Der weite Weg zur Freiheit

  • Renovabis-Pfingstaktion 2013 - 28.05.2014

Plötzlich tauchen sie wieder auf, die Bilder der streikenden Arbeiter, die zu Ikonen des menschlichen Freiheitswillens wurden. An dem Tor der einstigen Lenin-Werft weht noch ein Hauch des „wind of change“, der vor einem Vierteljahrhundert jenen Sturm entfachte, der die sozialistischen Diktaturen am Ende hinwegfegte. Hier proklamierte der Elektriker Lech Wałęsa 1980 erstmals in der Geschichte des Kommunismus eine unabhängige Gewerkschaft.

In der Stocznia Gdańska legten sich die Danziger Schiffsbauer mit der Staatsmacht an, als sie die eisernen Lettern LENINA abmontierten und durch das Logo der SOLIDARNOŚĆ ersetzten. 1983, noch während des polnischen Kriegsrechts, kniete Papst Johannes Paul II. hier nieder zum stillen Gebet. Und die Frauen legten Blumen ab, für ihre ermordeten Männer und Söhne. Achtzig Tote zählte man allein beim Aufstand der Werftarbeiter 1970. Der jüngste, Andrzej Pyrzeński, starb mit fünfzehn, als ihn am Tor die Kugel eines Heckenschützen traf.

„Nicht in Warschau oder Krakau, das Herz des Freiheitskampfes der Polen pulsierte in Danzig“, sagt der legendäre Streikführer Bogdan Lis. „Nicht nur der internationale Hafen und die Weltoffenheit der Hansebürger haben den Widerstandswillen geprägt, auch die Entschlossenheit und der Zusammenhalt der Werftarbeiter“, so der Solidarność-Mitbegründer, der wegen seiner Überzeugungen lange im Untergrund lebte und drei Jahre inhaftiert wurde. „Unsere Solidarität war für die Macht der Kommunistischen Partei eine reale Bedrohung. Daher haben wir während der Streiks 1980 ernsthaft befürchtet, das Militär würde die Werft bombardieren, um unseren Widerstand zu brechen.“

Das Tor der ehemaligen Lenin-Werft, wo die Werftarbeiter ihren Freiheitskampf begonnen haben und Solidarność gegründet worden ist, wird seit Jahrzehnten von Alexandra Olschewska gehütet. Bauerdick/Renovabis

Repressionen, Gewalt und Angst

„Wege zur Freiheit“, heißt eine Dauerausstellung in einem Bunker unweit der Werft. Hier bleibt die Erinnerung wach, dass der Weg in die Demokratie gesäumt war von Repressionen, Gewalt und Angst. Vor allem in den Jahren 1981 bis 1983, als der Hardliner General Jaruzelski über Polen den Ausnahmezustand verhängte und mit Panzerwagen und Wasserwerfern, Schlagstöcken und Tränengas versuchte, das Rad der Geschichte anzuhalten. Trauriger Höhepunkt des Krieges gegen das eigene Volk war die Ermordung des katholischen Priesters Jerzy Popiełuszko, den Schergen der polnischen Staatssicherheit an Händen und Füssen fesselten und in der Weichsel ertränkten. Vor dreißig Jahren nahmen in Warschau 800.000 Menschen an der Beisetzung des seliggesprochenen Märtyrers teil. Im Nachhinein entpuppte sich die grausame Liquidierung eines Geistlichen zur Einschüchterung des Widerstands als Sargnagel eines maroden und inhumanen Systems.

In Danzig ist noch der Stolz zu spüren, dass der Eiserne Vorhang hier seinen ersten mächtigen Riss erhielt. Die Werftarbeiter setzten einen Dominoeffekt in Gang, der die totalitären Volksrepubliken aus der Geschichte kippte. Nach Polen folgten Ungarn, die DDR, die Tschechoslowakei, Bulgarien, Rumänien, die Sowjetunion, schließlich Jugoslawien und Albanien.

Dennoch: Die Siege der Vergangenheit werden auf dem ausgedehnten Terrain der Danziger Werft von der Last der Gegenwart überschattet. Die toten Arme der Verladekräne rosten vor sich hin, die Trockendocks verrotten. Lagerhallen verfallen, Industriewege und Brücken enden im Nichts. Früher garantierte der hochsubventionierte Staatsbetrieb 18.000 Menschen Lohn und Brot.

Die Unabhängigheit Polens

Heute findet nur noch jeder Zehnte hier einen höchst unsicheren Arbeitsplatz. Die privatisierte Werft, zu achtzig Prozent im Besitz eines ukrainischen Industriemagnaten, steht seit Jahren vor dem Bankrott. Zuletzt streikten die Arbeiter im Sommer 2013 für die Auszahlung überfälliger Löhne.

„Die Erfahrung schmerzt, für eine Freiheit gekämpft zu haben, die den Arbeitern später den Job kostete“, sagt Maciek Grzywaczewski mit Blick auf die ökonomischen Gesetze des Freien Marktes. Als Student und Solidarność-Aktivist der ersten Stunde trat er für die Unabhängigkeit Polens von der Sowjetunion ein, wurde ungezählte Male unter Arrest gestellt und schrieb Geschichte. Im wahrsten Sinn des Wortes. Mit roter Rostschutzfarbe malte Grzywaczewski die historischen 21 Forderungen der streikenden Arbeiter auf hölzerne Tafeln, die am Danziger Werfttor aufgehängt wurden. Als Manifest des Aufbegehrens gegen eine totalitäre Staatsmacht.

„Damals“

Eingeklagt wurden freie Gewerkschaften, Rede- und Meinungsfreiheit, die Freilassung politischer Häftlinge, aber auch eine bessere Versorgung und gerechtere Verteilung der Lebensmittel oder die Vergabe von Leitungsaufgaben nach Kompetenz und nicht nach Parteienproporz. „Damals“, so der heute 60-jährige Grzywaczewski, „lebten wir in der Gewissheit, Teil einer großen Freiheitsbewegung zu sein. Heute kämpft jeder eher für sich.“ Die Solidarność-Gewerkschaft, einst zehn Millionen Mitglieder stark, spielt heute politisch kaum noch eine Rolle.

Draußen am Werfttor jedoch kann man ihn noch spüren, den Wind der Freiheit. Wo der fünfzehnjährige Andrzej starb, wo nun Besucher aus aller Welt ein Erinnerungsfoto knipsen und Blumen niederlegen, erinnern die verblichenen Bilder der Madonna von Tschenstochau und Johannes Pauls II. an die Erfahrung Maciek Grzywaczewskis, dass mit dem Gewinn bürgerlicher Freiheiten allein die Solidarität und die Gemeinschaft unter den Menschen nicht wächst.

Von Rolf Bauerdick

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