Als junge Mutter in Rios Favelas

  • Brasilien

Eine junge Frau lässt ihr altes Leben als obdachlose Drogensüchtige auf Rio de Janeiros Straßen hinter sich. Für ihre kleine Tochter will sie das sein, was sie selber nie hatte: eine Mutter. An ihrer Seite: Die vom Lateinamerika-Hilfswerk unterstützte Pastoral für gefährdete Minderjährige.

Ganz weit oben auf dem Hügel hat sich Juliana eingenistet. Vom Dach des kleinen Hauses sieht die 21-Jährige das Meer. Ihr zu Füßen liegt die Copacabana. Von hier oben startet Juliana ihre zweite Chance – die eigentlich ihre erste ist. Denn davor gab es nie Chancen, sondern immer nur Risiken.

Sie hat gerade das Notwendigste, um für ihre Tochter Ester zu kochen. „Zug um Zug richte ich es ein: Kühlschrank, Herd – alles, was ich brauche, um Ester hier übers Wochenende bei mir zu haben.“ Noch lebt die Vierjährige in einer Pflegefamilie, und die Umgebung um Mamas Haus ist ihr noch suspekt. Auf den Straßen der Favela Tabajaras patrouillieren junge Männer mit Waffen. Im Januar 2010 hatte Rios Polizei hier eine Einheit stationiert, die den Bürgern Frieden nach Jahren des Drogenkriegs bringen sollte. Doch nach der Fußballweltmeisterschaft 2014 und den Olympischen Spielen 2016 ist die sogenannte Befriedungspolizei wieder abgezogen worden. Die Banden sind zurückgekommen. In Rio jung zu sein bedeutet stets, auch dem Tod nah zu sein. Und je dunkler die Haut, desto weniger ist man der Gesellschaft Wert.

Juliana Cristina Barreto da Silva auf dem Dach in ihrer gemieteten Wohnung mit Blick auf den Stadtteil Copacabana, Favela Morro dos Cabritos, Tabajaras.

Florian Kopp/Adveniat

Julianas Haut ist dunkel und sie kennt den Tod. Er begegnete ihr, als sie vier Jahre alt war. Da wurde ihre Mutter umgebracht, und Juliana kam in ein Heim. Mit zehn Jahren lief sie weg, versteckte sich in den Straßen, bis man sie wieder in ein Heim steckte. „Meine Kindheit lief so ab: Drogen, Straße, Entziehungsheim, wieder Drogen, Straße und so weiter. Fünf Mal bin ich aus dem Entziehungsheim geflohen.“ Die Straße bedeutete Freiheit, keine Zwänge – und Drogen.

Die Entziehung in den Heimen konnte nicht funktionieren, glaubt Juliana. „Sie pumpen einen mit Medikamenten voll. Und lassen einen dann alleine.“ Wie soll man da von dem Einzigen wegkommen, das einem Trost spendet: den Drogen? Juliana hat sechs Geschwister und ist doch allein. Fast wären es sieben gewesen, ihre Mutter war schwanger, als man sie ermordete. Mehr weiß Juliana nicht über die Frau, die sie in diese abweisende Welt hineingeboren hat.

Juliana beim Training der Streetdance-Gruppe Dance in Rio auf dem Sportplatz der Favela Tabajaras.

Florian Kopp/Adveniat

„Booom, Booom“, wummern die Bässe am Abend durch die Straßen von Tabajaras. Ein Dutzend Jugendlicher schwarzer Hautfarbe studieren eine neue Choreographie ein. „Wir müssen tanzen, müssen alles raus lassen“, sagt Juliana. „Das gibt mir Halt. Und ich brauche eine Herausforderung.“ Tagsüber tanzt die Gruppe am Strand für Touristen. „Flash-Mobs“, spontane Tanzauftritte mitten im Straßenleben. Derzeit könne sie damit überleben.

„Sie ist für das Tanzen geboren,“ sagt Maria Christina Noronha de Sá. Seit Jahrzehnten engagiert sie sich als Ehrenamtliche im Beirat der Pastoral do Menor, der Pastoral für gefährdete Minderjährige. Sie ist so etwas wie Julianas Ersatzmutter. „Ich setze alle meine Hoffnung und meinen Glauben in Juliana. Denn sie ist ein Beispiel dafür, dass sich unsere Arbeit lohnt.“ Maria Christina gehört zu einem kleinen Team, das sich um ehemalige Straßenkinder wie Juliana kümmert. Bewusst zwinge man Juliana zu nichts, vermeide jeden Druck. „Juliana kommt stets auf uns zu, aus freien Stücken“, so Maria Christina. „Wir sagen ihr immer wieder, dass wir an sie und ihre Zukunft glauben. Sie kann allen beweisen, wozu Liebe fähig ist.“

Juliana Cristina Barreto da Silva mit ihrer Tochter Ester auf dem Weg zu ihrer gemieteten Wohnung in der Favela Morro dos Cabritos, Tabajaras.

Florian Kopp/Adveniat

Julianas Antrieb ist die Liebe zu ihrer Tochter Ester. Wenn Juliana eine Zukunft mit Ester haben will, so muss sie ihre Vergangenheit hinter sich lassen – mit Hilfe der Pastoral do Menor. „Wir dürfen sie nie aufgeben, denn Juliana hat schon mehrfach erlebt, dass man sie aufgibt“, mahnt Regina Leão, Leiterin des Teams. „Die Gesellschaft hat Juliana auch mehrfach abgeschrieben. Und sie hat sich selber auch schon aufgegeben. Sie ist ein Resultat des Aufgebens.“

Juliana hatte nie eine Familie, weshalb Vertrauen schenken schwierig sei. „Es ist wie beim Verlieben“, beschreibt es Regina Leão. „Nach und nach entstehen die emotionalen Bindungen, der gegenseitige Respekt. Und dann entdeckt und erkennt man sich selbst.“ Juliana sei eines Tages in dem vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat unterstützten Projekt „Passaporte da Cidadania“ aufgetaucht, wörtlich übersetzt: „Ausweis der Bürgerschaft“. Es handelt sich um einen alten Bus, den das Team als mobile Anlaufstelle in Stadtteilen mit vielen Straßenkindern parkt.

Juliana traute sich hier zu erzählen, wie sie mit fünfzehn auf der Straße vergewaltigt und geschwängert wurde. Wie man das Sorgerecht für Ester an eine Familie abgab, weil Juliana selber noch minderjährig war. Und sie erzählte davon, dass sie scheiterte, als sie mit achtzehn ihre kleine Tochter zurückbekam, vor der Verantwortung jedoch erneut in die Drogenabhängigkeit flüchtete. Manchmal komme das Gefühl der Unsicherheit zurück, das Gefühl, alleine in der Welt zu sein. „Angustia - beklemmende Angst - das hat mich stets auf die Straße getrieben.“ Jetzt schickt sie eine Textnachricht an die Sozialarbeiter und kann sicher sein, dass ihr jemand hilft.

Juliana hat eine kleine Lautsprecherbox dabei, aus der die Beats gegen das Wellenrauschen am Strand ankämpfen. Sie will Ester ihre neuen Tanzschritte zeigen. Nach einigen Minuten sinkt Juliana erschöpft zu Boden. Ihre Mama sei so schön, sagt Ester. Juliana will demnächst eine Tanzausbildung machen. Sie plant, mit ihrer Tanzgruppe an nationalen und internationalen Wettbewerben teilzunehmen. Und sie will ihre Schulausbildung nachholen. Denn vom Tanzen wird sie nicht leben können. Ihre Betreuer sagen, dass der jahrelange Crack-Konsum Julianas Körper tiefe Wunden zugefügt habe.

„Wir dürfen nie denken, dass sie es vollkommen geschafft hat. Es geht bei ihr immer nur von einem Tag zum nächsten“, sagt Regina Leão. „Und dabei testet sie unsere Zuverlässigkeit – denn sie hat Angst, sich emotional zu binden, Angst vor neuen Verlusten.“ Juliana weiß, dass das kleine Haus in der Favela kein guter Ort ist, um Ester aufzuziehen. Vorerst soll sie bei der Pflegefamilie bleiben. „Das schmälert nicht meine Rolle als Mutter. Ich ziehe vor, dass es ihr gut geht. Das ist der größte Liebesbeweis, den ich erbringen kann.“

Von Thomas Milz

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