Die Engel von der Reeperbahn

  • Diaspora-Aktion

Schon von weitem sind die riesigen Leuchtreklamen der Großen Freiheit an der Reeperbahn zu sehen. Tausende von Menschen aus der ganzen Welt drängen sich täglich über Deutschlands bekannteste Amüsiermeile. Hier boomt die Erotikbranche, hier werden Milliardenumsätze erwirtschaftet. Hier zählt nur das schnelle Geld. Doch nicht weit entfernt zeigt sich ein ganz anderes Bild, das kontrastreicher nicht sein könnte.

Im Schatten der sündigen Meile liegt das Sozialprojekt Alimaus. Seit mittlerweile 26 Jahren öffnen sich am Nobistor 42 in Hamburg-Altona die Türen für mittellose und bedürftige Menschen. Hier bekommen sie warmes Essen, Kleider, medizinische Betreuung und erleben Gemeinschaft.

Tag für Tag warten 400 bis 500 Menschen vor der Tür der Alimaus. Viele von ihnen sind arbeitslos, einige sind obdachlos oder erhalten Hartz IV, bei anderen wiederum reicht die kleine Rente nicht zum Leben. Pünktlich um 13 Uhr öffnen sich die Türen, und die Menschen bekommen eine warme Mahlzeit, für viele das Einzige, was sie am Tag zu sich nehmen. „Viele kommen schon seit vielen Jahren zu uns. Die Alimaus ist für sie der einzige Ort, an dem sie Leib und Seele auftanken können. Wir kümmern uns um diejenigen, die am Rande der Gesellschaft leben“, schildert die Leiterin der Alimaus, Schwester Clemensa Möller. Bereits seit sechs Jahren ist die Thuiner Franziskanerin gemeinsam mit drei Ordensschwestern täglich und unermüdlich im Einsatz für die Bedürftigen. „Menschen sehnen sich nach Trost und Zuwendung, Arme und Einsame besonders – ihnen wollen wir helfen“, erklärt Schwester Clemensa ihren Einsatz.

„Menschen benötigen Kommunikation durch Gemeinschaft: Seit sechs Jahren engagiert sich Schwester Clemensa in der Alimaus.

Kleibold/Bonifatiuswerk

Beim gemeinsamen Mittagessen klappt dies besonders gut. Ein Blick in die Runde der Hilfsbedürftigen macht deutlich: Hier werden sie so angenommen, wie sie sind, niemand wird alleingelassen, jeder erhält die notwendige Hilfe. Nicht übersehbar hängt an einer Wand ein großes Kreuz. „Vor jedem Essen beten wir das Vaterunser“, sagt Schwester Clemensa. Und auch diejenigen, die der Kirche nicht sehr nahestehen, erheben sich zum Gebet und hören andächtig zu. Mitten auf dem Hamburger Kiez ist das Engagement der katholischen Kirche nicht mehr wegzudenken.

Eine Stunde Würde am Tag

Nach dem Gebet muss alles ganz schnell gehen. Immerhin freuen sich jeden Mittag bis zu 500 hungrige Münder auf eine warme Mahlzeit. Mit viel Routine schenken die ehrenamtlichen Helfer das Mittagessen aus, darunter auch die 32-jährige Denise Ackermann. Seit über einem halben Jahr hilft sie in der Alimaus, indem sie in ihrer Freizeit Essen für Hilfsbedürftige serviert. „Ich wohne hier in der Nähe und komme jeden Tag an der Alimaus vorbei. Eines Tages war ich so neugierig, dass ich einfach mal hinein gegangen bin. Und dann wollte ich sofort mithelfen“, schildert Ackermann ihre Motivation. Und gerade dieses Engagement gibt den hilfsbedürftigen Menschen von der Reeperbahn ihre menschliche Würde zurück, wenn auch nur für eine Stunde am Tag. Denn für sie ist es nicht selbstverständlich, dass ihnen jemand einen Teller mit Essen bringt. Zur Würde des Menschen gehört immer auch eine Heimat. Und ohne diese Heimat, ohne eine feste Adresse, gibt es keine Post. Auch an dieser Stelle hilft die Alimaus. Viele Obdachlose haben hier ihre feste Adresse und bekommen ihre Post oder auch finanzielle Zuwendungen hierhergeschickt.

„Menschen sehnen sich nach Trost und Zuwendung, Arme und Einsame besonders – ihnen wollen wir helfen.“

— Sr. Clemensa Möller, Leiterin der Alimaus

Angefangen hat alles im August 1992 mit dem Verteilen von Kuchen und Tee am Hamburger Hauptbahnhof. Bald darauf wurde der Hilfsverein St. Ansgar gegründet. Im Mai 1993 wurde ein alter Zirkuswagen erworben, saniert, gemütlich eingerichtet und am Nobistor aufgestellt. Hier konnten Bedürftige in friedlicher Atmosphäre essen und dabei ins Gespräch kommen. Die Gründerin Gabriele Scheel gab dem Wagen den liebevollen Namen Alimaus – im Gedenken an ihre sozial engagierte und früh verstorbene Tochter Alexandra, die auch die Idee zu diesem Projekt hatte. Seit 1999 ist die Alimaus in einem roten finnischen Blockhaus beheimatet. Doch der Platz reicht schon lange nicht mehr aus. „Wir mussten beide Flügel des Hauses verlängern und unseren Küchenbereich erweitern. Die Anzahl der Bedürftigen nimmt stetig zu. Ohne das aufopferungsvolle Engagement unserer Ehrenamtlichen könnten wir diese Arbeit gar nicht leisten“, ist sich Schwester Clemensa sicher.

An 365 Tagen im Jahr stehen die Türen der Suppenküche Bedürftigen offen. Einige von ihnen sind tägliche Besucher. Zum Mittagessen kommen zwischen 400 und 500 bedürftige Menschen.

Kleibold/Bonifatiuswerk

Das Lächeln der Menschen ist der größte Lohn

Eine der rund 200 Helferinnen ist Elke Meier. Seit 16 Jahren arbeitet sie in der Kleiderkammer der Alimaus. „Die Not der Menschen, die zu uns kommen, ist sehr groß“, weiß Meier. Die Kundschaft habe sich in den vergangenen Jahren stetig verändert. Immer mehr Großfamilien, Menschen mit einer kleinen Rente oder Migranten aus Polen, Bulgarien und Rumänien müssten die Hilfeleistung der Kleiderkammer in Anspruch nehmen. Ihr Engagement beschreibt Elke Meier in nur wenigen Worten: „Das Lächeln der Menschen, wenn sie neue Kleidung erhalten, ist der größte Lohn.“

Neben der Suppenküche und der Kleiderkammer gehören auch noch eine ärztliche Beratungsstelle sowie das Büro des Diakons, das neben einer psychologischen Betreuung auch die Vermittlung von Therapie- oder Schlafplätzen übernimmt, zur Alimaus. Permanent werden helfende Hände gesucht. Die Zahl der Ehrenamtlichen vermehrt sich kontinuierlich. Ordensleute waren immer dabei, zuerst die Schwestern der hl. Elisabeth, dann kamen die Dominikanerinnen, dann die Marienschwestern von Belm und seit 2000 sind die Thuiner Franziskanerinnen dabei.

Nobis bene – Uns zum Guten

Für medizinische und sanitäre Hilfen gibt es die Anlaufstelle „Nobis bene“. Bei allen kleineren Problemen kann Sr. Egberta Focke helfen. Sie war bis zu ihrem Kommen nach Hamburg Krankenschwester im Emsland. „Bei kleineren Dingen, wie z. B. mit Aspirin und Salben und Verbänden, kann ich helfen. Für schwerwiegende Erkrankungen haben wir an drei Tagen der Woche ehrenamtliche Ärzte in der Beratungsstelle“, berichtet Sr. Egberta. Auch ein Fußpflegedienst wird angeboten. „Unsere Brüder und Schwestern auf der Straße kommen selten von den Füßen und wenig aus den Schuhen. Besonders für sie ist Fußpflege wichtig“, weiß die frühere Ordensschwester Sarah Elbeshaus. Ein Dankeschön an alle Spender liegt ihr besonders am Herzen. „Ohne diese Unterstützung könnten wir die Arbeit nicht schaffen. Vielen Dank an alle“, richtet sie ihren Dank auch an das Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken, welches das Hamburger Hilfsprojekt unterstützt.

Warum der Name „Nobis bene“? „Nobis bene“ steht am Beginn der Straße Nobistor auf einer Stele der letzten Altonaer Laterne. „Uns zum Guten“, sagen die Hamburger am gut gesicherten Stadttor „Nobistor“. „Heute denken wir Anwohner: ‚Auch uns zum Guten‘, und wir von der Alimaus wollen in ‚Nobis bene‘ einen Beitrag dazu leisten“, sagt Schwester Clemensa.

Von Patrick Kleibold

© Bonifatiuswerk