„Hier haben wir ein gutes Leben“

  • Misereor-Fastenaktion 2013

Manchmal möchte Dionisio Gómez morgens nicht mehr aufstehen. Es ist nicht der Körper. Der ist noch recht fit – trotz der 70 Jahre, die der Bauer auf dem Buckel hat. Es sind die Schatten auf der Seele, die manchen Tag so finster erscheinen lassen. Die Erinnerungen. Wie er vor 30 Jahren hier ankam in Pastoreo im Osten Paraguays. Wo der Boden fruchtbar war und auf Menschen wartete, die ihn bewirtschafteten. Fleißige, wortkarge, einfache Leute wie Dionisio. Wie er nach langem Kampf und vielen Jahren als schlecht bezahlter Tagelöhner endlich den Landtitel bekam. Zehn Hektar, sein ganzer Stolz, in die er alle Kraft investierte. Und die genügend hergaben, um seine Frau Ursulina und die drei Kinder zu versorgen. Mais, Maniok, Bohnen, Futter für die Tiere.

Der Älteste hatte noch eine unbeschwerte Kindheit. Beim mittleren, Gustavo, fing es an. Der heute 18-Jährige hatte schon als kleiner Junge Atemprobleme und chronische Gastritis. Und die dritte, die einzige Tochter, wurde vor 13 Jahren blind und missgebildet geboren. Ein Schicksalsschlag, dachten die Eltern damals, als die Krankheit die ganzen Ersparnisse auffraß und sie sogar einen Kredit aufnehmen mussten. Um ihn abzubezahlen, mussten sie acht Hektar verkaufen. Dann starb die Tochter trotzdem.

Im Nebel giftiger Pestizide

Es waren aufreibende Jahre, und Dionisio merkte lange nicht, wie der schleichende Tod sich seinen Weg nach Pastoreo bahnte. Immer näher rückten die Sojafelder an die Siedlung, immer häufiger versank das Dorf im Nebel giftiger Pestizide, die von Flugzeugen versprüht wurden.

Immer wieder gehen Kleinbauerfamilien und indigene Gemeinschaften für die Landreform auf die Straße. Das Team der Sozialpastoral der Diözese Coronel Oviedo steht an ihrer Seite. Kopp/Misereor

Mehr als 24 Millionen Liter Agrochemikalien werden jedes Jahr auf die Sojafelder Paraguays gekippt: Heptachlor, Aldrine, aber auch eigentlich verbotene, hochgiftige Substanzen wie DDT. Einmal protestierten die Anwohner vor dem Hof des brasilianischen Großgrundbesitzers. Er versprach, künftig mehr Abstand zur Siedlung zu halten. „In fünf Jahren gehört mir ohnehin alles“, entgegnete er.

Nur drei Familien blieben

Und er behielt recht: Immer mehr Nachbarn gaben auf, verkauften ihr Land an den Sojabaron und zogen in die Stadt. Von einst 20 Familien sind noch drei übrig. Dionisios Familie, ein 80jähriger, gebrechlicher Nachbar und eine junge Familie. „Die wollen jetzt aber auch verkaufen“, murmelt Dionisio und treibt die Kuh von der Weide, um sie zu melken. Manchmal fühlt er sich einsam. Eigentlich wollte Dionisio sein Land den Kindern vererben. „Aber was kann man auf zwei Hektar schon anbauen?“, sagt er schulterzuckend. Seine Kinder sehen in der Landwirtschaft keine Zukunft. Der mittlere studiert in der nahegelegenen Kleinstadt Caaguazú Betriebswirtschaft, der Älteste ist nach Argentinien ausgewandert, um dort auf dem Bau sein Glück zu versuchen. Seine dreijährige Tochter Damaris hat er bei den Großeltern gelassen. Aber es geht ihm gut in Argentinien, bald wird er die kleine Damaris wohl nachholen. Dann wird es noch einsamer auf dem Hof der Familie Gómez.

Vormarsch der Sojabarone stoppen

Die Großgrundbesitzer haben eine einflussreiche Lobby, der Staat ist schwach und auf die wenigen Steuern angewiesen, die die Sojabarone bezahlen. Nur wenige stellen sich der Entwicklung entgegen. Eine davon ist die Sozialpastorale der Diözese Coronel Oviedo. „Wenn die Soja einmal ein Territorium erobert hat, ist dies nur schwer rückgängig zu machen. Deshalb müssen wir ihren Vormarsch stoppen und die Widerstandsfähigkeit der Bauerngemeinden stärken“, sagt der gelernte Agraringenieur Luciano León, dessen Arbeit von Misereor unterstützt wird. Es ist eine komplexe, langwierige Aufgabe. Viele der Bauern sind Analphabeten, manche haben keine Landtitel und kennen ihre Rechte nicht. Fast alle kämpfen ums Überleben – und dort setzt die Sozialpastorale an. Mit Agroforstsystemen, Fruchtwechsel und ökologischen Düngern wird ausgelaugter Boden wieder fruchtbar. Die Bauern sparen Geld, wenn sie selbst Samen ziehen, wenn sie kleine Erkrankungen mit Heilkräutern aus dem eigenen Garten behandeln können und Dünger und Insektenvernichtungsmittel aus Pflanzen herstellen. Und wenn gleichzeitig noch Bienen- und Fischzucht dazukommen, wird die Ernährung vielseitiger und die Abhängigkeit von einem einzigen Produkt geringer. Fortbildungskurse stärken den Zusammenhalt der Bauerngemeinden und damit ihre Widerstandskraft gegen die Sojainvasion.

Ofelio Aeraujo hat es geschafft: Dank verbesserter Anbaumethoden gedeiht sein Maniok gut. Kopp/Misereor

Aufbau einer nachhaltigen Landwirtschaft

Ofelio Araujo ist einer der Bauern, die ihre Produktion umgestellt haben. Auf seinen vom Vater geerbten sieben Hektar Land in San Gregorio nördlich von Coronel Oviedo wachsen jetzt Papaya, Mais, Maniok, Bananen, Mango, Mandarinen, Melonen und Hafer. Er hat Schafe, Hühner, Schweine und Kühe. „Früher war mein Maniok klein und bitter, jetzt ist er groß und süß“, sagt der 47-Jährige stolz. Das hat Schule gemacht. 186 Familien im Einzugsbereich der Pastorale haben inzwischen auf Agroökologie umgestellt. Araujos Hof versorgt die gesamte Großfamilie bis hin zu Tanten und Neffen. Den Überschuss verkauft Araujo auf dem Wochenmarkt in der Stadt. Davon kauft er Kleidung, Salz, Nudeln, Medikamente, Möbel – und lässt seine Kinder ausbilden. Die drei ältesten studieren in Coronel Oviedo Betriebswirtschaft und Buchhaltung. „Damit der Hof in der Familie bleibt und noch besser bewirtschaftet wird“, hofft Araujo. Am Wochenende kommen alle auf dem Hof zusammen und helfen mit. Daran, sein Land zu verkaufen, denkt Araujo nicht: „Was soll ich denn in der Stadt? Hier haben wir doch alles, was wir für ein gutes Leben brauchen.“

Von Sandra Weiss

www.misereor.de

© Misereor