Ein Land mit wechselvoller Geschichte

  • Sonntag der Weltmission

Aktueller könnte das Beispielland der Missio-Kampagne zum diesjährigen Sonntag der Weltmission kaum sein. Seit dem Sturz von Präsident Mohammed Mursi Anfang Juli ist Ägypten mehr denn je in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Das nordafrikanische Land verfügt über eine enorme politische und kulturelle Ausstrahlung in der arabischen und islamischen Welt – nicht zuletzt aufgrund beeindruckender Zahlen: Mehr als 82 Millionen Menschen leben in dem interkontinentalen Staat zwischen Afrika und Asien. Die Metropole Kairo zählt zu den bevölkerungsreichsten Regionen der Erde.

In der Geschichte der menschlichen Zivilisation kommt Ägypten eine große Bedeutung zu, wovon viele Ausgrabungen und antike architektonische Sehenswürdigkeiten zeugen. Mit dem Alten Ägypten entstand um 3000 vor Christus eine der frühen Hochkulturen der Alten Welt. Das Land am Nil war begehrt: Es erlebte nach der Pharaonen-Zeit eine wechselvolle Geschichte mit vielen Fremdherrschaften, war jahrzehntelang britische Kolonie, bis es 1922 wieder seine Selbstständigkeit erlangte.

Unruhige Zeiten

Auch jetzt durchlebt Ägypten unruhige Zeiten: Nach 30 Jahren unter der Führung des autokratisch regierenden Husni Mubarak kam es im Januar 2011 zu Demonstrationen – inspiriert durch die Vorgänge in Tunesien, dem Ursprungsland des sogenannten Arabischen Frühlings. Im Februar 2011 trat der langjährige Machthaber nach einem 18-tägigen Kräftemessen mit den Demonstranten zurück. In den darauffolgenden Monaten begab sich das Land auf die Suche nach einer demokratischen Staatsform, die dem Volk Freiheit schenken und neue Möglichkeiten bieten sollte. Macht und Geld wurde neu verteilt – auf Kosten der Mehrheit der Bevölkerung.

Ein Demonstrant hält bei einer Kundgebung gegen den abgesetzten ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi am 4. Juli 2013 auf dem Tahir Platz ein Kreuz und einen Koran in der Hand. KNA

Im Juni 2012 wurde bei den ersten freien Präsidentschaftswahlen der Vorsitzende der von der islamistischen Muslimbruderschaft gegründeten Freiheits- und Gerechtigkeitspartei, Mohammed Mursi, zum neuen Präsidenten gewählt. Für die Minderheit der Christen im Land bedeutete der Wahlsieg der Muslimbruderschaft zunächst das Ende der Hoffnung auf einen säkularer geprägten Staat mit mehr Freiheiten. Doch nur ein Jahr nach seinem Amtsantritt wurde Mursi am 3. Juli 2013 nach tagelangen Massenprotesten gegen seine Politik vom Militär gestürzt. Als neuer Interimspräsident wurde Verfassungsgerichtschef Adli Mansur vereidigt. Bei blutigen Auseinandersetzungen zwischen Islamisten und dem Militär starben Dutzende Menschen. Die Lage in Ägypten bleibt brisant.

Bei allen politischen Veränderungen innerhalb des Landes stehen die Christen zusätzlich vor der Herausforderung, sich innerhalb einer Gesellschaft, in der 90 Prozent muslimischen Glaubens sind, zu positionieren. Denn auch die knapp zehn Prozent der christlichen Ägypter spaltet sich in eine Vielzahl von Konfessionen auf. So muss die Kirche vor Ort nicht nur einen gangbaren Weg mit der Regierung finden, sondern sich auch ökumenisch und interreligiös platzieren. Der interreligiöse Dialog ist dabei die Grundlage für ein friedliches und freiheitliches Miteinander.

© Missio München

Das Christentum in Ägypten

Die Kirche Ägyptens führt ihre Ursprünge auf den Evangelisten Markus zurück, der im 1. Jahrhundert in Alexandria den ersten Bischofssitz Ägyptens gegründet hat. Neben der Gründung durch einen Evangelisten bezieht die Kirche des Landes ihren Stolz aus dem Aufenthalt der Heiligen Familie in Ägypten nach der Flucht vor König Herodes. Von Ägypten gingen wichtige Impulse für die christliche Theologie der ersten Jahrhunderte aus, zu erinnern ist vor allem an die großen Kirchenlehrer Athanasius und Kyrillos. Das christliche Mönchtum hat seinen Ursprung in den Einsiedlern der ägyptischen Wüste. Das Beispiel des heiligen Mönches Antonius hat sowohl im Orient als auch in Europa gewirkt. Der Anteil der christlichen Bevölkerung ist seit der islamischen Eroberung im 7. Jahrhundert kontinuierlich zurückgegangen. Heute beträgt der Anteil der Christen an der Gesamtbevölkerung des Landes noch etwa zehn Prozent.

Die koptisch-orthodoxe Kirche

Der ganz überwiegende Teil der Christen Ägyptens gehört der koptisch-orthodoxen Kirche an. Sie entstand nach dem Konzil von Chalcedon im Jahr 451 aus dem Streit um Fragen der Christologie. Die Kirche hat eine besondere Liturgie bewahrt, die in koptischer Sprache, heute zum Teil auch in Arabisch gefeiert wird. Von 1971 bis zu seinem Tod im März 2012 war Papst Schenuda III. Oberhaupt der koptisch-orthodoxen Christen. In seiner Amtszeit gab es starke ökumenische Impulse (z.B. die gemeinsame Erklärung zur Christologie mit Papst Paul VI. 1973), aber auch immer wieder Rückschläge, was die Beziehungen zu den anderen Kirchen angeht. Seit November 2012 ist Tawadros II. koptischer Papst; er steht der Ökumene sehr aufgeschlossen gegenüber. Die koptisch-orthodoxe Kirche zählt etwa zehn Millionen Gläubige in Ägypten, sowie in einer starken Diaspora in Nord- und Südamerika, Europa und Australien.

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Die katholische Kirche

Die katholische Kirche in Ägypten gliedert sich in sieben Teilkirchen mit unterschiedlichen Riten. Die größte unter ihnen ist die koptisch-katholische Kirche. Die meisten Ordensleute sowie europäische Einwanderer gehören dem lateinischen Ritus an. Durch die Einwanderung von Christen aus den Ländern des Nahen Ostens gibt es in Ägypten auch Gemeinden der griechisch-melkitisch-katholischen Kirche, der armenisch-katholischen, maronitischen, syrisch-katholischen und chaldäischen Kirche. Die Zahl der Katholiken in Ägypten beträgt etwa 235.000. Beispielhaft stellen wir im Folgenden die koptisch-katholische und römisch-katholische Kirche vor:

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Die koptisch-katholische Kirche

Die koptisch-katholische Kirche ist die größte katholische Kirche in Ägypten. Mit der koptisch- orthodoxen Kirche teilt sie den Ritus, der allerdings fast ausschließlich in arabischer Sprache gefeiert wird. Wie in allen orientalischen Kirchen können auch verheiratete Männer zu Priestern geweiht werden. Nach verschiedenen Bemühungen um eine Union mit der römisch-katholischen Kirche seit dem 15. Jahrhundert kam es 1895 zur Errichtung des koptisch-katholischen Patriarchats. Die koptisch-katholischen Bischöfe wählen autonom ihren Patriarchen, dem nach seiner Wahl vom Papst in Rom die kirchliche Gemeinschaft als Zeichen der Union beider Kirchen gewährt wird. Seit Januar 2013 ist Ibrahim Isaac Sedrak Patriarch; sein Sitz und seine Kathedrale befinden sich in Kairo. Der koptisch-katholischen Kirche gehören knapp 165.000 Gläubige an. Die Kirche hat sieben Diözesen („Eparchien“ genannt) in Ägypten sowie eine kleine Diaspora.

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Die römisch-katholische Kirche

Mit etwa 54.000 Gläubigen ist die römisch-katholische Kirche des uns geläufigen lateinischen Ritus die zweitgrößte katholische Kirche in Ägypten. Bis in die fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts hatte sie deutlich mehr Gläubige als heute, weil zahlreiche europäische Geschäftsleute in den Handelszentren Kairo, Alexandria, Port Said und Suez lebten. Die überwiegende Zahl der Ordensleute in Ägypten gehört dem lateinischen Ritus an, hinzu kommen Arbeitsmigranten und Flüchtlinge überwiegend aus afrikanischen Ländern (v.a. aus dem Sudan). Bischof für das lateinische Vikariat Alexandria ist der Franziskaner Adel Zaki.

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