„Wir lieben unser Land, doch es liebt uns nicht zurück“

  • Sarajevo

Drei Tage hielt Karolina Lukić die Lügen aus. Dann legte sie ihre falsche Identität wieder ab. Als Sarah Stern musste sie sich vorstellen, wenn ihre Gesprächspartner in Deutschland den Telefonhörer abnahmen. Den Namen hatten ihr die Betreiber eines der Callcenter verpasst, in denen sich in Sarajevo Hunderte junger Menschen in der Kundenwerbung verdingen.

Die angehende Psychologin hatte den Job angenommen, um ihr Studium zu finanzieren. Ihre Qualifikation schien ideal. Die 26-Jährige ist redegewandt und freundlich, vor allem spricht sie ein akzentfreies Deutsch. „Mit einer vorgetäuschten Umfrage zum Thema Verbraucherschutz sollte ich das Vertrauen gewinnen. Die Anrufe erweckten den Eindruck, sie kämen aus Deutschland und hatten nur den Zweck, Kunden zu beeinflussen, ihren Strom­anbieter zu wechseln.“ Ein hoher Monatslohn von 800 bosnischen Marka, 400 Euro, wurde Karolina in Aussicht gestellt. Der Haken: „Man musste pro Schicht genügend Vertragskontakte schaffen.“ Sie kündigte. „Ich fühlte mich schäbig. Ich will kein Geld damit verdienen, am Telefon wildfremde Leute zu belügen.“ Ihren Traum von einer sinnvollen und fair entlohnten Arbeit teilt Karolina Lukić mit anderen jungen Menschen. Nur findet der Wunsch in Bosnien und Herzegowina nur selten seine Erfüllung.

Ein Uni-Diplom qualifiziert bestenfalls zum Kellnern

Fast siebzig Prozent der Jugendlichen haben keine Arbeit oder gehen Beschäftigungen nach, die nicht ihrer Qualifikation entsprechen. Akademikerinnen putzen Büros, sitzen an den Kassen der Supermärkte oder servieren Cappuccino in den Cafés. Karolinas Freund Boris, der in diesem Jahr seinen Master in Politikwissenschaften erlangt, befürchtet, dass ihn sein Hochschulabschluss bestenfalls qualifiziert, „in Sarajevos Kneipen zu kellnern“.

Unwahrscheinlich ist auch, dass Kristina Cuturić nach ihrem Examen eine Anstellung als Juristin finden wird. Es sei denn, sie würde ein hohes Schmiergeld an dubiose Stellenvermittler bezahlen. Die 27-Jährige stammt aus der Kleinstadt Fojnica, die in den letzten Jahren um 3.000 Einwohner geschrumpft ist. „Die Perspektivlosigkeit und die Korruption haben alle alten Schulfreunde vertrieben. Sie arbeiten heute in Deutschland, Österreich oder Schweden. In Fojnica lebt niemand mehr, mit dem ich abends auf ein Bier ausgehen könnte.“ Einer staatlichen Umfrage aus dem Jahr 2014 zufolge wollen knapp 83 Prozent der jungen Erwachsenen zwischen 18 und 30 Jahren aus Bosnien und Herzegowina auswandern.

„Die Perspektivlosigkeit und die Korruption haben alle alten Schulfreunde vertrieben. Sie arbeiten heute in Deutschland, Österreich oder Schweden.“

— Kristina Cuturić, Juristin aus Sarajevo

Die föderale Republik verdankt ihre völkerrechtliche Anerkennung dem Abkommen von Dayton, wo nach dem Zerfall Jugoslawiens und einem dreijährigen Krieg 1995 in den USA der Friedensschluss zwischen Serben, Kroaten und Bosniern besiegelt wurde. An den Folgen der infrastrukturellen Verwüstungen trägt das Land bis heute. Zerstörte Fabriken wurden nicht wieder aufgebaut, die Industrie liegt darnieder, eine wettbewerbstaugliche Wirtschaft existiert nicht. Als Kardinalfehler entpuppte sich das Daytoner Dekret, das Land in zehn Kantone aufzuteilen, was einen maßlos überblähten Verwaltungsapparat nach sich zog. Zwei Drittel des Staatshaushalts fließen in die Administra­tion. „Dort kann man beruflich unterkommen“, so Kristina, „aber nur, wenn man über Geld und Beziehungen verfügt.“

Pause in der Sankt-Joseph-Schule von Sarajevo: Seit 22 Jahren werden die multiethnischen „Schulen für Europa“ in Bosnien von Renovabis gefördert.

Bauerdick/Renovabis

Versöhnung statt Konfrontation

„Die Atmosphäre im Land ist schlecht“, sagt Vatroslav Čelar. Der Schulleiter des gymnasialen Zweigs der Sankt-Joseph-Schule in Sarajevo findet klare Worte: „Die Politiker sind an sich selbst, aber nicht an der Zukunft künftiger Generationen interessiert. Umso mehr unterstützen wir unsere Schülerinnen und Schüler, in ihrer Heimat eine Perspektive zu entwickeln.“ Als eine von sieben bosnischen „Schulen für Europa“ genießt die ­Joseph-Schule mit rund 1.500 Kindern und Jugendlichen einen herausragenden Ruf. Seit nunmehr zwanzig Jahren. Noch zur Zeit des blutigen Bürgerkriegs gegründet, setzte das pädagogische Konzept auf Versöhnung statt auf Konfrontation. „Als Zeichen des Sieges des Geistes über die Gewalt“, so Direktor Čelar. Von Beginn an multiethnisch ausgerichtet, ist die Schule bis heute nicht nur für kroatische Katholiken, sondern auch für bosnische Muslime und orthodoxe Serben offen. Die gelebte Toleranz zwischen Christen und Moslems ist ebenso beispielhaft wie die Vermittlung von europäischen Bildungsstandards, sozialer Kompetenz und geistlicher Orientierung. 150 neue Grundschüler wurden 2015 aufgenommen. Längst übersteigt die Zahl der Bewerber die Zahl der vorhandenen Plätze.

Die Oberstufenschüler Ivan, Robert und David teilen sich ein Zimmer des hauseigenen Internats. Berufliche Zukunftsängste kümmern sie nicht. Sie zählen zu den 220 Jungen und Mädchen, die auf dem Weg zum Abitur zusätzlich eine medizinische Ausbildung in professioneller Krankenpflege absolvieren. „Nach der Schule finden wir sofort eine Stelle“, meint David und fügt hinzu: „Entweder hier oder woanders in Europa.“ Natürlich wissen die angehenden Pflegekräfte, dass ihre Fähigkeiten in Deutschland begehrt und die Gehälter dort ungleich höher sind als in den Balkanländern. „Ein Beruf, der mich zufrieden macht, ist mir wichtiger als Geld“, meint der 16-jährige Robert. Fakt ist aber auch: Vierzig Prozent der Absolventen der katholischen Medizinschule suchen ihr Glück nicht in ihrer Heimat.

Gehen oder bleiben? Karolina Lukić und ihr Gefährte Boris Galamić sind hin- und hergerissen. Wie viele junge Bosnier ist Karolina als Flüchtlingskind in Deutschland aufgewachsen. Sie war acht, als sie mit ihrer Mutter aus Baden-Württemberg abgeschoben wurde. Zwar entdeckte sie in Bosnien ihre Wurzeln, fand Freunde und ein Zuhause, doch der Traum von Deutschland blieb. Der wäre sofort zu realisieren. Als bosnische Katholikin besitzt die künftige Psychologin auch die kroatische Staatsangehörigkeit und damit einen Pass, der innerhalb der Europäischen Union Freizügigkeit garantiert. Andererseits: Sarajevo ist eine junge, eine lebens- und liebenswerte Stadt. „Wir lieben unser Land“, sagen Karolina und Boris. „Das Problem ist, dass diese Liebe nicht erwidert wird.“ Auf die Frage, was sich im Land ändern müsse, antworten beide wie aus einem Mund: „Alles!“

Von Rolf Bauerdick

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Jung, dynamisch, chancenlos? Unter diesem Motto stellt die Renovabis-Pfingstaktion 2016 die Situation von Jugendlichen in Osteuropa in den Mittelpunkt. Mehr Informationen finden Sie in unserem Dossier.

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