„Jeder Sonntag ist für uns wie Pfingsten in Jerusalem“

Im Gespräch mit dem Bischof von Oslo, Bernt Eidsvig, über die Situation der katholischen Kirche in Norwegen. Wichtig sei es, die heterogene Kirche zusammenzubringen. Das Interview führte Patrick Kleibold.

Frage: Wie entwickelt sich derzeit die Katholische Kirche in Norwegen?

Bischof Bernt Eidsvig: „Die große Einwanderung ist zurückgegangen. Es gibt jedoch sehr viele Einwanderungen von Katholiken aus Polen, Litauen und neuerdings auch aus Kroatien. Die Situation ist jedoch ein bisschen stabiler geworden. Im europäischen Vergleich wächst unsere Kirche immer noch sehr schnell. So ein Wachstum zu verkraften, verlangt sehr viel.“

Frage: Wie viele Katholiken leben derzeit in Norwegen und wie viele Priester stehen Ihnen für die Seelsorge zur Verfügung?

Bischof Bernt Eidsvig: „Etwa 160.000 Katholiken leben derzeit in Norwegen, das macht in etwa 3,4 Prozent der Bevölkerung aus. In der Seelsorge sind – inklusive der Priester in den Klöstern – 100 Priester im Einsatz. Verhältnismäßig ist das eine sehr gute Anzahl an Priestern. Ich glaube, wenn Sie so einen Durchschnitt in Deutschland hätten, wären Sie sehr zufrieden. Die große Herausforderung, die sich uns stellt, ist die Sprachenvielfalt. In größeren Pfarreien werden sonntags bereits Messen in vier bis sieben Sprachen gefeiert. Wir können allerdings nicht alle Sprachen bedienen. Eine weitere Herausforderung sind die flächenmäßig riesigen Pfarreien. Ein Pfarrer kann bis zu sieben Außenstellen haben. Um den Gottesdienst in diesen Gemeinden zu feiern, müssen die Pfarrer Fahrtstrecken von bis zu 500 Kilometer zurücklegen.“

Frage: Welche besonderen Merkmale zeichnen die katholische Kirche in Norwegen noch aus?

Bischof Bernt Eidsvig: „Unsere Kirche ist eine Migrantenkirche, die nicht norwegisch geprägt ist. Nur 15 Prozent unserer Gläubigen sind in Norwegen geboren. Das macht unsere Kirche auf eine Weise sehr spannend und lebendig. Jeder Sonntag ist für uns wie Pfingsten in Jerusalem. Für die Pfarrer und Seelsorger ist es jedoch eine große Herausforderung, so eine heterogene Gruppe zu bedienen.“

Frage: Wo sehen Sie dir größte Herausforderung?

Bischof Bernt Eidsvig: „In ganz Europa sind wir meines Erachtens mit derselben Herausforderung und zugleich Fragestellung konfrontiert. Wie können wir Kinder und Jugendliche erreichen und unserer Glaubensgemeinschaft integrieren. Wir müssen neue Wege in der Jugend- und Projektarbeit sowie in der Katechese finden, um die Kinder und Jugendlichen auch mit einer zeitgemäßen Sprache anzusprechen.“

Frage: In Trondheim wurde die neue Bischofskirche – eines der großen Leuchtturmprojekte Norwegens – geweiht. Welche Projekte stehen jetzt als Nächstes im Fokus?

Bischof Bernt Eidsvig: „Gerade im Südosten von Oslo benötigen wir eine weitere Kirche. Dort leben sehr viele Katholiken und es kommen stetig weitere hinzu. Der Weg von dort ins Zentrum zur nächsten Kirche ist sehr weit. Wir müssen dringend etwas unternehmen, denn circa fünf- bis siebentausend Gläubige haben keine eigene Pfarrkirche. Wir haben bisher noch keine Möglichkeit gefunden, eine solche Kirche zu realisieren, denn die Bauprojekte in Oslo sind erschreckend teuer und für uns alleine nicht finanzierbar.“

Frage: Vor etwa vier Jahren haben Sie einen neuen Pastoralplan für das Bistum Oslo entwickelt. Welche Ziele setzen Sie sich selbst und wo soll die Entwicklung des Bistums hingehen?

Bischof Bernt Eidsvig: „Im Fokus des Pastoralplans stehen die Kinder- und die Jugendarbeit, die Katechese und die Erweiterung des sprachlichen Messeangebotes. Ein weiteres Ziel ist, das seelsorgerische Angebot weiter auszubauen. Für viele unserer Katholiken aus den osteuropäischen Ländern ist die Beichtgelegenheit sehr wichtig. Gerade an dieser Stelle müssen wir unsere seelsorgerische Tätigkeit ausweiten.“

Frage: Was würden Sie sich mit Blick auf die Entwicklung der katholischen Kirche in Norwegen wünschen?

Bischof Bernt Eidsvig: „Unsere Kirche ist von je her eine sehr heterogen zusammengesetzte Kirche. Sie wächst stetig, ein nötiges Zusammenwachsen bedarf jedoch mehr Zeit. Meine Hoffnung ist: Wir alle müssen jetzt sehen, was wir gemeinsam haben, was wir gemeinsam tun können, was wir gemeinsam verstehen und auch gemeinsam ausführen können. Wie bereits erwähnt, ist das aufgrund der vielen unterschiedlichen Sprachen sehr schwierig. Bei uns gibt es keine einheitliche Sprache. Die größte Gemeinsamkeit finden wir bei den Katholiken, die aus Polen kommen. Sie stellen etwa 51 Prozent unserer Katholiken dar. Gerade diese Gruppe braucht eine große Selbstständigkeit. Man kann nicht eine Minderheit in eine Mehrheit oder umgekehrt, eine Mehrheit in eine Minderheit integrieren.“

Frage: Seit 1974 unterstützt das Bonifatiuswerk die Gläubigen in Nordeuropa. Wieso ist die katholische Kirche in Norwegen auf die Unterstützung aus Deutschland angewiesen?

Bischof Bernt Eidsvig: Es gibt viele Gründe. Zum einen ist die Unterstützung vom Staat sehr niedrig. Ein Steuersystem wie in Deutschland kennen wir nicht. Viele der Katholiken, gerade aus den osteuropäischen Ländern, haben sehr geringe Einkommen. Sie können die Kirche nicht finanziell unterstützen. Und unsere Gesellschaft hat noch nicht verinnerlicht, dass wir alle als Gläubige die Kirche mittragen müssen. Wir arbeiten hart daran, auf eigenen Füßen stehen zu können. Und ich hoffe, dass der Tag kommt an dem ich sagen kann, jetzt schaffen wir es selber. Doch der Tag ist leider noch nicht da.

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