Hoffnung für eine neue Generation am Nil

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  • München - 02.10.2013

Patriarch Ibrahim Isaak Sidrak muss nicht lange nachdenken, was er sich von Europa wünscht: „Unterstützung für die Bildung der jungen Generation.“ Schließlich brauche es in Ägypten künftige Führungskräfte in Politik und Gesellschaft, darunter auch junge Christen. Noch träumten aber viele junge Leute davon, sich im Ausland ein besseres Leben aufzubauen. Demgegenüber sieht sich Sidrak als Oberhaupt der kleinen koptisch-katholischen Kirche in der Verantwortung, christliche Laien zu ermutigen, dass sie in die Gesellschaft hinein wirken, quasi als Sauerteig. „Das ist meine Aufgabe“, sagt der 58-Jährige schlicht.

Bei Johannes Singhammer, dem stellvertretenden Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, findet Sidrak Rückhalt. Auf einer Reise im Frühjahr an den Nil hätten die Delegierten der Fraktion mit ihrem Vorsitzenden Volker Kauder sehen können, wie die Christen speziell im öffentlichen Dienst diskriminiert würden und welchen Gefahren sie ausgesetzt seien. Das berichtet Singhammer bei einer Begegnung mit Sidrak auf Einladung des katholischen Hilfswerks Missio am Montag in München. „Wir werden die Situation weiter in den politischen Gremien begleiten.“ Die Öffentlichkeit müsse auf Diskriminierung und Verfolgung aufmerksam gemacht werden. Nur wenn das Recht auf Religionsfreiheit garantiert sei, könne Ägypten zu Frieden und Wohlstand gelangen.

Kein Staatsstreich

Der Weg bis dahin ist holprig: In der Absetzung von Staatspräsident Mohammed Mursi sieht Patriarch Sidrak einen Kampf um die Identität seines Landes. „Es sah vielleicht so aus wie ein Staatsstreich, aber es war keiner.“ Die Menschen hätten die Armee erst zur Hilfe gerufen, als Mursi sich gegen die breite Forderung nach Neuwahlen gestellt. „Ägypten war dabei, seine Identität zu verlieren“, sagt der Patriarch. Dem abgesetzten Präsident wirft er vor, undemokratisch und gegen die Verfassung gehandelt zu haben. Die ihn unterstützende Muslimbruderschaft habe es sogar auf die Streichung ganzer Epochen aus den Schulbüchern abgesehen.

Ibrahim Isaak Sidrak ist Patriarch der koptisch-katholischen Kirche Ägyptens Missio

Aber auch für die Christenheit ist Ägyptens Geschichte nach Meinung von Kardinal Friedrich Wetter unverzichtbar. Der frühere Münchner Erzbischof erinnert im Gespräch mit Sidrak an den Beitrag der koptischen Christen über zwei Jahrtausende. „Es gibt wenige Völker, die eine solche Geschichte und Kultur vorzuweisen haben. Bereits zur Zeit der Apostel habe der christliche Glaube in dieser Gegens Fuß gefasst. In Ägypten entstand im 4. Jahrhundert das Mönchtum.

Wetter erinnert weiter an die Katechetenschule von Alexandria, sozusagen die erste theologische Hochschule der Kirchengeschichte. Hier trafen griechische Philosophie und christlicher Glaube, Vernunft und Religion aufeinander. „Echte Religion, die diesen Namen verdient, hat mit Gewalt nichts zu tun.“

„Ägypten war dabei, seine Identität zu verlieren.“

— Patriarch Ibrahim Isaak Sidrak

Scharia als Rechtsquelle

Vernunft und Religion: Derzeit ringt die Verfassungsversammlung in Kairo um deren Verhältnis. Laut Patriarch Sidrak ist noch nichts entschieden. Mit einer Abkehr von der Scharia als der Hauptquelle der Gesetzgebung ist nach seiner Einschätzung aber nicht zu rechnen. Seit Präsident Anwar Sadat (1970 bis 1981) gelten „die Prinzipien der Scharia“ als wichtigste Rechtsquelle. Was das genauer bedeutete, sollte der Verfassungstext von 2012 in einem Zusatzartikel näher beschreiben. „Der Artikel 219 ist nun abgeschafft worden, aber die Diskussion um die Prinzipien geht weiter“, sagt Sidrak.

Ein Problem ist aus seiner Sicht auch die Anerkennung religiöser Minderheiten. Außer Juden und Christen würden im aktuellen Entwurf keine anderen Religionsgemeinschaften erwähnt, obwohl sich Christen dafür eingesetzt hätten. Trotz dieser Ungewissheiten ist der Patriarch hoffnungsvoll. Die Gewaltwelle gegen kirchliche Einrichtungen nach der Absetzung Mursis wertet er als „Angriff auf ganz Ägypten“; die Täter hätten sich eben die Christen als schwächstes Glied ausgesucht. Dennoch bleibt Sidrak bei seiner Vision von einer neuen ägyptischen Generation, in der Christen ihren Platz haben: „Als Christen haben wir auch keine andere Wahl, als voller Hoffnung zu sein.“

Von Michaela Koller

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