Heller Schein, grauer Alltag

  • Adveniat-Aktion 2014

Buenos Aires ist eine wunderschöne Stadt, voller Licht. Es ist Sonntagmorgen, und die Frühlingssonne wirft Pastelltöne auf die nahezu leeren Straßen des Stadtzentrums. Die prunkvollen Gebäude zeugen von vergangenen Zeiten, Buenos Aires galt lange als eine europäisch anmutende Weltstadt. Paula Iramaín ist auf dem Weg in das Jugendzentrum San Luiz Gonzaga im Stadtteil Balvanera, in dem sie sich mit den Jugendlichen von El Arranque verabredet hat.

Dort spielen einige Jungs bereits Fußball auf dem kleinen Betonplatz, drei andere versuchen den Grill anzuzünden. Die Mädchen sitzen zusammen in einer Ecke des Innenhofs und genießen die Sonne. Eigentlich wollten die Jugendlichen an diesem Wochenende zelten gehen, doch dann schüttete es tagelang. Jetzt grillt man eben mitten in der Stadt. Danach will das Orchester-Projekt noch einige neu eingeübte Stücke vorführen. Das Orchester liegt Paula besonders am Herzen. „Oft ist die Schule keine gute Erfahrung für die Jugendlichen, sie schreiben schlechte Noten, bleiben sitzen, kommen nicht voran, scheitern. Aber im Orchester erleben sie, dass sie eine Violine spielen können, ein schwieriges Instrument. Da erfahren sie: Ja, ich kann etwas.“

Starthilfe für die Jugendlichen

Seit 2001 leitet Paula das Jugendprojekt El Arranque, was soviel bedeutet wie „Anschub“, „Starthilfe“. „Das war damals eine schwierige Zeit für Argentinien, man stand mitten in einer politischen und wirtschaftlichen Krise. Und am schlimmsten hatte es die Jugendlichen getroffen. Deshalb beschlossen wir, etwas zu tun.“ Wir – das waren die Ordensschwestern der Misioneras de Cristo Resucitado.

Paula Iramain setzt mit dem katholischen Bildungswerk „El Arranque“ im Innenstadtbereich von Buenos Aires Zeichen. Escher/Adveniat

Der damalige Erzbischof Jorge Mario Bergoglio, heute Papst Franziskus, legte ihnen die öffentlichen Schulen ans Herz. Es sind vor allem Kinder aus Immigranten- und Arbeiterfamilien, die hier den Anschluss zu verlieren drohen. Die immer wiederkehrenden Wirtschaftskrisen haben der Mittelschicht zugesetzt, viele Industriejobs gingen verloren. Oft müssen beide Elternteile jetzt arbeiten gehen, um die Familie über Wasser zu halten. Zeit für die Kinder bleibt kaum.

Aber selbst wenn die Eltern wollten, sie können ihren Kindern nicht beim Meistern der schulischen Hürden helfen, „sie haben ja meist selber keinen Schulabschluss“, sagt Paula. „El Arranque“ gibt hunderten von Schülern Nachhilfe, mehr noch, versucht, ihnen eine zweite Heimat, eine zweite Familie zu sein, da, wo die erste zu zerfallen droht. Viele der in der Innenstadt zur Schule gehenden Kinder stammen aus armen Familien, eine große Zahl Migranten, vor allem Bolivianer. Viele Eltern sind arbeitslos oder gehen einem informellen Job nach, eine große Zahl sind Analphabeten. Und manche wissen sich keinen Ausweg, als ihre Kinder sich selbst zu überlassen.

Martí schlägt sich seit Jahren alleine durch, nachdem die Mutter die Familie verließ und der Vater neu heiratete. In einer kleinen Ein-Zimmer-Wohnung lebt der inzwischen 19-Jährige, außer Paula und Freunden von „El Arranque“ kommt niemand vorbei. Vielleicht will er das auch nicht, vielleicht schämt er sich. „Hier lebe ich, fast wie ein richtiger Erwachsener.“ Martí spricht leise, man versteht ihn kaum. Mit Gelegenheitsjobs kommt er über die Runden, aber Paula will ihn überreden, die Schule zu beenden.

Raum und Begleitung bieten

„Die Jugend ist die Zeit, in der Menschen am verletzlichsten sind“, sagt Paula. „Deshalb wollen wir ihnen einen Raum bieten, in dem sie ihre Kindheit und Jugend leben und ausleben können, und das in begleiteter Form.“ Martí kickt ausgelassen mit den anderen Jungen. Fußballer zu werden ist ihr Traum, oft der einzige. An erfolgreichen Vorbildern für die Jugendlichen mangelt es, und nicht jeder kann mal ein Messi werden.

Auch auf dem kleinen Bolzplatz im Armenviertel Cárcova träumen die Kids von einer Fußballerkarriere. Messis fußballerische Eleganz fehlt ihnen jedoch, schon nach wenigen Minuten artet das Spiel in eine Prügelei aus. Padre Pepe schaut sich die Szene nachdenklich an. „Früher in der Villa 21 gab es einen Ehrenkodex, man musste stets fair in die Zweikämpfe gehen. Doch heute fehlt den Kindern und Jugendlichen jeglicher Respekt.“ Padre Pepe, mit bürgerlichem Namen José Maria di Paola, hat als Armenpriester mehr als zehn Jahre in der berühmt-berüchtigten Villa 21 - 24 gearbeitet, einem Elendsviertel am südlichen Stadtrand von Buenos Aires. Dann ging er auf Konfrontationskurs mit den Banden, die ihre Kokain-Droge Paco an die Jugendlichen verkauften. Als die ersten Morddrohungen eintrafen, setzte er sich aus Buenos Aires ab.

„Der Jugend fehlt es an einem Horizont im Leben.“

— José Maria di Paola, Armenpriester

Jetzt ist er zurück auf neuer Mission, dieses Mal in der „Cárcova“. „Der Jugend fehlt es an einem Horizont im Leben“, sagt Pepe. „Wir müssen in den Slumvierteln etwas aufbauen, das eine echte Alternative zu den Drogen und der Gewalt bietet.“ Mit Unterstützung des damaligen Erzbischofs Bergoglio gründete Pepe Ende der 90er Jahre die ersten Jugendgruppen in den Slumvierteln, „für viele das erste Licht am Horizont“.

Teufelskreis aus Hoffnungslosigkeit

Viele Menschen hätten durch die stetigen Krisen in Wirtschaft und der Politik eine fatalistische Sicht auf das Leben entwickelt, glaubt Gastón Ciamberlani. „Wir geben ihnen hier die Chance, sich selber kennen zu lernen und zu akzeptieren. Und wir sagen ihnen: Du kannst es, es ist nicht alles verloren.“ Gastón lächelt. Der 30-Jährige leitet im Stadtteil San Cristóbal das katholische Bildungswerk Talita Kum, das mit Hilfe von thematischen Workshops Mitarbeiter der argentinischen Jugendpastoral weiterbildet. Man will die Teufelskreise aus Hoffnungslosigkeit aufbrechen, und dafür geht man die dringendsten Probleme an. Talita Kum erarbeitet Strategien, wie man Kinder und Jugendliche im Rahmen der kirchlichen Jugendarbeit wieder in die Hoffnungsspur zurückbringen kann.

‚Talita Kum‘ – steh auf!

Das katholische Bildungswerk „Talita Kum“ in Buenos Aires eröffnet Jugendlichen neue Horizonte.

Adveniat

„Pessimist zu sein bringt nichts. Heutzutage brauchen wir Menschen, die unsere Horizonte erweitern, die mit ihrer positiven Einstellung die Jugendlichen motivieren. Und nicht immer nur sagen, dass die Werte von einst verloren seien“, sagt Gastón. Dass das angesichts der um sich greifenden Hoffnungslosigkeit nicht immer einfach ist, weiß auch er. „In Argentinien verschwindet gerade die Mittelschicht.“

Maria Cristina Lafont sitzt in ihrem kargen Büro in dem katholischen Berufsbildungszentrum Centro de Formación Profesional in Merlo-Moreno, einem grauen Vorortviertel an der südlichen Peripherie von Buenos Aires, dem so genannten „zweiten suburbanen Siedlungsgürtel“. Das bedeutet, dass hier vom Glanz der Prachtstraßen des Zentrums nichts zu sehen ist. Stattdessen herrscht Ernüchterung. „Für uns ist es eine neue Realität, dass wir immer mehr Schwarzarbeit haben, dass der informelle Sektor immer größer wird. Viele Familien halten sich nur noch dank der Sozialprogramme der Regierung über Wasser.“

Besonders die Jugendlichen stünden unter Druck, sagt Maria Cristina. Die Eltern drängten sie, eine Arbeit anzunehmen, um das Familieneinkommen aufzubessern. „Sobald sie da etwas finden, verlassen sie die Schule.“ Das ist dann der Einstieg in den Teufelskreis, in dem bereits die Eltern gefangen waren. Und diesen sozialen Teufelskreis kennt Maria Cristina gut. Es sei ja immer derselbe: Die Perspektivlosigkeit der Eltern geht auf die Kinder über, deren schlechte Schulausbildung den Eintritt in den Arbeitsmarkt verhindert. Dazu kommt der Reflex, der Hoffnungslosigkeit dadurch zu begegnen, dass man früh Kinder bekommt – ohne in der Lage zu sein, die Familie finanziell noch emotional am Leben zu erhalten. Die Ernüchterung kommt schnell, und sie ist groß.

„Frauen halten die Familien über Wasser“

Doch Maria Cristina und ihre Mitarbeiter halten dagegen. Die Kurse des Centro de Formación Profesional sind voll von jungen Erwachsenen, die einen Ausweg aus der vorgezeichneten Katastrophe suchen. Meist sind es die Frauen, die die Reißleine ziehen. „Sieben von zehn unserer Kursteilnehmer sind Frauen, sie halten die Familien über Wasser.“ Seit dem Beginn der ständigen Wirtschaftskrisen in den 90er Jahren hätten viele Männer ihre Arbeit verloren, „und sie kommen einfach nicht mehr auf die Beine“. Anders die Frauen. „Ich habe die Mittelschule nicht abgeschlossen, wusste nicht, was ich machen sollte.“ Sie sei als Jugendliche rebellisch gewesen, erzählt die 25-jährige Mariana, Mutter von zwei Kindern.

Doch Mariana hat sich gefangen. Im Berufsbildungszentrum habe sie zuerst einen Kurs zur Buchhalterin gemacht, jetzt denkt sie an eine Ausbildung zur Psychologin. Maria Cristina drängt sie, nicht nachzulassen, sich neue Perspektiven zu erarbeiten. Sie sei intelligent, und ihr Mann habe Arbeit, so könne sie in Ruhe am beruflichen Weiterkommen arbeiten.

Mariana ist damit in einer Ausnahmesituation, denn den meisten läuft die Zeit davon. Schnell eine Arbeit zu finden hat absolute Priorität, und so sind rund zwei Drittel der angebotenen Kurse im Handwerksbereich angesiedelt. Das erhöhe die Chancen, möglichst schnell am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, sagt Maria Cristina. Zeit zu verlieren können sich die wenigsten leisten. Anders als in den schicken Café-Häusern der Innenstadt. „Buenos Aires ist eine wunderschöne Stadt, voller Licht, aber sie versteckt auch die große Armut und die soziale Ungerechtigkeit.“ Paula ist auf dem Nachhauseweg, der Sonntag war lang, jetzt geht sie gedankenverloren durch die von Laternen erhellten Straßen. „Du denkst, dass es den Jugendlichen gut geht, doch je tiefer du in ihre Lebenswelten eintauchst, desto klarer wird, dass dem nicht so ist.“

Von Thomas Milz

© Adveniat