„Bolsonaro ist eine massive Gefahr für Kinder- und Jugendrechte“

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Der neue Präsident Brasiliens, Jair Bolsonaro, könnte zur Gefahr für die Demokratie werden – und für die Rechte von Kindern und Jugendlichen. Das befürchtet die Sozialarbeiterin Regina Leão, die seit 28 Jahren für die Pastoral für gefährdete Minderjährige des Erzbistums Rio de Janeiro arbeitet. Aber sie und ihre Mitstreiter sind bereit, für ihre Rechte zu kämpfen.

Frage: Regina Leão, nach den sportlichen Großereignissen Fußball-WM und Olympia gab es die Hoffnung, dass sich auch die Situation für die Menschen in Rio verbessert. Ist diese Hoffnung eingetreten?

Regina Leão: Rio de Janeiro ist eine wunderbare Stadt, wie wir sagen. Aber sie hat auch schwere soziale Wunden. Das Bild von einer Verbesserung der Situation in Rio mithilfe der Großveranstaltungen ist ein Trugschluss. Im Rahmen der Bau- und Infrastrukturmaßnahmen gab es wieder einmal massive Korruption. Und für die breite Bevölkerung hat es so gut wie keine Verbesserungen gegeben. Im Gegenteil – heute sind viele dieser Gebäude verlassen und verfallen. Das ist wieder einmal ein Beispiel dafür, dass öffentliches Geld, was wir mit unseren Steuern bezahlen, zum Fenster hinausgeschmissen wurde.

Frage: Sie arbeiten seit 28 Jahren mit gefährdeten Jugendlichen in den Favelas. Woran fehlt es diesen jungen Menschen am meisten, sodass viele auf die schiefe Bahn geraten?

Regina: Wir beklagen eine Zunahme der Armut, die dazu führt, dass viele Kinder und Jugendliche die Schule frühzeitig verlassen, um zu arbeiten – meistens im informellen Sektor ohne soziale Absicherung. Das führt dazu, dass sie die Werte der Kindheit und Jugend, etwa Freizeit, Kultur und Sport nicht erleben können. Das schafft einen Mangel an Perspektiven. Gleichzeitig werden jene, die in die Schule gehen, nicht ausreichend für den Arbeitsmarkt vorbereitet. Jene, die es schaffen, die Schule abzuschließen, sind für uns dennoch Heldinnen und Helden, weil sie dranbleiben und damit auch ein Stück weit Widerstand gegen die widrigen Umstände in ihrer Lebenswelt leisten.

Kampf für die Jugend in den Favelas

Suanny Martins wuchs in Rio in einer Favela auf. Heute hilft sie selbst den Jugendlichen dort.

Claudia Zeisel

Frage: Es gibt die Befürchtung, dass sich diese Probleme mit dem neuen Präsidenten Jair Bolsonaro noch verschärfen. Wie haben Sie auf die Wahl reagiert und was sind Ihre Erwartungen an den neuen Präsidenten?

Regina: Zunächst haben wir einen tiefen Schmerz gespürt, als Bolsonaro gewählt wurde. Wir sehen in der Wahl eine massive Gefahr für die Kinder- und Jugendrechte in Brasilien. Nach der Militärdiktatur und der Öffnung des Landes hat es einen demokratischen Prozess gegeben. Mit der neuen Verfassung entstand ein Statut für Kinder und Jugendliche. Darin wird Kindern und Jugendlichen absolute Priorität eingeräumt und ihr umfassender Schutz durch alle gesellschaftlichen Akteure festgeschrieben. Jugendliche sollen zudem politisch teilhaben.

Wir befürchten, dass durch die Wahl des neuen Präsidenten etwas ins Rollen kommt, das dieses Prinzip gefährdet. Wir bemühen uns, trotz des zu erwartenden Gegenwindes unseren Kampf weiterzuführen und untereinander solidarisch zu sein. Wir nehmen uns bei der Hand und machen weiter. Wir gehen auch zurück zu unseren Basisinitiativen in den Gemeinden, Kirchen und auf den Plätzen. Wir treten mit den Menschen in Kontakt und führen Gespräche. Wir setzen all unsere Kraft daran, die Rechte von Kindern und Jugendlichen weiter zu verteidigen.

Menschenrechte

Suanny Martins Vater wurde noch vor ihrer Geburt im Drogenkrieg in einer Favela Rios getötet. Heute engagiert sich die 27-jährige Brasilianerin selbst für eine bessere Zukunft der Kinder in den Armenvierteln.


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Frage: Die Weihnachtsaktion von Adveniat nimmt dieses Jahr Jugendliche in den Fokus. Sie sind mit dem Hilfswerk nun in Deutschland unterwegs, um über ihre Situation zu berichten. Wie wichtig ist für Sie die Unterstützung und Solidarität aus dem Ausland?

Regina: Für mich ist es sehr bewegend, junge Leute heute zu sehen. Denn wenn ich zurückdenke an die Anfänge meiner Arbeit, traf ich häufig auf Jugendliche, die keine Träume mehr hatten. Wenn ich Jugendliche wie Suanny sehe, wie sie ihren Weg gehen, dann ist es ein sehr hoffnungsvolles Zeichen. Diese Jugendlichen, die es geschafft haben, wissen, was sie wollen. Und sie schaffen es, ihr eigenes Leben und das der anderen zu verändern.

Hier hilft uns die Solidarität Adveniats und anderer Organisationen. Es geht nicht einfach nur um finanzielle Hilfe, sondern um die Solidarität, den kulturellen Austausch, die Zusammenarbeit im Team. Das ist uns sehr wichtig. Bei uns wird Gemeinschaft großgeschrieben. Wir empören uns gemeinsam über die Ungerechtigkeit. Und wir sehen, dass mit kleinen Schritten eine bessere Welt möglich ist – dort, wo die Kirche Raum einnimmt, wo das Evangelium gelebt wird. Es geht um die Begegnung, den Austausch mit den Anderen, so wie es Papst Franziskus gesagt hat. Wir sind sehr stolz, dass er uns, der Pastoral für die gefährdete Jugend in Rio, einen Brief geschrieben hat und gesagt hat: „Macht weiter, hört nicht auf! Gott ist mit euch!“

Das Interview führte Claudia Zeisel

© weltkirche.de

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Unter dem Motto „Chancen geben – Jugend will Verantwortung“ lenkt Adveniat die Aufmerksamkeit auf die Situation von benachteiligten Jugendlichen in Lateinamerika und der Karibik. 


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