„Die Welt steht Kopf“

  • Interview - 09.10.2012

Seit sieben Jahren lebt Schwester Anna Damas in Papua-Neuguinea, wo sie im Bistum Madang Katechisten für die entlegenen Gebiete im Busch ausbildet. Im Interview berichtet die Steyler Missionsschwester von der Situation der katholischen Kirche vor Ort und davon, wie der Wechsel nach Papua-Neuguinea ihr Leben und ihre Weltanschauung auf den Kopf gestellt hat.

Frage: Schwester Anna, Sie haben 39 Jahre lang in Deutschland gelebt. Wie hat es Sie nach Papua-Neuguinea verschlagen?

Sr. Anna: Es war immer ein Traum von mir, in einem anderen Land zu arbeiten, aber ich wäre nie auf Neuguinea gekommen. Man hört immer noch sehr wenig von diesem Land, außer vielleicht von Schokolade oder Paradiesvögeln. Ich gehöre zu den Steyler Missionsschwestern und meine Ordensleitung hatte mich damals angefragt, weil sie eine Pastoralreferentin für Papua-Neuguinea suchte. Ich habe eigentlich nicht gezögert, sondern gedacht „Probier‘ es aus. Wenn es nicht klappt, kommst du eben wieder zurück“. Und jetzt bin ich froh, dass ich schon seit sieben Jahren dort bin.

Schwester Anna lebt seit sieben Jahren in Papua-Neuguinea. Missio/Hartmut Schwarzbach

Frage: Sie kennen jetzt beide Welten, das Leben in Deutschland und in Papua-Neuguinea. Was sind die größten Unterschiede?

Sr. Anna: Wenn man aus Deutschland oder einer westlichen Gesellschaft nach Papua-Neuguinea kommt, dann steht die Welt erst einmal Kopf. Die Kultur ist anders – und das betrifft nicht nur das Essen, die Kleidung und das Klima. Die Leute denken anders, haben andere Wertvorstellungen und eine andere Sicht auf die Welt. Zum Beispiel steht in Papua-Neuguinea die Gemeinschaft an erster Stelle. Bei uns hingegen bildet immer zuerst der einzelne Mensch den Mittelpunkt: ich, meine Entscheidungen, mein Leben. Dort heißt es stattdessen: mein Stamm und meine Familie. Das kann man gut am Beispiel „Glück“ festmachen. Wir würden sagen: „Glück ist für mich, wenn ich mich verwirklichen kann.“ Die Menschen in Papua-Neuguinea sind da anderer Ansicht. Glück ist für sie, wenn es ihrem Clan gutgeht.

Frage: Ich habe in den Missio-Aktionsmaterialien gelesen, dass Papua-Neuguinea ein Land im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne ist. Was ist damit gemeint?

Sr. Anna: Plakativ ausgedrückt ist Papua-Neuguinea eine Steinzeitkultur, die in das Computerzeitalter geschleudert wird. In den Dörfern herrscht teilweise immer noch eine archaische Dorfkultur. Wenn man allerdings in die Städte geht, findet man klimatisierte Büros, Computerläden und so weiter – ein modernes Wirtschaftsleben eben. Diese Ungleichzeitigkeit verursacht in der Gesellschaft Spannungen: zwischen Stadt und Land, aber auch zwischen den Generationen. Auf der einen Seite ist dort die junge Generation, die – zumindest in den Städten – mit Internet und Youtube aufwächst, auf der anderen Seite die ländliche Bevölkerung, die von der Existenz anderer Länder noch nie etwas gehört hat und nur ihr eigenes Dorf kennt. Das bringt aber auch Spannungen im Bewusstsein der einzelnen Menschen hervor: Sie kommen aus einer Dorfgemeinschaft, haben dort traditionelle Strukturen und Wertvorstellungen genossen. Dann ziehen sie zum Beispiel aufgrund einer Arbeitsstelle in die Stadt und müssen sich an der modernen Gesellschaft orientieren.

Frage: Wie hilft die katholische Kirche in Papua-Neuguinea den Menschen dabei, sich in diesem Spannungsfeld zurechtzufinden?

Sr. Anna: Die Kirche engagiert sich in vielfältiger Weise. Ich arbeite beispielsweise in der Katechistenausbildung. Wir bilden Männer und Frauen aus, die dann in ihren Dörfern als Gemeindeleiter arbeiten. Wir sprechen häufig mit ihnen über das, was in ihren Dörfern passiert und über Glaubensfragen, die sie haben: Wie geht zum Beispiel ein traditioneller Glaube, der noch stark von Geistern und Mythen bestimmt ist, mit einem biblisch-katholischen Glauben einher? Die Katechisten bekommen eine Rundum-Ausbildung: Bibel, Liturgie, Katechismus, aber eben auch Eheberatung, erste Hilfe und Streitschlichtung zwischen den Familien.

Die Steyler Missionsschwester leitet die Katechistenausbildung in der Erzdiözese Madang. Missio/Hartmut Schwarzbach

…und in diesem Zusammenhang spielen sicherlich auch biblisch-spirituell basierte Nachbarschaftsgruppen, so genannte Kleine Christliche Gemeinschaften, eine große Rolle.

Sr. Anna: Ja, genau. Zu einer Pfarrei gehören immer viele Dörfer. Es gibt eine Hauptstation und daneben sehr viele weit abgelegene Dörfer, die teilweise nur zu Fuß zu erreichen sind. Wer Papua-Neuguinea kennt, der weiß, dass das Reisen sehr schwierig ist: Es gibt kaum Straßen, oftmals muss man sich zu Fuß durch den Dschungel schlagen oder mit Booten fahren. Das Fortbewegen mit dem Auto ist nur sehr begrenzt möglich. Aus diesem Grund ist eine Pfarrei immer unterstrukturiert in Kleine Christliche Gemeinschaften, die sich in den Dörfern treffen – zum Beispiel während der Woche zum Bibelteilen oder Rosenkranzgebet.

Frage: Sie haben kürzlich gesagt, „Wer die Gesellschaft Papua-Neuguineas verändern will, muss Religion zum Dreh- und Angelpunkt machen“. Wie haben Sie das gemeint?

Sr. Anna: Anders als bei uns ist in Papua-Neuguinea Glaube und Religion nicht getrennt vom sonstigen sozialen Leben. Die Vorstellung, dass Glaube Privatsache ist, gibt es dort nicht. Wenn das Parlament beispielsweise zusammenkommt, wird zunächst einmal gebetet. In öffentlichen Bussen ebenso wie in den Geschäften werden religiöse Lieder gespielt. Für die Menschen aus Papua-Neuguinea ist das ganz selbstverständlich. Sie können gar nicht nachvollziehen, dass wir Glaube und Gesellschaft so strikt trennen, auch in unserer Weltsicht.

Frage: Eine Frage zum Abschluss, Schwester Anna: Was haben Sie als Europäerin in ihrer Zeit in Papua-Neuguinea von den Menschen gelernt?

Sr. Anna: Dass es möglich ist, die Welt auch mit anderen Augen anzusehen als wir es tun. Dass es möglich ist, nicht vom „Ich“ auszugehen, sondern vom „Du“, von der Gemeinschaft – und dass im Konfliktfall das „Wir“ mehr zählt als das „Ich“. Diese Erkenntnis ist für mich eine erfrischende Herausforderung. Als Christin finde ich es sehr schön, in Papua-Neuguinea zu leben und zu erfahren, wie selbstverständlich der Glaube zum Leben gehört. Ich habe von den Menschen gelernt, dass man ohne Glauben das eigene Leben gar nicht deuten kann.

Vielen Dank für das Interview, Schwester Anna.

Das Interview führte Lena Kretschmann.

© Internetportal Weltkirche

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