„Für die Menschen und wegen der Menschen“

Nicht jeder ist gut auf José Adalberto Palma Gómez zu sprechen. Wenn der junge Pfarrer morgens den Zündschlüssel zu seinem Auto umdreht, hält er einen Moment inne. Es gab Zeiten, da hatte er Sorge, jemand könnte über Nacht einen Sprengsatz unter seinem Jeep installiert haben. Einmal, als er auf dem Motorrad unterwegs zu einem Gottesdienst war, sei auf ihn geschossen worden, erzählt er. Ein anderes Mal habe man ihm Gift ins Essen gemischt.

„Aus Sicht einiger einflussreicher Leute bin ich wohl etwas zu aktiv“, sagt er. Dann schiebt er mit seinem fröhlichen Lächeln den bösen Gedanken beiseite, setzt den Wagen zurück und macht sich auf den Weg. Erst nach Sonnenuntergang wird er nach Cedros zurückkommen, denn Padre José Adalbertos Pfarrei ist groß. Sie umfasst 175 Gemeinden in vier Landkreisen, nördlich von Honduras Hauptstadt Tegucigalpa. Eine Anfahrt von zwei, manchmal drei Stunden über lehmige Holperstraßen ist für den Padre Alltag. „Die Leute warten, also komme ich. Oft schicken sie mir schon ein Vorab-Kommando zu Fuß entgegen, um mich zu begrüßen. Dann haben wir Gelegenheit, Probleme zu besprechen, auf die ich im Gottesdienst eingehen kann.“

Die pastorale Arbeit des 38-Jährigen beschränkt sich nicht nur auf das Vorbereiten und Spenden der Sakramente. „Zusammen mit den ehrenamtlichen Gemeindeleitern, die wir mit Unterstützung von Adveniat ausbilden, will ich erreichen, dass die Menschen aus dem Glauben heraus aktiv werden. Wenn wir über das Leben Jesu sprechen und die Bibel lesen, dann ist das für uns immer auch eine Aufforderung zum Handeln. Wir sind zwar arm, aber das bedeutet nicht, dass wir schlechte Dinge hinnehmen müssen. Der Glaube gibt uns Kraft und die Gemeinschaft macht uns stark.“ So stark, dass sich der Priester und seine Gemeindemitglieder auch nicht davor scheuen, gegen die Reichen und Mächtigen vorzugehen.

Der Tausendsassa und seine Helfer

Ein Einblick in das mutige Engagement von Adveniat-Aktionsgast Padre Jose Adalberto aus Honduras.

Peter Theisen

Gegen Holzmafia und Goldmine

An einer Weggabelung im Naturschutzgebiet „La Esperanza“ am Fuß des „Montaña de la Flor“ ist Arnulfo Mejia, ein Mann mit Gitarre und Hut, ins Auto gestiegen. Der Weg steigt sanft an, führt erst durch Getreidefelder und an einsamen Höfen vorbei, bis in einen lichten Pinienwald. „Jeder große Baum, den wir hier sehen, ist ein Zeichen für unseren Erfolg“, sagt Arnulfo, der sich in der örtlichen Holzkooperative engagiert. „In der Region gibt es 35 Holzfirmen. Früher wurde hier ohne Rücksicht auf die Umwelt Kahlschlag betrieben.“ Die Betreiber der Sägewerke nutzten die Unwissenheit der Dorfbewohner aus, kauften ihnen für wenig Geld ihren Besitz ab und setzten radikal die Säge ein. „Das war zwar gegen das Gesetz, aber sie kamen damit durch, weil sich ihnen niemand in den Weg stellte“, sagt er.

Doch eines Tages sprach Padre José Adalberto im Gottesdienst von der Bewahrung der Schöpfung und ermutigte die Gemeinde, sich zu formieren und gemeinsam gegen die Holzmafia vorzugehen. „Es hat funktioniert, wir haben massiv protestiert und heute halten sie sich an Einschlagpläne und respektieren die ausgewiesenen Schutzzonen“, sagt Arnulfo.

Illegaler Holzeinschlag ist nicht das einzige brisante Thema, mit dem sich der Priester beschäftigt. So setzte er sich auch erfolgreich für die Schließung der Goldmine San Ignázo in der Nähe von Cedros ein. Um das Edelmetall aus dem Gestein zu waschen, wurden dort giftige Chemikalien eingesetzt, die das Wasser verseuchten und Menschen in der Umgebung krank machten. „Wir haben demonstriert und Wissenschaftler gebeten, Wasserproben zu entnehmen“, sagt José. Daraufhin wurde 2011 die Mine geschlossen.

Dass der quirlige Pfarrer den Minenbesitzern ein Dorn im Auge ist, kann man sich gut vorstellen. Auf Betreiben von Kardinal Rodríguez bekam der Provinz-Pfarrer bis vor Kurzem deshalb polizeilichen Begleitschutz. „Ich habe keine Angst“, sagt José und setzt einen entschlossen optimistischen Gesichtsausdruck auf. „Ich bin mir sicher, dass Gott gut auf mich aufpasst.“

„Ich bin überzeugt, dass Bildung der Schlüssel gegen die Armut und für ein gutes Leben ist.“

— Padre Jose Adalberto
Padre José Adalberto mit Jugendlichen vor der Pfarrkirche in Cedros. Pohl/Adveniat

Ein mutiges Vorbild

Für seine Gemeinde ist der mutige Pfarrer ein Vorbild. Ganz besonders für die Jugendlichen, die ihm sehr am Herzen liegen. Gegen die Langeweile in den Dörfern organisiert Padre José Adalberto Sportgruppen und Jugendchöre, hat mit Hilfe seiner „Chicos“ sogar CDs mit selbstgeschriebenen Liedern aufgenommen. „Es ist wichtig, dass die Jungen und Mädchen sich nicht alleine fühlen, denn sonst werden sie schnell anfällig für Drogen und bauen leicht Blödsinn.“

Der Padre selbst kommt aus einer armen Familie. Er hat 13 Geschwister, seine Mutter ist früh gestorben. „Als ich ein Kind war, haben sich die Xaverianer-Brüder um mich gekümmert. Sie haben mir mit Freude und Liebe christliche Werte vermittelt, mich ermuntert zu lernen. Das war mein Glück. Ich bin überzeugt, dass Bildung der Schlüssel gegen die Armut und für ein gutes Leben ist.“

Seit zehn Jahren ist José Adalberto nun schon Priester in Cedros. Er kämpft gegen die Holzmafia und Goldminen, prangert die mächtigen Drogenbosse an. Außerdem ermutigt er Frauen, – die leider weit verbreitete – häusliche Gewalt bei der Polizei anzuzeigen, kümmert sich um die Einrichtung von Armenküchen, wirbt für Respekt und Toleranz gegenüber Indigenen und organisiert im Anschluss an seine Gottesdienste Impfstunden.

Ohne Hilfe geht es nicht

Ein Tausendsassa! „Aber alleine wäre das alles natürlich gar nicht möglich“, erklärt er. „Ich verstehe mich als Sprachrohr, als Multiplikator.“ Bei der vertiefenden täglichen Arbeit an der Basis setzt er auf ein Netz hoch motivierter Gemeindeleiter, die „Delegados de la Palabra“. Die 391 „Abgesandten des Wortes“, darunter 280 Frauen, sind in Padre Josés Pfarrei täglich im Einsatz.

Padre José Adalberto Palma Gómez mit Gemeindeleitern nach dem Gottesdienst in Pueblo Nuevo. Pohl/Adveniat

Eine von ihnen ist Reina Juventina Casco (41). Auf dem Weg zum Gottesdienst in Pueblo Nuevo stoppt der Padre vor ihrem hellblau gestrichenen Holzhaus, um ihr frisch gedruckte Arbeitsmaterialien vorbeizubringen. Die Papiere soll sie in der Messe verteilen, die sie in gut einer Stunde als Delegada in der kleinen Kapelle leiten wird. Padre José selber wird erst wieder in drei Monaten in Reinas Gemeinde den Gottesdienst halten können.

Die „Delegados“ haben in Honduras Tradition. Seit mehr als 40 Jahren übernehmen sie insbesondere in ländlichen Gebieten wichtige Teile der pastoralen Arbeit. „Reina und ihre Kolleginnen sind rund um die Uhr im Einsatz. Sie halten das christliche Miteinander lebendig und sind unheimlich wichtig für das ganze Dorf“, sagt José Adalberto und nickt Reina anerkennend zu. Mehrfach im Jahr trifft er sich mit den Laien zu Workshops. Besonderen Wert legt er dabei auf die Förderung von Frauen, die in der männlich dominierten Gesellschaft oft stark benachteiligt sind. „Es ist wichtig, dass wir Zeit und Mühe in die Ausbildung dieser Menschen stecken. Sie sprechen die Sprache des Volkes und tragen die frohe Botschaft in jeden entlegenen Winkel der Gemeinde.“

Von Gaby Herzog

Adveniat-Weihnachtsaktion

Im Rahmen der Adveniat-Weihnachtsaktion ist P. José Adalberto Palma Gómez noch bis zum 16. Dezember in Deutschland zu Gast. Die Jahresaktion des Lateinamerika-Hilfswerks steht in diesem Jahr unter dem Motto „Hunger nach Bildung“. Mehr zur Aktion erfahren Sie hier:

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