Ein Fastenessen ganz besonderer Art

  • Bonn - 06.03.2013

Fasten. Was bedeutet das eigentlich?“ – Die Frage von Johannes Sabel, Leiter des katholischen Bildungswerks in Bonn, schwebt unbeantwortet im Raum. Die 13 Schüler des Bonner Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums blicken einander ratlos an. Sie sitzen an einer reich mit Reissalat, Brot, Gemüse, Fisch und Wasser gedeckten Tafel. Die Mädchen und Jungen aus der sechsten, achten und neunten Jahrgangsstufe, die allesamt der Menschenrechts-AG ihrer Schule angehören, nehmen am Abend an einem Fastenessen teil.

Eingeladen wurden sie von der Don Bosco Mission und dem katholischen Bildungswerk. Schon im vierten Jahr in Folge greifen die beiden Organisationen das jeweilige Motto der Misereor-Fastenaktion auf und beteiligen sich mit einer gemeinsamen Veranstaltung an der bundesweiten Kampagne. Diese steht 2013 unter dem Leitwort „Wir haben den Hunger satt“.

Die Menschenrechts-AG des Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums mit ihrem Lehrer Martin Zielinski (Mitte rechts) und den Organisatoren Ulla Fricke (Mitte) und Johannes Sabel (Mitte links). weltkirche.katholisch.de

Die Frage nach dem Sinn des Fastens bleibt nicht lange unbeantwortet. Plötzlich schnellt der Finger des Jungen mit dem blauen Pullover in die Höhe: „Das ist wie bei den Muslimen, beim Ramadan. Es geht darum, auf etwas zu verzichten.“ Natürlich, beim Fasten spiele der Verzicht eine große Rolle, erklärt Sabel. Es ginge aber auch darum zu prüfen, in welcher Beziehung man zu Gott und zu seinen Mitmenschen stehe. „Wie solidarisch zeigen wir uns mit unseren Mitmenschen, insbesondere mit jenen, die am schlimmsten unter Not und Ungerechtigkeit leiden – den Armen in Afrika, Asien und Lateinamerika?“, fragt Sabel. Sich dessen bewusst werden und reflektieren, wie sich das eigene Konsumverhalten auf das Leben anderer auswirkt – das haben sich die Schüler zum Ziel gesetzt.

„Wir versetzen uns nun zusammen in die Rolle einer Kleinbauernfamilie in Afrika“, fordert Ulla Fricke, Bildungsreferentin der Don Bosco Mission, die Jugendlichen auf. „Wir arbeiten hart, haben ein Feld, das wir bewirtschaften, und gehen regelmäßig fischen. Unser Leben ist einfach, aber wir werden satt“, beschreibt Frau Fricke die Situation weiter.

Nahrungsmittelspekulationen stürzen die Menschen in die Krise

Unterbrochen wird das friedlich wirkende Szenario durch eine Grafik, die auf eine Leinwand an der Wand projiziert wird. „Wenn Brot unbezahlbar wird“ ist der Titel des Diagramms. Es zeigt die Entwicklung des Weizenpreises auf dem Weltmarkt an. Frappierend sind die extremen Schwankungen, denen der Preis seit 2007 unterlegen ist. „Woher kommt das?“, will Fricke wissen, woraufhin eine Schülerin mutmaßt: „Auf das Essen wird spekuliert.“ Die Immobilienkrise, die im Sommer 2007 in den USA ausbrach, habe viele Finanzinvestoren dazu veranlasst, nach alternativen Profitmöglichkeiten zu suchen, erklärt die Mitarbeiterin der Don Bosco Mission weiter. Firmen und Spekulanten verlagerten ihren Handel an die Rohstoffbörse. „Spekuliert wird nun auf die Preisentwicklung von Nahrungsmitteln“, so Fricke. Dies führe zu einer wahren Preisexplosion und extremen Preisschwankungen.

Misereor-Gast Abdoul Moumouni Illo erklärt den Jugendlichen, welch verheerenden Einfluss Nahrungsspekulationen auf das Leben der nigrischen Bauern haben. weltkirche.katholisch.de

„Wir, die Kleinbauern, haben darunter am meisten zu leiden“, verdeutlicht Fricke das eingangs entworfene Gedankenspiel. Denn Menschen in den Entwicklungsländern gäben rund die Hälfte ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus – in den reicheren Industrieländern seien es hingegen nur zehn bis zwanzig Prozent, so die Referentin, auf Schätzungen der Welthungerhilfe verweisend. „Bei uns im Niger sind es sogar achtzig Prozent“, wirft Abdoul Moumouni Illo ein. Der Diözesandirektor der Misereor-Partnerorganisation „Caritas Développement Niger“ (CADEV) setzt sich für eine nachhaltige Landwirtschaft ein und unterstützt die nigrischen Kleinbauern. Im Rahmen der diesjährigen Fastenaktion ist Illo in Deutschland zu Gast, um von der Lebenssituation der Menschen in seiner Heimat und der Arbeit von CADEV zu berichten.

Das Geld reicht nicht, um satt zu werden

Achtzig Prozent des Monatseinkommens allein für Lebensmittel ausgeben? Das können sich die Sechst- bis Neuntklässler kaum vorstellen. Durch die Wortmeldung des Misereor-Gastes wird für sie die Dimension des Elends und der Ungerechtigkeit, unter der die Menschen im Niger zu leiden haben, erst richtig deutlich. Fricke führt den Schülern noch einmal das Szenario vor Augen: „Wenn solch ein großer Teil unseres Geldes in Lebensmittel fließt und die Preise stetig steigen, was bedeutet das dann für uns als Kleinbauernfamilie?“ „Dass wir immer weniger zu essen bekommen“, folgert eine Schülerin. In stiller Zustimmung gehen die beiden Organisatoren auf die gedeckte Tafel zu und entfernen die beiden Reisschüsseln vom Tisch. Stück für Stück verschwinden auf diese Weise im Laufe des Abends alle Lebensmittel aus dem Blickfeld der Jugendlichen.

Die Jugendlichen lassen es sich am Ende des Abends noch einmal richtig schmecken. weltkirche.katholisch.de

Kreative Ideen und viel Tatendrang

Überfischung, Patente auf Saatgut, die Folgen des Klimawandels, das Ausmaß der weltweiten Hunger-Problematik – all diese Themen nimmt die Menschenrechts-AG währenddessen unter die Lupe. Ursachen und Folgen werden diskutiert, Lösungsansätze hin und her gewälzt, sogar konkrete Aktionen werden geplant. „Wir könnten eine Unterschriftenaktion gegen Nahrungsmittelspekulationen starten“, schlägt eine Schülerin vor. „Oder wir gehen konkret auf Konzerne und Politiker zu und fragen sie, was sie gegen die Hunger-Problematik tun wollen“, fügt ein anderes Mädchen hinzu. Von Fair-Trade-Produkten in der Schulkantine, über Tipps zum kritischen Konsum, bis hin zu umweltfreundlichem Kopierpapier – die Jugendlichen sprühen vor Ideen und Tatendrang. Sie drängen auf ein erneutes Treffen mit der Don Bosco Mission, um die geschmiedeten Pläne in die Praxis umzusetzen.

Bevor die Schüler jedoch den Weg nach Hause antreten, wird natürlich das zuvor abgeräumte Essen wieder aufgetischt. Denn auch die Mädchen und Jungen des Bonner Gymnasiums haben am Ende des Abends den Hunger kräftig satt.

Von Lena Kretschmann

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