Inklusion auf Litauisch

  • Renovabis-Pfingstaktion 2013

Wenn aus den Lautsprechern eine Swing-Melodie erklingt, wird es immerzu leiser auf den Fluren der Versme-Schule in Vilnius. Statt durch eine herkömmliche Schulglocke werden die 550 Schüler mit einem fetzigen Lied zum Unterricht geklingelt – oder die Pausen eingeläutet. „Es gibt einen besonderen Geist in der Schule“, erklärt Direktorin Violeta Ališauskiene mit gewissem Stolz in der Stimme. Damit meint sie nicht nur die untypische Schulglocke als vielmehr das selbsterklärte Ziel der „Vilniaus katalikiškoji mokykla Versme“, wie die katholische Schule offiziell heißt: Die Inklusion von jungen Menschen mit Behinderungen.

Rund ein Drittel der Schüler der Versme-Schule hat eine „nedarbingumas“, wie körperliche oder geistige Behinderungen auf Litauisch genannt werden. „Je nach Stufe ihres Könnens, machen alle Schüler das Gleiche“, erklärt die Direktorin das Inklusionsprinzip der Privatschule. Kommt ein Kind einmal doch nicht mit oder braucht eine besondere Handreichung, so unterstützen speziell geschulte Hilfslehrer die Lehrkräfte im Unterricht. „Das ist einzigartig in Litauen“, sagt die Direktorin.

Schule als Chance

Einzigartig ist die Zusammensetzung der Schülerinnen und Schüler: Es sind nicht nur Rollstuhl benutzende Jungen und Mädchen darunter, sondern auch Kinder mit Lähmungen, Sinnes- und geistigen Behinderungen. Eine Herausforderung für Lehrer und Schüler, weiß Schwester Danguole Gervyte. „Kindern fällt es auf, wenn zum Beispiel ein anderes nicht laufen kann“, sagt die Ordensfrau.

Schwester Danguolė Gervytė gehört dem Assumptionisteninnen-Orden an und ist zugleich geistliche Leiterin der Versme-Schule. Nowak/Renovabis

„Allerdings ist es nur schwer vermittelbar, wenn sich ein Mitschüler anders verhält, weil er vielleicht autistisch ist.“ Dass der katholischen Versme-Schule die Inklusion von behinderten und nichtbehinderten Kindern gelingt, zeigt der hohe Zuspruch bei Eltern und selbst Schülern. So ist Rina Duobliene zum Schuljahresbeginn 300 Kilometer in die Hauptstadt umgezogen, damit ihr Sohn Modestas weiterhin zur Schule gehen kann. Der 17-Jährige ist seit seiner Geburt stark bewegungseingeschränkt und verfolgt den Unterricht an einem speziellen Rollstuhl mit eingebauter Schreibunterlage. „Die Schule ist eine Chance für ihn“, sagt Mutter Rina. Modestas kann hier das Abitur machen und später einmal Informatiker werden, denn das wünscht er sich.

Behinderte waren in der Sowjetzeit tabu

Die Integration behinderter Kinder und Jugendlicher steckt auch mehr als 20 Jahre nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in Litauen noch in den Kinderschuhen. Nicht nur, weil viele Institutionen die nötigen Umbaumaßnahmen und den erhöhten Betreuungsaufwand scheuen. Häufig gibt es auch kein Konzept für den gemeinsamen Unterricht, ist sich Alvyra Galkiene sicher; sie war die Gründungsrektorin der Versme-Schule. „Eigentlich wären unsere Regelschulen rechtlich verpflichtet, behinderte Schüler aufzunehmen. Aber man schaut erst, wie es läuft, wenn ein behindertes Kind kommt.“ Als die heute 58-Jährige vor 20 Jahren mit der Versme-Schule begann, warnten sie die Behörden des erst kurz zuvor unabhängig gewordenen Staates: „Niemals werden Eltern ihre Kinder zusammen mit Behinderten in dieselbe Schule schicken.“ Noch immer zu gegenwärtig seien wohl die Erfahrungen aus der bis 1991 dauernden kommunistischen Zeit gewesen. Galkiene: „Die Sowjetgesellschaft galt als gesund. Behinderte passten nicht in dieses Schema und wurden in Spezialeinrichtungen gesteckt. In der Öffentlichkeit konnte man keine Menschen mit Behinderungen sehen.“ Die Gründerin der Versme-Schule lehrt heute an der Pädagogischen Universität.

Pause in der Versme-Schule in Litauen: Egal ob mit oder ohne Behinderung: Seifenblasen üben auf alle Kinder gleichermaßen eine große Faszination aus! Wegmann/Renovabis

Pioniere der Inklusion

Heute ist die Situation in Litauen anders, und einen Anteil daran hat auch die Lehranstalt in dem Vilniuser Stadtteil Lazdynai. Die Versme-Schule war die erste integrative Einrichtung Litauens und gilt als Modellschule, die von Lehrern aus dem ganzen Land zwecks Erfahrungsaustauschs aufgesucht wird. Und die Schüler profitieren davon. „Wir waren so was wie Pioniere“, sagt der 19-jährige Matas Geležauskas im Rückblick. Im vergangenen Sommer hat er nach 13 Jahren Schulbank-Drücken an der Versme-Schule das Abitur abgelegt und studiert heute Englisch an der Universität Vilnius. Auf den Rollstuhl von einst ist er immer seltener angewiesen. Zum Glück, denn die Universitätsgebäude stammen aus dem 16. Jahrhundert und sind nicht barrierefrei.

„Ich habe mich sehr gut und von allen akzeptiert gefühlt“, erinnert sich der ehemalige Versme-Schüler. An der Schule sehe man viele Behinderte, „das ist gut, dadurch fühlt man sich nicht alleine, und auch für die anderen Kinder ist das eine gute Erfahrung“, glaubt der 19-Jährige. So lernten nichtbehinderte Kinder Menschen mit Behinderungen zu akzeptieren.

„Ich habe mich sehr gut und von allen akzeptiert gefühlt“

„Inklusion und Christentum lassen sich nicht trennen“

Bei der Schulgründung sei es der damaligen Rektorin Alvyra Galkiene allerdings in erster Linie um die Schüler mit Behinderung gegangen. „Sie lernen jetzt besser, in der Mehrheitsgesellschaft klarzukommen“, sagt Galkiene. Dabei ist es für sie nur konsequent, dass die Einrichtung eine katholische Privatschule ist: „Inklusion und Christentum lassen sich nicht trennen“, glaubt auch ihr Nachfolgerin Violeta Ališauskiene: „Christlichkeit bewegt zur Hilfe und zur Unterstützung. Katholik sein heißt bei uns nicht nur Beten, sondern dem Nächsten helfen.“

Und die nichtbehinderten Schüler akzeptieren das ohne Einwand. „Im Prinzip lernen wir wie an einer normaler Schule“, sagt der Neuntklässler Modestas Tamulevicius. Von dem Hilfslehrer im Klassenzimmer merke er nichts und durch die Anwesenheit der behinderten Kinder sei der Unterricht „auch nicht langsamer“. Der 15-Jährige hat vor Jahren eine staatliche Schule besucht und hat erfahren, dass an der katholischen Privatschule eine „freundlichere Atmosphäre“ herrscht.

Auch der Pausen-Swing statt gewöhnlichem Schulgong leiste einen kleinen Beitrag dazu, glaubt Schwester Danguole. Eine fetzige Melodie vor dem Unterricht lasse weniger Stress aufkommen, ist sich die Ordensfrau sicher. Und so haben die Schüler ein Mitspracherecht an der Melodie. „Wir waren von Anfang an eine alternative Schule“, sagt sie.

Von Markus Nowak

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