Unsere Kirche ist keine Betonkirche

Im Gespräch mit Monsignore Georg Austen, Generalsekretär des Bonifatiuswerkes, über die Diasporaaktion und den gesellschaftlichen Wandel . Das Interview führte Patrick Kleibold.

Frage: Unsere Gesellschaft befindet sich in einem Wandel. In vielen Regionen breitet sich die Diaspora weiter aus. Was bedeutet das für die Arbeit des Bonifatiuswerkes?

Monsignore Austen: „In der Tat, Diaspora breitet sich aus. Dies hat mehrfache Gründe. Dabei ist natürlich jeder Austritt eines Menschen aus unserer Glaubensgemeinschaft schmerzhaft. Vielerorts gibt nicht nur eine zahlenmäßige Diaspora, sondern auch eine emotional geprägte Glaubensdiaspora. Auch in traditionell katholisch geprägten Gebieten sind oftmals praktizierende Gläubige mehr und mehr allein. Für uns im Bonifatiuswerk bedeutet das, zunächst einmal genau hinzusehen und wahrzunehmen wo die Gründe dafür liegen. Wir müssen uns die Fragen stellen: Welche Gestalt von Kirche können und wollen wir heute für morgen fördern und wie können wir heute im Sinn des Heiligen Bonifatius Gutes tun, für das Evangelium werben und solidarisch handeln?“

Frage: Die Diaspora-Aktion steht unter dem Leitwort „Unsere Identität: Segen sein“. Wie kann jeder einzelne von uns zum Segen für die Christen in der Diaspora werden?

Monsignore Austen: „Jeder Mensch ist ein Segen Gottes. Und wer sich von Gott gesegnet weiß, der kann nicht anders als diesen Segen weiterzugeben. Wenn wir segnen vertrauen wir einen Menschen Gott an. Du bist für mich ein Segen, das kann heißen, ich erfahre durch dich Unterstützung – du betest für mich. Menschen erfahren, dass sie nicht alleine sind, auch nicht in ihren Lebensnöten. Durch unseren Segen können sie Glaubensgemeinschaft erfahren. Gerade in einer Welt, die oftmals Gott ausklammert, sind Menschen die segensreich wirken ein Geschenk. Letztlich heißt segnen, jemanden die Berührung Gottes spüren zu lassen und mit seinem Leben in Berührung zu kommen.“

Frage: Sie beziehen sich auf Gottes Zusage und den Auftrag an Abraham: „Ich werde dich segnen. Ein Segen sollst du sein.“ Was heißt das konkret, nicht nur für den einzelnen, sondern für die ganze katholische Kirche und das Bonifatiuswerk?

Monsignore Austen: „Wer den Segen empfängt, kann tiefer und weiter blicken. Es geschieht so viel gutes, gerade durch die Christen in der Diaspora, wo Menschen Orte finden und aufatmen können, wo Lebensbrüche heilen und konkrete Hilfe erfahren wird. Ich bin immer wieder sehr berührt, wenn ich in den Projekten sehe, wie sich Menschen vom Evangelium inspiriert und getragen für andere einsetzen. Ich finde es wichtig, dass wir auch in einer Welt für diejenigen eintreten, die am Rande stehen, deren Leben geschwächt ist und die in den Augen der Gesellschaft keinen Nutzen und keine Leistung bringen. Durch die Zusage Gottes spüren wir, dass er uns in allen Höhen und Tiefen unseres Lebens nicht alleine lässt. Diese Zusage ist zugleich Auftrag an uns, in ökumenischer Verbundenheit und mit allen Menschen guten Willens das Wirken Gottes in dieser Welt sichtbar zu machen.“

Frage: Sie sind häufig in Diaspora-Regionen unterwegs. Sie kennen die Sorgen und Nöte, ebenso die Chancen und Herausforderungen. Was würden Sie einem Katholik sagen, warum er seine Glaubensgeschwister in der Diaspora nicht nur im Gebet sondern auch in der Tat unterstützen soll?

Monsignore Austen: „Ja, es gibt in Deutschland, Nordeuropa oder dem Baltikum Glaubensbrüder- und Schwestern die unbedingt eine finanzielle Unterstützung brauchen, da sie oftmals materiell arm sind und in großen Entfernungen voneinander leben. Sie brauchen Räume, um sich treffen zu können. Sie brauchen Glaubensräume, wo der Glaube gefeiert und erschlossen wird, Glaubensbildung geschieht und Katechese stattfinden kann. Sie brauchen Unterstützung, wie durch unsere BONI-Busse als mobile Glaubenshelfer, und gerade auch in den vielen caritativen Projekten, in denen ersichtlich wird, dass Gebet füreinander und Solidarität miteinander unzertrennlich zusammengehören. Wir können vieles lernen von den Diasporaregionen, in denen Menschen Glaubenszeugnis geben. Gerade in Nordeuropa spüre ich – trotz aller Probleme – immer wieder Zeichen der Ermutigung einer sich im Aufbruch befindenden jungen und internationalen Kirche.“

Frage: Als Bonifatiuswerk liegt Ihnen insbesondere die Glaubensbildung am Herzen. Warum ist diese so wichtig für ein gutes Miteinander in unserer Gesellschaft?

Monsignore Austen: „Menschen müssen heute erleben, dass unsere Kirche einladend ist. Sie ist keine Betonkirche. Sie ist eine Kirche mit Herz. Dieses Herz öffnet sich für die Fragen und Nöte der Menschen und hilft ihnen beim Suchen und Ringen nach Lebensperspektiven. Sie hat ein Herz, das in den Wüsten unseres Alltags etwas von der Barmherzigkeit Gottes wiederspiegelt. Durch dieses Herz spüren wir: Gott lässt uns nicht allein. Jeder ist willkommen und wird mit seinen Lebensbrüchen und Lebensfragen angenommen.

Das Bonifatiuswerk ist ein Hilfswerk für den Glauben. Vielen sind heute die Inhalte und Grundlagen unseres Glaubens fremd. Den Glauben kann ich nicht machen oder erzwingen. Er ist zunächst ein Geschenk. Aber wenn ich mich entscheide, den Weg des christlichen Glaubens zu gehen, muss ich auch Möglichkeiten haben die Grundlage des Glaubens kennenzulernen. Dies kann nur durch Menschen geschehen, die selbst Zeugnis vom Glauben geben und auskunftsfähig sind über dessen Inhalte. Wir werden oft gefragt was unseren Glauben ausmacht und wie er in der heutigen schnelllebigen Zeit Antworten auf notwendige Fragen geben könne. Gerade hier ist die Glaubensbildung wichtig, besonders in der Kinder- und Jugendkatechese. Ich denke, auch für Erwachsene ist es an der Zeit, aus dem Kommunionanzug herauszuwachsen und Wege erwachsenen Glaubens zu suchen. Denn nur so können wir mit Andersdenkenden und Andersglaubenden in einen Dialog treten. Hier bin ich sehr froh, dass das Bonifatiuswerk sehr viele Projekte unterstützen kann. Dies kann nur durch die vielen Spenderinnen und Spender gelingen, denen ich für ihr großherziges Engagement danke.“

Frage: Was bedeutet Gottes Zusage „Ein Segen sollst Du sein“ für Ihre persönliche Identität?

Monsignore Austen: „Für mich persönlich bedeutet der Segen, dass ich die Schöpfung und den Menschen bejahe und aus der Zuversicht lebe, dass ich mich im Unglück wie im Leid sowie im Gelingen und Scheitern von Gott gesegnet weiß. Ich weiß um den Anspruch, dass ich als Gesegneter mit meinen Gaben und Fähigkeiten, meinen Grenzen und Möglichkeiten sowie meinen Fehlern und Sehnsüchten zum Segen für andere werden soll. Das hoffe ich und dafür bete ich. Das schönste Kompliment für mich ist, wenn mir jemand sagt oder ich anderen sagen kann, Du bist ein Segen. Du bist eine Seele von  Mensch und bist so zum Segen für Andere geworden.“

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