Äthiopien und Eritrea: „Dieser Frieden hält“

  • Friedensarbeit - 24.09.2018

Beim jüngst geschlossenen Friedensabkommen zwischen Äthiopien und Eritrea zeigt sich der Vorsitzende der äthiopischen Bischofskonferenz, Kardinal Berhaneyesus Souraphiel, optimistisch. Während seines Besuchs in Deutschland im Monat der Weltmission berichtet der Kardinal auch, was die Kirche für die Jugend in Äthiopien tun kann.

Frage: Herr Kardinal, es hat vor Kurzem eine Überraschung gegeben in Äthiopien: Ein Friedensabkommen mit Eritrea. Wie haben Sie reagiert und wie optimistisch sind Sie, dass es tatsächlich zum Frieden kommt zwischen diesen beiden Ländern?

Kardinal Berhaneyesus Souraphiel: Zunächst bin ich froh, dass es zum Friedensschluss zwischen diesen beiden Ländern gekommen ist. Diese beiden Völker haben viel gemeinsam, ihre Religionen und Kulturen. Die Friedensbemühung des neuen Premierministers Abiy Ahmed war auch die Frucht der Gebete beider Völker. Die religiösen Führer beider Länder haben gemeinsam für den Frieden gearbeitet und gebetet. Sie sind bis nach Oslo, Frankfurt und Nairobi gereist, um sich zu treffen und Frieden zu schaffen. Leider hat es dennoch einen schrecklichen Krieg zwischen beiden Ländern mit vielen Toten gegeben. Nun ist der Friede als Frucht der Gebete zum richtigen Zeitpunkt gekommen. Familien, die nicht mehr über die Grenze durften, wurden nach zwanzig Jahren wiedervereint. Diese traurige Situation konnte verändert werden. Und ich glaube, dieser Friede hält. Denn er wurde nicht von außen geschlossen, von den Vereinten Nationen in New York etwa, sondern von den Regierungschefs beider Länder selbst. Die Landwege wurden bereits geöffnet, auch die Häfen nehmen ihre Verbindungen wieder auf. Das Alltagsleben geht wieder los. Wenn die Menschen sich wieder begegnen und zusammenleben, wird der Frieden vertieft und wir hoffen, dass er hält.

Frage: Christen machen rund 60 Prozent der Bevölkerung aus, Muslime rund 34 Prozent. Beide Religionen leben in Äthiopien schon sehr lange zusammen. Wie funktioniert das Zusammenleben heute?

Souraphiel: Christen und Muslime leben sehr friedlich zusammen. Und das bereits seit vielen Jahrhunderten. Äthiopien ist ein Beispiel für ein friedliches Miteinander der Religionen. Das hängt auch damit zusammen, dass in Äthiopien die Stammesältesten und religiösen Führer respektiert werden, weil sie aus dem Volk kommen und mit dem Volk leben. Sie leben in den Dörfern, kleinen und großen Städten. Natürlich gab es in der Geschichte auch Konflikte und heute gibt es Fundamentalisten auf beiden Seiten. Aber insgesamt ist Äthiopien ein Beispiel für das friedliche Miteinander von Christen und Muslimen.

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Frage: Die Jugendlichen in Äthiopien suchen trotz wirtschaftlichen Aufschwungs in Äthiopien nach besseren Chancen im Ausland. Was kann die katholische Kirche für die Jugendlichen im Land tun?

Souraphiel: Die katholische Kirche in Äthiopien steht immer an der Seite der Jugendlichen. Beginnend im katholischen Kindergarten, den Grundschulen und Sekundarschulen – und nun Gott sei Dank auch an katholischen Hochschulen und Universitäten. Wir haben auch viele fähige Lehrer, Priester und Ordensleute, die wissen, wie sie mit den Jugendlichen umgehen müssen und die ihnen zuhören. Sie nehmen Anteil an den Träumen der jungen Menschen. Das Beste, was wir als katholische Kirche den jungen Menschen in Äthiopien bieten können, ist Bildung. Wir wollen ihnen beibringen, auf eigenen Beinen zu stehen und kritisch zu denken. Sie sollen auch ihr Land lieben lernen. Wenn du nur wunderschöne Fernsehbilder von Europa oder dem Nahen Osten siehst, denkst du, dort sei das Paradies. Dabei könnte das echte Paradies in deinem eigenen Land, deiner Heimat sein – bei den Leuten, die du kennst und die dich respektieren. Wo du dein christliches Erbe bewahren kannst, die Wurzeln des Christentums wie menschliche Liebe, Respekt und menschliche Würde. Wir können das den jungen Leuten in Äthiopien vermitteln.

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Frage: Die katholische Kirche ist mit 0,7 Prozent eine kleine Minderheit im Land. Welche Rolle spielt sie im Zusammenleben mit den anderen christlichen Kirchen, allen voran den orthodoxen?

Souraphiel: Wir sind nicht viele, aber wir gelten als Brückenbauer zwischen den Orthodoxen, den Freikirchen und den Muslimen. Wir sind eine gute Verbindung, weil wir für niemanden eine Gefahr darstellen. Wir werden von allen geliebt und respektiert und das möchten wir aufrechterhalten. Im Bildungsbereich haben wir über 400 Schulen. Diese sind für alle offen, nicht nur für Katholiken, sondern auch für die Orthodoxen, Muslime und Protestanten. Alle Schüler an unseren katholischen Schulen erhalten nicht nur gute intellektuelle Bildung, sondern auch gute soziale und spirituelle Bildung. Hier lernen sie auch, ihr Land zu lieben. Als Kirche betreiben wir zudem über 80 Gesundheitszentren im Land, die auch für alle offen sind. Wenn eine Ordensfrau nach einem kranken Menschen sieht, schenkt sie ihm ihre volle Aufmerksamkeit. Gerade die älteren Menschen wissen das sehr zu schätzen. In Sozialzentren betreuen wir ältere, arme und behinderte Menschen. In Äthiopien kümmern sich meistens die Missionarinnen der Barmherzigkeit um sie. Die Menschen dort wissen, dass sie nicht missioniert oder zur Konversion gedrängt werden sollen. Sie erfahren bei uns Hilfe, einfach weil sie Menschen sind.

Frage: Sie besuchen in Deutschland auch das Auswärtige Amt und möchten der Bundesregierung Ihren Dank für die Friedensbemühungen in Äthiopien zum Ausdruck bringen …

Souraphiel: Deutschland und Äthiopien haben seit Langem diplomatische Beziehungen. Die deutsche Regierung hat uns in vielen Bereichen geholfen. Etwa beim Bau von Universitäten gemeinsam mit dem äthiopischen Staat. Deutschland hat auch das Peace and Security Center in der Afrikanischen Union gegründet. Das ist auch wichtig für unsere Region.

Ich möchte aber auch der Deutschen Bischofskonferenz danken, mit der wir in der Geschichte viel zusammengearbeitet haben. Sei es in Zeiten von Hungersnöten, Dürrekatastrophen oder Konflikten. Die Deutsche Caritas ist in Äthiopien sehr bekannt. Wir haben mit den großen Organisationen wie Missio und Misereor zusammengearbeitet. Dazu gehören auch deutsche Missionare, die nach Äthiopien gekommen sind. Seien es Priester, Ordensfrauen oder auch Freiwillige. All ihnen möchte ich danken.

Ich hoffe, diese guten Beziehungen setzen sich fort. Auch wenn Deutschland und Äthiopien wirtschaftlich nicht auf der gleichen Ebene stehen, haben unsere beiden Länder doch eine reiche Geschichte. Wir haben beide die Verantwortung, unsere guten Werte mit dem Rest der Welt zu teilen. 

Das Interview führte Claudia Zeisel

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