„Flüchtlinge brauchen eine Perspektive!“

  • Aktion Dreikönigssingen 2014

Unter dem Motto „Segen bringen, Segen sein. Hoffnung für Flüchtlingskinder in Malawi und weltweit!“ machen das Kindermissionswerk „Die Sternsinger“ und der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) auf das Schicksal von über 45 Millionen Menschen weltweit aufmerksam, die auf der Flucht sind. Im Interview bezieht Sternsinger-Präsident Prälat Klaus Krämer Stellung:

Frage: Das Thema „Flucht“ steht im Mittelpunkt der kommenden Sternsingeraktion – ein komplexes Thema. Kann man diesen Inhalt Kindern in Deutschland überhaupt vermitteln?

Krämer: Das ist nicht leicht, und ein so schwieriges Thema muss dann umso sorgfältiger und kindgerechter aufgearbeitet werden. Das haben wir in unseren Materialien zur Vorbereitung auf die 56. Aktion Dreikönigssingen versucht. Natürlich ist Flucht ein komplexes Thema, aber Kinder in Deutschland können sich durchaus ein Bild machen, was Flucht bedeutet. „Stell Dir vor Du hast fünf Minuten Zeit – dann musst Du weg. Was nimmst Du mit?“ Diese Frage haben wir Kindern in Deutschland gestellt und es kamen beeindruckende Antworten, ganz spontan und sehr verständig. Kinder verstehen, wie schwer es ist, Menschen, die man liebt, die vertraute Umgebung, Gegenstände, an denen das Herz hängt, zu verlieren.

„Jedes Kinderlachen bedeutet Hoffnung!“

— Prälat Klaus Krämer

Frage: „Hoffnung für Flüchtlingskinder in Malawi und weltweit!“ heißt diesmal das Leitwort. Hand aufs Herz: Ist es überhaupt möglich, Flüchtlingskindern, die in einem Camp aufwachsen, Hoffnung zu schenken?

Krämer: In der Tat eine schwierige Aufgabe. Wir setzen vor allem auf Traumaarbeit und Bildung. Flüchtlingskinder haben meist Schlimmes erleben müssen, sie sind fern ihrer Heimat besonders gefährdet und verletzlich. Der Weg zurück ist oftmals zu gefährlich, die dauerhafte Aufnahme und Integration im Aufnahmeland oder in einem sicheren Drittstaat kaum möglich. Hinzu kommt, dass zum Beispiel im südlichen Afrika die durchschnittliche Verweildauer eines Flüchtlings in einem Lager bei 17 Jahren liegt, die meisten bleiben jedoch bis zu 25 Jahre in einem Camp. Für viele Menschen eine fast hoffnungslose Situation und da sind alltägliche Dinge besonders wichtig. Zum Beispiel in die Schule gehen zu dürfen, zu lernen – in einem Flüchtlingslager keine Selbstverständlichkeit. Schule bedeutet für die Kinder aber mehr als nur lesen und schreiben zu lernen. Der Unterricht gibt Halt, bedeutet Alltag, Regelmäßigkeit, etwas, auf das sie sich verlassen können. Außerdem kommen hier viele Kinder zusammen, in der Pause wird zusammen gespielt, und es werden Freundschaften geschlossen. Jedes Kinderlachen bedeutet Hoffnung!

Laut Angaben der Unesco haben im Jahr 2010 61 Millionen Kinder im Grundschulalter keine Schule besucht. Schwarzbach/Missio

Frage: Welchen Beitrag können die Sternsinger denn vor dem Hintergrund einer solchen Gesamtproblematik leisten?

Krämer: Die Sternsinger setzen sich weltweit für Kinder in Not ein. Das tun sie, indem sie Spenden für Hilfsprojekte sammeln, das tun sie aber vor allem auch, indem sie mit ihrem Sternsingen an die Situation vieler Kinder in der Welt erinnern, in diesem Jahr besonders an das Schicksal der Flüchtlingskinder. Die Sternsinger leben es vor: Wir sind herausgefordert, auf das Schicksal dieser Flüchtlingskinder aufmerksam zu machen und sie in geeigneten Projekten in aller Welt zu unterstützen. Natürlich muss man, bei über 45 Millionen Flüchtlingen weltweit, die Gesamtproblematik im Blick behalten. Dennoch, jedes einzelne Kind, das die Möglichkeit erhält in die Schule zu gehen, hat später bessere Chancen. Schwester Michelle Carter von unserem Projektpartner, dem Jesuiten-Flüchtlingsdienst in Dzaleka, bringt es auf den Punkt, wenn sie sagt: „Erziehung ändert alles. Für Flüchtlinge ist Bildung der Schlüssel zur Freiheit und Erziehung der Weg zum Frieden.“ Und das ist die Antwort auf die Frage: Das ist der Beitrag der Sternsinger.

Frage: Wie sieht es mit der Verantwortung der internationalen Staatengemeinschaft aus?

Krämer: Bisher nehmen vor allem arme Länder Flüchtlinge auf: Rund 80 Prozent der Flüchtlinge leben in Entwicklungsländern. Das ist eine schwere Bürde für sie. Die internationale Staatengemeinschaft und insbesondere die Industrienationen des Nordens müssen dabei als Aufnahmeländer von Kriegs- oder Katastrophenflüchtlingen noch mehr Verantwortung übernehmen, das gilt auch für Deutschland. Besonders unbegleitete Flüchtlingskinder und -jugendliche, die nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren können, müssten vermehrt Aufnahme und Integration erfahren. Wenn wir von der Verantwortung der internationalen Gemeinschaft sprechen, dann ist jeder einzelne von uns mit angesprochen. So wie Papst Franziskus in seiner Predigt auf der Mittelmeerinsel Lampedusa im Juli 2013 anmahnt: „Bitten wir den Herrn um die Gnade der Tränen über unsere Gleichgültigkeit, über die Grausamkeit in der Welt, in uns und in denen, die anonymisiert sozial-ökonomische Entscheidungen treffen, die Dramen wie diesem Tür und Tor öffnen.“

Frage: Wie lautet Ihr Statement zur kommenden Aktion?

Krämer: Ein Flüchtlingskind zu sein bedeutet, viel verloren zu haben: Angehörige, Freunde, ein Zuhause. Viele dieser Kinder haben großes Leid erfahren. Mit der 56. Aktion Dreikönigssingen wollen wir auf das Schicksal dieser Mädchen und Jungen aufmerksam machen. „Segen bringen, Segen sein. Hoffnung für Flüchtlingskinder in Malawi und weltweit“, das ist das Motto der Sternsinger bei der Aktion Dreikönigssingen 2014.

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