„Unsere Kirche lebt, sie ist agil und innovativ“

  • Diaspora-Aktion 2016 - 04.11.2016

Mit einem feierlichen Gottesdienst im Dom zu Unserer Lieben Frau und in der Karmeliterkirche in München wird am kommenden Sonntag die Diaspora-Aktion des Bonifatiuswerks bundesweit eröffnet. Höhepunkt der Aktion ist der Diaspora-Sonntag am 20. November, an dem in allen Gottesdiensten bundesweit eine Kollekte für diejenigen Katholiken gehalten wird, die in Deutschland, Nordeuropa und dem Baltikum in extremen Minderheitssituationen ihren Glauben leben. Im Interview spricht der Generalsekretär des Bonifatiuswerkes, Monsignore Georg Austen, über die Diaspora-Aktion und das diesjährige Motto „Keiner soll alleine glauben. Unsere Identität: Barmherzigkeit“.

Frage: Unsere Gesellschaft befindet sich in einem Wandel. Jährlich verlassen tausende Katholiken die Kirche. Diasporaregionen breiten aus. Steht die katholische Kirche in Deutschland davor, ihre Abwrackprämie zu schreiben?

Austen: Der Trend zeigt deutlich, Christen werden in Deutschland und Mitteleuropa zu einer Minderheit. Wir erkennen ebenso, das Christsein nicht mehr als Erbe ganzer Regionen und Kontinente verstanden wird, sondern eine bewusste Entscheidung des Einzelnen ist. Ich sehe die Entwicklung allerdings nicht so düster, wie Ihre Frage impliziert. Unsere christliche Identität – persönlich oder als Kirche – muss sich in solchen Situationen herausgefordert sehen, sich ihrer selbst neu zu vergewissern und sollte sich selbstbewusst in der Öffentlichkeit zeigen. Wenn wir uns nicht verstecken und unseren Glauben offen und authentisch leben, dann wird uns Gott an Orten erwarten, an denen wir es vielleicht nicht für möglich gehalten hätten.

Frage: Papst Franziskus hat deutlich gemacht, dass er an den Rändern der Gesellschaft zentrale Orte der Selbstmission der Kirche und der Neuevangelisierung sieht. Wie bezieht das Bonifatiuswerk diese Sichtweise in die eigene Arbeit ein?

Austen: Aufgabe des Bonifatiuswerkes ist es, bewährte und neue Atemräume des Glaubens und missionarisch-diakonische Orte in der Glaubensdiaspora auszumachen und zu fördern. Das Bonifatiuswerk versteht sich als „Hilfswerk für den Glauben“, das katechetische Glaubensbildung und Evangelisierungsprojekte fördert. Gott begegnet uns nicht selten bei Menschen, die uns fremd und anders scheinen und nicht ohne weiteres „zu uns gehören“. Eine Andersheit, die ausdrücklich als besondere Chance der Gottesbegegnung begriffen werden kann. Diese Fremdheit anderer Menschen ist als positive Herausforderung zu nehmen, neu von sich selbst und seiner je eigenen Hoffnung zu sprechen und die persönliche Beziehung zu Gott tiefer zu erfahren. Caritatives Engagement vermag dann zu einem wesentlichen Lernort unseres Glaubens zu werden.

Frage: Können Sie ein Beispiel für Orte geben, an denen die Selbstmission der Kirche erste Früchte trägt?

Austen: Spontan denke ich da an diakonische „Anders-Orte“, die Menschen die Gelegenheit geben zu erfahren, was es mit dem Glauben, den die Kirche verkündet und feiert, auf sich hat. In diesem Sinne können Klöster wie etwa Mariental, Helfta, das Birgittenkloster im Schnoor in Bremen und insbesondere auch die Neu- und Wiedergründungen im säkularen Skandinavien als exemplarische Gegen-Orte zum gesellschaftlichen Mainstream gedeutet werden. Ebenso fördern wir als Bonifatiuswerk neue und mobile Formen der Evangelisierung. Ich denke da an den Pastoralbus in der Dompfarrei Bautzen, die 40.000 Einwohner und 89 Dörfer umfasst. Der Kleinbus fährt von Ort zu Ort, um mit den Menschen über den Glauben ins Gespräch zu kommen. Gleichzeitig wird den Menschen so das Nötigste mitgebracht, das es in Orten nicht gibt, wie zum Beispiel Lebensmittel oder Briefmarken für die Weihnachtspost.

Frage: Werfen wir den Blick Richtung Familien. Es hat den Anschein, als würde der Glaube immer mehr an Bedeutung verlieren?

Austen: Die Diaspora-Problematik reicht tief in alle gesellschaftlichen Strukturen, Instanzen und Lebensformen. Selbst innerhalb der kleinsten sozialen Einheiten, in Familien, findet sich der Glaubende zunehmend verortet in einer Minderheitensituation und in einer quasi emotionalen Diaspora. Wir müssen uns die Frage stellen, wo es Orte und Menschen gibt, die uns zeigen, dass das Leben nicht nur aus Konsum, Geschäftigkeit, Ich-Bezogenheit und Spaß besteht. Aus diesem Grund versuchen wir mit unterschiedlichen Kampagnen, u. a. auch mit der Weihnachtsmannfreien-Zone, zur Belebung christlichen Brauchtums dem Trend einer Exkulturation entgegenzuwirken. Ein Ansatz sind missionarische Initiativen, um die Menschen mit dem Evangelium in Kontakt zu bringen. Auch kleine Initiativen können wertvoll sein, etwa wenn sie an- oder aufregen, Antworten auf große Fragen anbieten oder ermutigen, das Leben aus dem Glauben heraus zu gestalten.

Mit dem ersten Bonifatiuspreis wird das Projekt „Wo das Evangelium zu Hause ist – Väterabende für Erstkommunionkinder“ der Pfarrgemeinde Wallenhorst im Bistum Osnabrück ausgezeichnet.

Bonifatiuswerk

Frage: Ein Weg, den Sie gehen, ist die Verleihung des Bonifatiuspreises. Was bewirkt er?

Austen: Das Bonifatiuswerk versteht sich als Hilfswerk für den Glauben, das den Menschen solidarisch zur Seite steht und innovative Aufbrüche zur Glaubensbildung fördert. Für uns heißt das, alte Schätze und christliche Traditionen wieder zu entdecken und neue Wege in der Pastoral und in der Seelsorge zu gehen. Der Bonifatiuspreis zeigt Antworten, warum und wozu Kirche da ist. Wir möchten neugierig machen und ermutigen, Eigenes auszuprobieren. Bei Betrachtung der 120 Bewerbungen zeigt sich sehr schnell, unsere Kirche lebt, sie ist auch mit allen Problemen und Fragen agil und innovativ. Die Bewerbungen machen Mut und zeigen, Christsein heißt nicht im stillen Kämmerlein zu glauben, sondern nach draußen zu gehen und zu zeigen woran wir glauben.

Frage: Der Bonifatiuspreis wird während der Diaspora-Aktionseröffnung am 6. November verliehen. Im Mittelpunkt stehen Begriffe wie Barmherzigkeit und christliche Identität. Was heißt das konkret?

Austen: Barmherzigkeit braucht ein Gesicht. Das Herz, der Quell der Barmherzigkeit, muss Hände und Füße bekommen durch Menschen, durch Sie und durch mich, ob als Priester oder Laie, ob als Eltern oder Lehrer am Arbeitsplatz, überall dort, wo wir leben. Sie und ich wir sind eine „Visitenkarte“ Gottes für seine Barmherzigkeit mit unseren Gaben und Fähigkeiten, mit unseren Stärken und Schwächen. Die Preisträger des Bonifatiuspreises sind ein solches Gesicht. Sie stehen für all das, was Christsein ausmacht: Identität, Barmherzigkeit, Nächstenliebe und Gemeinschaft. Einige Projekte geben uns eine Antwort darauf, wie der Glaube in der heutigen Zeit ansteckend weitergegeben werden kann.

© Bonifatiuswerk

Diaspora-Aktion 2016

Im Jahr 2016 findet der Diaspora-Sonntag am 20. November statt. Unter dem Leitwort „Keiner soll alleine glauben. Unsere Identität: Barmherzigkeit“ nimmt das Bonifatiuswerk Orte und Situationen in den Blick, in denen Menschen sich barmherzig für andere einsetzen.

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