Das Haus der Barmherzigkeit

  • Riga: Hilfe zur Selbsthilfe

Keine Drogen mehr, endlich weg vom Alkohol: Mit christlicher Fürsorge hilft das Betlēmes žēlsirdības māja in Riga obdachlosen Menschen mit Suchtproblemen dabei, von ihren Alltagsdrogen loskommen. Bald soll auch eine Suppenküche Bedürftige versorgen.

Der Weg aus der Sucht – für Olegs und Jānis ist er lang, schwierig und noch nicht zu Ende. Seit fast fünf Monaten leben die beiden Alkoholkranken im christlich-katholischen Rehabilitationszentrum Betlēmes žēlsirdības māja [Bethlehem Haus der Barmherzigkeit] in der lettischen Hauptstadt Riga. „Die Rückkehr zum alltäglichen Leben nach einer Entwöhnung ist eine harte Bewährungsprobe“, sagt Leiterin Dana Anskaite von der Stiftung „Nova Vita“.

Gemeinsam mit mehreren Kollegen betreibt die gläubige Unternehmerin ehrenamtlich das Heim, in dem Obdachlose und Arme wohnen, betreut werden und lernen, sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Neben sozialen Problemen kämpfen die meisten der derzeit acht Bewohner auch mit Alkohol- und Drogensucht. Mit einem 12-monatigen Rehabilitationsprogramm soll ihnen der Ausstieg und ein selbstverantwortliches Leben ermöglicht werden.

„Ich möchte ein normales Leben führen“

„Ich will noch so viel nachholen“, meint Olegs. Aufgewachsen ist der russischsprachige Lette in Jekabpils. Er war 14, als er zum ersten Mal Alkohol trank, davon los kam er danach nicht mehr. Wenig später geriet er auf die schiefe Bahn und in eine Spirale aus Alkohol, Kriminalität und Gefängnis. Rund 20 Jahre seines Lebens verbrachte der 47-Jährige hinter Gittern. Für eine richtige Ausbildung und Familie blieb kaum Zeit. Dies soll sich nun ändern. „Ich möchte ein normales Leben führen“, betont Olegs.

Auch für Jānis wurde Alkohol zum engsten Verbündeten. Als der 55-Jährige vor ein paar Jahren zum Arbeiten ins Ausland ging, kam es durch die räumliche Trennung zu familiären Problemen. Der gelernte Maschinist aus Riga wandte sich von seiner Frau und den drei erwachsenden Kinder ab – und dem Alkohol zu. „Es war ein schleichender Prozess“, sagt Jānis. Seine Arbeit hat er verloren, seine Familie mit ihm abgeschlossen, und die meisten Freunde auch. Doch er ist nicht bitter.

Der Weg zurück in den Alltag

Die Bewohner des Betlēmes žēlsirdības māja in Riga beim täglichen Gebet.

Solntzeff/Bonifatiuswerk

Wie Olegs schöpft auch Jānis neue Hoffnung aus dem Rehabilitationsprogramm. Mit Hilfe der angebotenen Gruppentherapie, täglichem Gebet, Arbeiten im Heim und Gemeinde, Treffen mit Anonymen Alkoholikern und Gesprächen mit Priestern und Sozialarbeitern suchen beide den Weg zurück in den Alltag. Doch weiterhin kämpfen sie jeden Tag mit den Folgen ihrer Sucht.

Dabei setzten sie auf die Unterstützung ihrer Betreuer. „Die Bewohner spüren, dass sie mit uns sprechen können, dass wir für sie da sind und ihnen zur Seite stehen“, sagt Līga Roķe-Reimate. Die Psychologin betreut das Programm, mit dem die Sucht auf vier Ebenen angegangen wird – biologisch, psychologisch, sozial und spirituell.

„Wir sind das einzige Zentrum in Lettland, das eine so umfassende Behandlung anbietet. In diesem Sinne sind wir vollkommen einzigartig“, erzählt Dana Anskaite. Jeder werde so angenommen wie er ist, niemand allein gelassen, jeder erhalte die notwendige Hilfe. Seit der Eröffnung des Zentrums im August haben mehr als 250 Bedürftige das Programm durchlaufen – egal welchen Glaubens. „Wir sind im Allgemeinen sehr ökumenisch.“

Unmittelbar neben der römisch-katholischen St.-Franziskus-Kirche und nahe der orthodoxen Allerheiligenkirche in der Moskauer Vorstadt von Riga gelegen ist das vom Bonifatiuswerk unterstützte Heim nicht mehr wegzudenken. Lettland gehört auch nach EU-Beitritt und Euro-Einführung weiterhin zu den ärmsten Ländern Europas. Viele Menschen fallen durch das grobmaschige soziale Netz und sind auf Hilfe angewiesen.

Lettland: Die Zahl der Bedürftigen nimmt zu

„Die soziale Situation in Lettland hat sich zuletzt nicht verbessert“, konstatiert Anna Eižvērtiņa von Wohlfahrtsverband Caritas. Lettland galt vor zehn Jahren noch als „baltischer Tiger“. Doch die Finanzkrise traf die kleine Ostseerepublik besonders hart. Abwanderung und soziale Probleme wie Armut und zunehmende Obdachlosigkeit waren die Folge. Auch seelische Nöte sind groß.

Heimleiterin Dana Anskaite präsentiert Handarbeiten, die von den Bewohnern des Betlēmes žēlsirdības māja in Riga zur Weihnachtszeit angefertigt wurden.

Solntzeff/Bonifatiuswerk

Schon zuvor kamen viele nicht zurecht mit dem Wandel: In den Jahren nach der wiedererlangten Unabhängigkeit von der Sowjetunion 1991 stiegen Alkoholismus und Rauschgiftkonsum deutlich an. „Sucht ist ein sehr großes Problem“, sagt Līga Roķe-Reimate. Schätzungen von Experten zufolge ist jeder Fünfte in Lettland abhängig.

„Wir haben sehr viel russischsprachige Bewohner“, sagt Daina Anskaite. Bis heute leben in Lettland viele russische und russischsprachige Bürger, die gut ein Viertel der zwei Millionen Einwohner des mittleren der drei Baltenstaaten ausmachen. Ihre Integration gilt nicht gerade als Erfolgsgeschichte. Auf den Fluren des Heims und beim gemeinsamen Essen sind Lettisch und Russisch gleichermaßen zu hören. „Im Alltag kommunizieren wir in beiden Sprachen gut miteinander“, betont die Leiterin. Dabei gebe es keine Konflikte.

In beiden Bevölkerungsgruppen nimmt die Anzahl an Bedürftigen weiter zu. Deshalb soll das in einem der ältesten Holzhäuser Rigas eingerichtete Zentrum um eine Suppenküche mit Duschen, Toiletten und einer Kleiderkammer für Obdachlose erweitert werden. Die Restaurierungsarbeiten laufen, 2017 soll sie eröffnet werden.

„Es soll ein Ort werden, an dem sie Leib und Seele auftanken können“, meint Anskaite. „Wir wollen zeigen und ihnen darüber erzählen, wie sie selbständig und alleine leben können“. Wie den Heimbewohnern soll auch den Besuchern der Suppenküche die Möglichkeit gegeben werden, sich eine Vorstellung von Kirche und Glauben zu machen. „Ich hoffe sehr, dass wir dadurch einigen Menschen helfen können.“ So wie derzeit etwa Olegs und Jānis, die beide neue Werte in ihrem Leben verspüren.

Von Alexander Welscher

© Bonifatiuswerk

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Im Jahr 2016 findet der Diaspora-Sonntag am 20. November statt. Unter dem Leitwort „Keiner soll alleine glauben. Unsere Identität: Barmherzigkeit“ nimmt das Bonifatiuswerk Orte und Situationen in den Blick, in denen Menschen sich barmherzig für andere einsetzen.

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