Die Mädchenretter von Burkina Faso

  • Burkina Faso

Immer wieder nehmen der Katechist Edmond Wango und seine Frau Bernadine Mädchen bei sich auf, die vor der Zwangsehe geflohen sind. Dabei hat das Ehepaar selbst acht Kinder und manchmal kaum genug zum Leben.

Ihr Hof liegt wie eine Trutzburg inmitten einer weiten, ausgetrockneten Savannenlandschaft. Eine mannshohe Lehmmauer umschließt die traditionell gebauten Hütten fast völlig. Einzig das Wohnhaus der Familie ist aus Ziegelsteinen gemauert. Eine Schar Hühner läuft auseinander, als Edmond Wango aus dem Eingang tritt. Sein Haar ist leicht angegraut. Er trägt ein weißes Hemd, eine beige karierte Hose und um den Hals ein Kreuz. Auf einem offenen Feuer im Innenhof rührt ein Mädchen in einem riesigen mit Ruß beschichteten Topf. „Pauline ist fünfzehn und lebt seit eineinhalb Jahren bei uns“, erklärt Edmond. „Wir haben sie bei uns aufgenommen, weil sie zwangsverheiratet werden sollte.“

Pauline Ouedraogo*, die einen schüchternen Eindruck macht, erzählt mit leiser Stimme, dass ihr Vater sie mit einem Mann verheiraten wollte, den sie nicht kannte. „Er brachte mich zu ihm. Der Mann war alt, mindestens 60 Jahre“, flüstert sie. „Bei der ersten Gelegenheit bin ich weggelaufen.“

Seit 30 Jahren arbeitet Edmond als Katechist im Bistum Koupéla im Osten Burkina Fasos. Regelmäßig sucht er die Dörfer in seiner Umgebung auf. Unterweist Jugendliche in der Katechese. Besucht Alte, Kranke und Sterbende. Spendet Trost. Die Arbeit ist für Edmond eine Herzensangelegenheit. Seine Augen leuchten, wenn er davon berichtet. Doch leben können er und seine Familie davon nicht. Denn die Katechistinnen und Katechisten im Bistum Koupéla bekommen für ihren Dienst als Gemeindehelfer kein festes Gehalt.

Pauline füttert die wenigen Nutztiere, die die Katechistenfamilie besitzt.

Missio/Hartmut Schwarzbach

Katechisten wie Edmond spielen in Afrika eine zentrale Rolle im Glaubensleben. Es sind Frauen und Männer, die als Laien im Auftrag der Kirche pastorale Dienste leisten. In vielen Regionen Afrikas herrscht Priestermangel und die Katechistinnen und Katechisten gehen oft auch in weit entlegene Dörfer, um den Menschen zur Seite zu stehen, geistigen Beistand zu leisten.

Um seine Familie zu versorgen, betreibt Edmond zusammen mit seiner Frau Bernadine Ackerbau. In der Regenzeit zwischen Juni und September baut die Familie Mais und Hirse an. Doch nicht immer regnet es genug. „Dann haben wir manchmal nicht genug zu essen“, erklärt Edmond und hebt zusammen mit seiner Frau und Pauline das deckelartig abhebbare Kegeldach von einer kleinen auf Stelzen stehenden Rundhütte. Das ist der Getreidespeicher der Familie. Er ist fast leer. Den größten Teil der darin gelagerten Hirse hat die Familie schon verbraucht. Doch bis zur nächsten Regenzeit sind es noch mehrere Monate.

„Leider besitzen wir weder einen Esel noch einen Ochsen, die uns bei der Feldarbeit helfen könnten. Sonst könnten wir mehr anbauen“, erklärt Edmond, der sich vor ein paar Tagen bei der Arbeit am Bein verletzt hat und sich seither auf einen Stock stützen muss. Und auch um andere Nutztiere anschaffen zu können, wie Schweine, mit denen er eine kleine Schweinezucht aufziehen könnte, ist die Familie zu arm. Einzig ein Dutzend Hühner und sieben Ziegen nennt die Familie ihr Eigen.

Verbittert wirkt Edmond trotzdem nicht. „Ich habe meine Schwierigkeiten, aber ich habe meinen Glauben und ganz egal, was ich für ein Problem habe, ich werde weiter als Katechist arbeiten“, sagt er.

Jedes zweite Mädchen unter 18 Jahren wird in Burkina Faso zwangsverheiratet.

Missio/Hartmut Schwarzbach

Unterstützt wird er dabei von seiner Frau Bernadine. Sie hat ein zweijähriges Training an der Katechistenschule absolviert. „Ich arbeite Hand in Hand mit meinem Mann“, erklärt die 52-Jährige.

Während seine Frau noch spricht, setzt Edmond seine Brille auf. Sorgfältig beginnt er, auf einem Papierbogen zu schreiben. Eine Liste. Am Ende stehen dort 18 Namen von Mädchen, denen das Ehepaar im Laufe ihres Lebens Zuflucht bot. Der letzte Name ist Paulines.

„Das jüngste Mädchen, das wir aufgenommen haben, war erst zwölf Jahre alt“, erzählt Edmond. Oft habe er sich auch mit den Familien der Mädchen auseinandersetzen müssen, die ihn zur Herausgabe der Mädchen aufgefordert hätten. Manche seien wütend, mit anderen habe er ganz normal sprechen können und sie überzeugt. Manche sähen ein, dass die Zwangsehe keine gute Sache sei, aber sie hätten das Mädchen schon jemandem versprochen. „Dann habe ich Kontakt mit den ausersehenen Ehemännern aufgenommen.

Wenn es Christen waren, habe ich ihnen gesagt, dass die Zwangsheirat gegen unseren Glauben verstoße. Und den anderen habe ich zu vermitteln versucht, dass es schlecht sei, ein Mädchen zu heiraten, das todunglücklich sei. Das sei nicht gut für eine Ehe. Manche haben das eingesehen, andere nicht.“

Die Zwangsehe und auch Kinderehe ist in der Region um Koupéla gängige Praxis. Jedes zweite Mädchen unter 18 Jahren wird in Burkina Faso verheiratet. Bei einer Umfrage in den Pfarreien im Erzbistum Koupéla hat sich herausgestellt, dass im letzten Jahr 92 Mädchen, die vor der Zwangsehe flohen, bei Ordensschwestern und Katechistenfamilien Unterschlupf fanden.

Damit die geflohenen Frauen und Mädchen und auch die Katechisten und Ordensschwestern zukünftig mehr Unterstützung erhalten, hat das Erzbistum Koupéla jetzt ein von Missio unterstütztes Projekt gestartet, um die ökonomische Situation zu verbessern.

Darüber hinaus werden sowohl die Mädchen und Frauen als auch die Katechistenfamilien und Ordensgemeinschaften seelsorgerisch begleitet. Auch ein Erfahrungsaustausch wird organisiert, damit sie ihre Sorgen und Nöte miteinander teilen können. Zudem führen Pfarreien Aufklärungsprogramme durch, in denen über Frauenrechte informiert wird und auch darüber, dass Kinder- und Zwangsehen in Burkina gesetzlich verboten sind.

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Im Oktober 2017, dem Monat der Weltmission, stellt Missio die Kirche in Burkina Faso vor. Das Motto: „Du führst mich hinaus ins Weite“ (Psalm 18).


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Edmond und Bernadine sind stolz auf ihre Arbeit. „Menschen kommen zu uns und bitten uns um Rat“, erzählt Edmond. Einige junge Leute wollen dem Beispiel von Edmond folgen und besuchen das Ausbildungszentrum für Katechisten. Besonders stolz ist das Ehepaar aber darauf, dass sie all ihren Kindern den Schulbesuch ermöglicht haben. „Gott hat unsere Kinder gesegnet, dass sie alle zur Schule gehen konnten. Sie haben immer gute Noten mit nach Hause gebracht“, erzählt Edmond.

In einem Land, in dem nur 36 Prozent der Menschen lesen und schreiben können und besonders Mädchen oft nicht zur Schule gehen, ist das längst keine Selbstverständlichkeit. „Manchmal habe ich ein Tier verkaufen müssen, um das Schulgeld aufbringen zu können“, berichtet Edmond. Auch seinen Pflegetöchtern hat das Katechistenpaar immer den Schulbesuch ermöglichen wollen. Manche Mädchen hatten nie zuvor eine Schule besucht, wie Pauline. Aber Edmond konnte sie zu einem Analphabetenkurs anmelden, der von der Caritas im Bistum organisiert wird. Dort lernt Pauline heute fleißig Lesen, Schreiben und Rechnen. Eines Tages, hofft sie, werde sie einen guten Ehemann finden. Dabei wird sie von Bernadine und Edmond unterstützt. „Ich bin dagegen, dass Mädchen gezwungen werden, jemanden zu heiraten, den sie nicht heiraten möchten“, erklärt Bernadine.

Was es bedeutet, gegen seinen Willen verheiratet zu werden, weiß Bernadine aus eigener Erfahrung. Ihr Vater hatte sie schon im Kleinkindesalter einem Bekannten der Familie versprochen. Mit 16 Jahren sollte sie verheiratet werden. Doch Bernadine weigerte sich standhaft. Ihr Herz gehörte bereits einem anderen. „Ich floh zu den Ordensfrauen“, erzählt Bernadine. Alles Bitten und Flehen half nicht. Ihr Vater ließ sich nicht überzeugen. So blieb Bernadine bei den Schwestern und heiratete, nachdem sie volljährig war, ihren Ausersehenen: den Katechisten Edmond.

Von Bettina Tiburzy

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