Die Würde von Menschen mit Behinderungen achten

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  • Renovabis-Pfingstaktion 2013

Vor wenigen Jahrzehnten noch waren Menschen mit Behinderungen bei uns eine eher verdrängte Wirklichkeit und auch heute gibt es zahlreiche Vorbehalte in den Köpfen vieler Menschen ohne Behinderungen. Die größten Barrieren für Menschen mit Behinderungen sind die Blockaden in den Köpfen der Menschen ohne Behinderungen.

Verdrängungen und Fortschritte

Noch immer ist es zu wenig gelungen, das spezifische Menschsein der Menschen mit Behinderungen in der Öffentlichkeit zu vermitteln. Nicht die Behinderung soll im Vordergrund stehen, sondern der Mensch, die Persönlichkeit mit ihren besonderen Fähigkeiten und Bedürfnissen. In einer Leistungs- und Konsumgesellschaft wird der Mensch freilich stark über seine Leistungsfähigkeit definiert. Die Humanität einer Gesellschaft erweist sich aber in ihrem Umgang mit den Schwächsten. Bei aller Unzulänglichkeit der jetzigen Situation ist es wichtig, sich die positive Entwicklung der letzten 50 Jahre zu vergegenwärtigen. Ich kann aus der eigenen Erfahrungswelt, aus der Familie und der politischen Arbeit sagen: Die Entwicklung der Behindertenhilfe ist ein herausragendes Beispiel eines großen humanen Fortschritts. … Der wohl größte Fortschritt in der Behindertenhilfe ist die zunehmende Akzeptanz der Menschen mit Behinderungen in unserer Gesellschaft. Hier haben sich gegenüber der Situation von vor 30, 40 und 50 Jahren Welten verändert!

Gefährdungen

Andererseits haben wir wieder eine sehr zwiespältige und in vielerlei Hinsicht gegenläufige Entwicklung. Vor allem durch den medizinischen Fortschritt und noch mehr durch die modernsten Analysemöglichkeiten, etwa über die Genanalyse, verstricken wir uns immer mehr in eine Debatte über ein lebenswertes und angeblich nicht lebenswertes Leben. Und solche Debatten machen dann nicht bei der Diagnose in der Schwangerschaft oder bei der Präimplantationsdiagnostik mit ihrer Zielsetzung der Selektion Halt. Unweigerlich setzt sich dies in der Eigendynamik fort bis zu der Frage, wie lebenswert – und unterstützenswert! – dann das Leben bei schwerer Krankheit und im Alter ist. Die Würde des Menschen in den frühesten Phasen des Lebens, die Würde des Menschen mit Behinderungen und die Würde des Menschen im Alter und im Sterben sind untrennbar miteinander verbunden. Deshalb ist für uns alle der wichtigste Kompass für eine humane Zukunft der Satz 1 in Artikel 1 unseres Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalten.“

Leitidee Inklusion

Die Leitidee der Inklusion ist ein wichtiger „Wegweiser in die Zukunft“ der Gesellschaft insgesamt und natürlich in besonderer Weise in die Zukunft in der Behindertenhilfe. Im Mittelpunkt der Debatte um die Realisierung dieser Leitidee stehen gegenwärtig das Bildungswesen und besonders die Schulen. Das Ziel und die Aufgabe sind unbestreitbar wichtig. Ebenso wichtig ist, dass wir uns dabei immer vor Augen halten, dass es bei den Menschen mit Behinderungen um ganz unterschiedliche Situationen, Möglichkeiten und Grenzen geht. Erfolgsstatistiken für die Schulen oder für die Politik oder für bestimmte Denkrichtungen dürfen nicht der Maßstab sein. Das Wohl eines jeden einzelnen Menschen muss im Mittelpunkt aller Veränderungsprozesse stehen. Inklusion darf in keinem Fall zu einer Verschlechterung der bisher individuellen Förderung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Behinderungen führen.

Von Alois Glück

(Auszüge aus einer Rede, die Alois Glück, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, bei der Verleihung des Inklusionspreises des Bezirks Oberbayern am 11. Dezember 2012 in München gehalten hat.)

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