„Du bist wunderbar so wie du bist“

  • Aktion Dreikönigssingen 2019

Manchmal leidet Eddú daran, wegen seines Autismus’ etwas anders zu sein als seine Mitschüler. Doch meist ist er ein fröhlicher Junge – auch dank seiner Familie und der Unterstützung durch Yancana Huasy, eine von den Sternsingern geförderte Einrichtung für Kinder mit Behinderung in der peruanischen Hauptstadt Lima.

„Kommt, lasst uns gehen!“, drängt Eddú seine Mutter und seine kleine Schwester Jhasumi. „Wir müssen los, ich komme sonst zu spät zur Sprachtherapie.“ Der zwölfjährige Junge hat schon seine Jacke an und steckt sein Heft in die Tasche. Ob Schule oder Therapie: Eddú weiß immer genau, wann sie aufbrechen müssen, um pünktlich zu sein, und wann die Busse fahren. „Eddú ist meine Gedächtnisstütze“, sagt seine Mutter Edelina lächelnd. „Er behält alles im Kopf.“ Vor allem die Termine, die ihm Spaß machen. Dazu gehört die Sprachtherapie in der von den Sternsingern geförderten Einrichtung Yancana Huasy. Konzentriert sitzt Eddú der Sprachtherapeutin gegenüber, formuliert ganze Sätze aus jeweils einem Wort, das die freundliche junge Frau ihm aufschreibt. Eddú ist konzentriert, liest und spricht flüssig. Nur selten kennt er die Bedeutung eines Wortes nicht. „So, jetzt bist du dran“, sagt er nach einigen Minuten freundlich zum 13-jährigen Anthony, mit dem er die Therapiestunde teilt, und wartet geduldig, bis er wieder an der Reihe ist.

Eddú mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester. Ihr zuhause liegt in einem Armenviertel Limas.

Bettina Flitner/Kindermissionswerk

Schwierig zu akzeptieren

„Eddú war eine Insel“, sagt seine Mutter. Als Baby und Kleinkind habe ihn scheinbar nichts berührt, er habe einfach vor sich hingelebt, unempfänglich für Außenreize. Er reagierte kaum, wenn man mit ihm sprach, er brabbelte nicht und bewegte sich wenig. „Als er drei Jahre wurde, habe ich mir gesagt, dass er sich definitiv nicht so entwickelt wie andere Kinder in seinem Alter“, berichtet die kleine Frau mit den feinen Gesichtszügen. „Aber ich sagte mir zur Beruhigung, dass er vielleicht einfach ein Spätentwickler sei.“ Als sie ihn jedoch ärztlich untersuchen ließ, gab es mehrere Hinweise auf Autismus. Eine Diagnose, die bestätigt wurde, als Eddú sieben Jahre alt war. Für die Großeltern und Eddús Vater war sie besonders schwierig zu akzeptieren. „Eddú war das erste Kind in der Familie, das eine Behinderung hat. Die Familie konnte damit nicht so gut umgehen“, sagt Edelina ohne Vorwurf. Ihr Mann Edgar, ein ernster Mann mit tiefen Furchen im Gesicht, verließ für eine Weile Frau und Kinder, kam dann aber wieder zurück. Bis heute hadert er manchmal damit, ein Kind zu haben, das anders ist als er es sich wünschte. Umso intensiver, anerkennender und liebevoller ist Edelina Eddú zugewandt. Auch Aldair, der um zwei Jahre ältere Bruder Eddús, hat von klein auf eine innige Beziehung zu Eddú entwickelt. Beide spielen oft Schach zusammen oder treiben gemeinsam Sport.

Eddú geht sehr gerne mit dem 13-jährigen Anthony zur Sprachtherapie in Yancana Huasy, eine von den Sternsingern unterstützte Einrichtung für Kinder mit Behinderung in der peruanischen Hauptstadt Lima.

Bettina Flitner/Kindermissionswerk

Umgänglich und wissbegierig

Heute ist Eddú fast in der Pubertät, und von Insel ist keine Rede mehr. Eddú hat keine Hemmungen, andere Menschen anzusprechen, mit ihnen zu reden, ihnen die Hand oder ein Küsschen zu geben und seine Gefühle zu zeigen. Er ist freundlich und zuvorkommend, umgänglich und wissbegierig. Er besucht eine Regelschule, und seine Klassenlehrerin ist zufrieden mit seinen Leistungen. „Mathematik ist mein Lieblingsfach“, sagt Eddú, „da bin ich auch am besten“. Es ist das einzige Fach, in dem er ebenso streng benotet wird wie die anderen Kinder in seiner Klasse. Ob er gerne in die Schule geht? Eddú nickt heftig. Lernen macht ihm Spaß, und Freunde hat er auch in der Schule: „Victor, Brisette und Geraldine“, zählt er auf. Allerdings fällt es nicht allen Klassenkameraden leicht, mit Eddú nett und geduldig umzugehen. Gelegentlich stellt er zu oft die gleichen Fragen, direkt nachdem er eine Antwort auf eben diese Fragen erhalten hat. Auch der eine oder andere Lehrer wird manchmal ungeduldig mit Eddú. Kaum einer ist geschult, mit autistischen Kindern angemessen umzugehen, Integrationshelfer gibt es nicht an Eddús Schule.

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Die Sternsinger machen bei ihrer 61. Aktion Dreikönigssingen besonders auf Kinder mit Behinderung aufmerksam. Projekte aus Peru zeigen exemplarisch, wie Sternsinger mit ihrem Einsatz helfen.


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Stolz und dankbar

Eddú fällt es dagegen leicht, mit Anderen stets nett und geduldig zu sein. „Wenn ein anderes Kind weint, tröstet er es sofort“, sagt seine Mutter. „Er ist unglaublich hilfsbereit und solidarisch. Er gibt gerne ab, schließt nie jemanden aus.“ Umso schwieriger ist es manchmal für ihn, bei anderen Ablehnung oder Befremden zu spüren. „Warum bin ich so wie ich bin?“, fragt er dann seine Mutter und ist traurig. „Ich bin sehr stolz auf dich“, antwortet sie ihm, „du bist ganz wunderbar wie du bist.“ Edelina sagt mit Nachdruck, dass sie enorm viel von Eddú gelernt hat und weiterhin lernt. „Ich danke Gott, dass er mir so ein Kind geschickt hat. Erst hatte ich so viele Sorgen, so viele Ängste, doch jetzt bringt er mir so viel Freude, so viel Glück.“ Edelinas größter Wunsch ist es, dass Eddú eines Tages nach einer Ausbildung einen Beruf ausüben und selbständig leben kann. Sie sei enorm dankbar, dass die Therapeuten von Yanacana Huasy ihren Sohn von klein auf sprachlich, sozial und psychologisch fördern und unterstützen. Durch die Hilfe der Sternsinger aus Deutschland, ist auch für Edelina manches leichter geworden. „Eddú entwickelt sich sehr gut“, sagt seine Sprachtherapeutin. „Es ist schön, mit ihm zu arbeiten und seine Fortschritte zu sehen.“ Ziel von Yancana Huasy ist es auch, Kindern wie Eddú eines Tages eine Ausbildung und in den Arbeitsmarkt zu vermitteln. Eddú hat noch einige Jahre Zeit dafür, aber einen Berufswunsch hat er schon jetzt. „Ich will später gerne Arzt werden“, sagt er. „Ich will Anderen helfen.“

Doch jetzt möchte Eddú tanzen: in Yancana Huasy wird heute gefeiert, und da dürfen Musik und Tanz nicht fehlen. „Musik mag ich sehr“, sagt er und begibt sich leichtfüßig auf die Tanzfläche, wo Kinder, Jugendliche, Therapeuten, Eltern, Rollstühle und Luftballons zu lautstarken Klängen in munterer Bewegung sind. Eddú tanzt und lächelt dabei. Nicht einmal gerät er aus dem Rhythmus.

Von Verena Hanf

© Kindermissionswerk „Die Sternsinger“