Kinderleben in Bolivien

  • Aktion Dreikönigssingen

Auf den ersten Blick wirkt die Szene etwas befremdlich: In einer langen Reihe kommen immer mehr Jungen und Mädchen in Fußballtrikots, mit Knieschonern und Stollenschuhen aus dem Seitenschiff der Kirche im bolivianischen El Alto. Dort, wo einst Gottesdienste gefeiert wurden, befinden sich heute die Umkleideräume der Palliri-Fußballschule. In einem Nebengebäude werden Torpfosten, Hütchen, Bälle und die Zuschauerbänke aufbewahrt. „Zona Joven“ – „Jugendzone“ steht in bunten Lettern an der Außenwand des Gotteshauses – und der Name ist Programm: Rund 100 Jungen und Mädchen zwischen sechs und 16 Jahren trainieren hier vier Tage die Woche.

Schuss und … „Tooooor!“ Jubelnd reißen Mitspieler und Zuschauer die Arme hoch und applaudieren dem Torschützen Ruddy. Rund 30 Jungen und Mädchen sind heute zum Training in den Stadtteil Santiago II gekommen. Während sein jüngerer Bruder Albin sich noch beim Parcours- und Kopfballtraining aufwärmt, tragen Ruddy und sein Team bereits die erste Partie aus. Die Luft ist dünn auf mehr als 4.000 Metern Höhe und ein eisiger Wind fegt über den staubigen Platz vor der Kirche. Doch das scheint die jungen Kicker nicht im Geringsten zu stören. Verwandte und Freunde sind gekommen, um sich die Spiele anzuschauen. Auch die Eltern von Ruddy und Albin beobachten das Training vom Spielfeldrand aus. Schwester Lizeth ist zuhause geblieben, sie spielt lieber mit ihrer Katze Minina.

Albin und Ruddy (links) genießen es, ihre traditionellen Ponchos anzuziehen, am Fluss Fische zu fangen oder Lamas und Schafe zu hüten.

Flitner/Kindermissionswerk

Sportmöglichkeiten schaffen, Werte vermitteln

Seit 2007 gibt es die Fußballschule in El Alto. Ihr Motto: Sportmöglichkeiten schaffen und durch das Fußballtraining Werte vermitteln – Fair Play, Teamgeist, Durchhaltevermögen, aber auch Respekt, selbstbestimmtes Handeln und ein gestärktes Selbstbewusstsein. Es sind wichtige Werte, die die Kinder und Jugendlichen vom Fußballplatz auch mit in ihren Alltag nehmen. Sie helfen den Kindern und Jugendlichen aus schwierigen sozialen Verhältnissen, sich vor Bandenkriminalität, Drogen- und Alkoholmissbrauch zu schützen oder die Schule nicht vorzeitig abzubrechen. „Unsere Fußballschule ist ein wichtiger Ort der Integration – hier entstehen Freundschaften!“, erzählt Trainerin Silvia Mayta Condori stolz. „Außerdem holen wir die Kinder von der Straße weg. Klar wollen wir gute Fußballer aus ihnen machen, aber auch Bildung ist wichtig. Unser Motto besagt: Wenn du einen Ball in der einen und ein Buch in der anderen Hand hast, lass niemals das Buch fallen, sondern immer den Ball.“

Die Hilfe der Sternsinger

Die Palliri-Fußballschule ist nur ein Bestandteil des Projekts Palliri. Ein Kreis aus vielen bunten Kinderhänden bildet das Logo der Stiftung. Sie symbolisieren den Leitspruch der Einrichtung: „Auch wenn wir alle unterschiedlich sind, sind wir Teil einer großen Gemeinschaft.“ Respekt, Integration und Selbstbewusstsein sind nur einige wichtige Werte, die Palliri den Kindern und Jugendlichen mit auf ihren Weg geben möchte. Seit 22 Jahren arbeitet die Stiftung in El Alto, der am schnellsten wachsenden Stadt Boliviens mit rund einer Million Einwohnern. 45 Mitarbeiter und Freiwillige tragen dazu bei, dass Palliri mit ihrem umfangreichen Angebot mehr als 400 Kindern und ihren Familien eine umfassende Hilfe anbietet. Neben der Fußballschule unterhält Palliri einen Kindergarten, zwei Kinder- und Jugendzentren und eine Nähfabrik, deren Produkte in zwei Boutiquen verkauft werden. Die Sternsinger unterstützen die Arbeit der Stiftung seit 2010. In der Palliri-Fußballschule werden mit ihrer Hilfe die Gehälter für zwei Trainer, einen Koordinator und einen Pädagogen, die Instandhaltung und Anschaffung von Materialien, die Ausbesserung des Sportplatzes, der Transport zu Turnieren und Ausflüge bezahlt. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Elternschule, zu der die Väter und Mütter der Kinder immer wieder eingeladen werden.

Die Brüder Albin und Ruddy trainieren regelmäßig in der Fußballschule. Vater Pablo und Mutter Monica waren einst als Kinder alleine vom Land nach El Alto gekommen. Mit dem Umzug in die Großstadt endete ihre Jugend abrupt.

Flitner/Kindermissionswerk

Auch Albin (8) und Ruddy (14) trainieren regelmäßig in der Fußballschule. Die Brüder stehen jeden Dienstag, Donnerstag und Samstag auf dem Spielfeld, und das Training macht ihnen großen Spaß. „Viel mehr Spaß als die Schule“, verrät der Erstklässler Albin und lacht. Die monatliche Trainingsgebühr von umgerechnet zwei Euro hat Palliri der Familie erlassen, als sie diese nicht mehr bezahlen konnte. „Albin hat vor Glück geweint, er wollte unbedingt weiter Fußball spielen“, erzählt seine Mutter Monica, die mit aufwändigen Knüpfarbeiten nur wenig Geld verdient.

Dass die Eltern ihre Söhne zum Training begleiten, ist für die beiden selbstverständlich. Kaum älter als Ruddy heute waren sie einst alleine vom Land nach El Alto gekommen, um in der Stadt Arbeit zu finden. „Auf dem Land habe ich früher auch Fußball gespielt“, erinnert sich Vater Pablo Calle Doza (36). „Aus Stoffstreifen haben wir selbst Bälle hergestellt“. Mit dem Umzug nach El Alto endete seine Jugend abrupt. Statt Fußball zu spielen, nahm er jeden Job an, um ein wenig Geld zu verdienen und arbeitete fortan von morgens bis abends. In der Großstadt vermisste er nicht nur die Tiere und den Sternenhimmel der Altiplano-Hochebene, sondern vor allem seine Dorfgemeinschaft. „Wir haben uns alle immer gegenseitig geholfen, und dann war ich auf einmal alleine“, erzählt er. Seiner Frau Monica (34) erging es ähnlich. „Komm zu uns in die Stadt, wenn du Geld verdienen willst“, hatten ihre älteren Geschwister damals gelockt. Das Leben in El Alto war zwar angenehmer, gleichzeitig fühlte sie sich in ihrer traditionellen Kleidung auch fremd und verstand anfangs nur wenig Spanisch.

Verbindung zum Land ist nie abgebrochen

Heute ist die ganze Familie gut integriert. Die Verbindung zum Land ist jedoch nie abgebrochen. „Hier kann man sich selbst versorgen, es gibt keine Autos und viele Tiere“, schwärmt Ruddy vom Landleben. Regelmäßig fährt die ganze Familie in das Heimatdorf des Vaters, wo neben Großmutter Damiana (75) auch die beiden Cousins Cristhian (13) und Fabio (8) wohnen. Die Besuche bringen Abwechslung für alle: Albin und Ruddy genießen es, ihre traditionellen Ponchos anzuziehen, am Fluss Fische zu fangen oder Lamas und Schafe zu hüten. Cristhian und Fabio freuen sich, wenn die beiden ihren Ball mitbringen und sie gemeinsam Fußball spielen können. Die Familie hat sogar eine eigene Fußballmannschaft, die sie nach dem Dorf der Mutter „Mikani“ genannt haben. Manchmal treten Cousins und Cousinen, Onkel und Tanten sogar gemeinsam bei Fußballturnieren an. Mutter Monica schaut sich die Spiele lieber an. „Ich verstehe die Regeln nicht wirklich“, verrät sie.

Von Susanne Dietmann, Kindermissionswerk "Die Sternsinger"

© Kindermissionswerk "Die Sternsinger"