinbekommen.“

So gibt es bei den Abenden immer wieder Vorträge zum Familienleben und die Teilnehmer bekommen Arbeitshefte mit nach Hause. Darin stehen Tipps für Paare und auch manch Aufgabe, die gemeinsam mit dem Partner gelöst werden soll oder zur Reflektion über die eigene Beziehung anregen. „Der lettische Staat bereitet die Menschen nicht auf die Ehe vor“, konstatiert Andris Kravalis. Als Pfarrer der Maria-Magdalena-Kirche auf der gegenüberliegenden Straßenseite, zugleich Träger des „Svētās Ģimenes Māja“, kennt er die soziale Situation in Lettland gut.

So kommen statistisch auf 10 Eheschließungen 6 Scheidungen und fast jedes zweite Kind wird in Lettland nicht in eine Familie hineingeboren. Jene familienfeindliche Struktur sei noch ein Überbleibsel aus der Sowjetzeit, in der die katholische Kirche und somit ein christliches Menschenbild unterdrückt wurde. „Unsere Gesellschaft sieht Familie zu wenig als Wert an“, sagt Kravalis. „Es wird zu wenig getan, um Familien zu stärken.“

Inmitten der lettischen Diaspora stärkt das „Svētās Ģimenes Māja“ katholische Familien mit einem vielfältigen Angebot. Andris Kravalis ist Pfarrer der Maria-Magdalena-Kirche, die das Zentrum trägt.

Markus Nowak / Bonifatiuswerk

Dem will das „Svētās Ģimenes Māja“ entgegentreten. „Wir begleiten Familien“, sagt die Direktorin Inese Švekle und das „in guten und in schlechten Zeiten“. So gibt es nicht nur Ehekurse, sondern auch Angebote für junge Eltern aber auch Seniorengruppen. Zudem bestehen Therapieangebote für Menschen in Not und auch die Selbsthilfegruppen, wie Anonyme Alkoholiker, versammeln sich unter dem Dach des „Svētās Ģimenes Māja“.

Das Zentrum wurde zwar erst 2015 eröffnet, das Gebäude blickt aber auf eine lange Geschichte, die bis ins 13. Jahrhundert reicht. Im Keller ist die Geschichte des einstigen Zisterzienserklosters noch gut sichtbar: Hier wurde ein kleines Museum errichtet, wo manchmal die „Kunstwerke“ aus den Krabbelgruppen oder Malereien von Suchtkranken ausgestellt werden.  „Die Räume waren in einem schlechten Zustand, erst eine großzügige Unterstützung des Bonifatiuswerkes hat die Sanierung und die Eröffnung ermöglicht“, sagt Pfarrer Kravalis.

Das Bonifatiuswerk hat 100.000 Euro für das Familienzentrum inmitten der lettischen Diaspora zur Verfügung gestellt und zur Einweihung kam Monsignore Georg Austen persönlich nach Riga. Der Generalsekretär des Bonifatiuswerks überbrachte ein weiteres, wenn auch kleineres Geschenk. Ein buntes Kreuz, das nun über der Eingangstür hängt. „Es symbolisiert die Vielfalt unseres Hauses“, freut sich Direktorin Inese. „In Sorge für die Familie.“

Das bestätigen Mareks und Dace Kardasovi. Die beiden Rigaer sind seit zwei Jahren verheiratet und kommen nun zu den Paarabenden, da sie gute Erfahrungen in dem Ehevorbereitungsseminar hier gemacht haben. „Wir haben viele Freunde, die mal verheiratet waren und nun geschieden sind“, sagt der 23-jährige Student. „Eine Ehe kaputt machen geht leicht, aber an ihr arbeiten ist schwer und braucht Unterstützung.“ Und diese bekommen er und seine Frau im „Svētās Ģimenes Māja“.

Von Markus Nowak

© Bonifatiuswerk