Das Leben teilen im Licht des Glaubens

  • Adveniat-Aktion 2012

Sein Weg führt ihn aus der Innenstadt heraus vorbei an dem prunkvollen rotgemauerten Regierungssitz, an glasverspiegelten Hochhäusern, vorbei an saftiggrünen Golfplätzen. Bis irgendwann das mondäne Flair der Großstadt aufhört. Der Fluss entlang der Straße wird schmutziger, leere Flaschen und Plastiktüten säumen den Straßenrand, ausgebrannte Autowracks türmen sich vor Rohbauten, an denen die Wäsche im Wind flattert.

Der Asphalt ist aufgerissen. Irgendwann rattern die Räder des Autos nur noch über loses Geröll und Schlaglöcher. – Padre Carlos Saracini ist auf dem Weg in eine der zahlreichen Villas, der Armenviertel, die sich wie ein ausgefranster Gürtel um Buenos Aires herumlegen.

„Hierhin verschlägt es all diejenigen, die aus Peru, Bolivien und Mexiko mit großen Hoffnungen nach Buenos Aires gekommen sind“, erklärt der 48-Jährige. Mit Hoffnungen auf einen Arbeitsplatz, eine kleine Wohnung, ein besseres Leben. Doch was sie hier erwartet, ist ein weiterer Kampf ums Überleben.

Adveniat Aktion 2012: Argentinien - Padre Carlos Saracini

P. Carlos Saracini - Argentinien

Markus Matzel und Anke Spiess

Padre Carlos ist Pfarrer der traditionsreichen Großstadtpfarrei Santa Cruz inmitten von Buenos Aires, die von Adveniat unterstützt wird. Schon während der Militärdiktatur Zufluchtsort der Madres de Plaza de Mayo, die bis heute für die Aufklärung des Schicksals ihrer entführten Kinder protestieren, steht die Pfarrei noch immer für eine Vielzahl von kirchlichen, sozialen und politischen Aktivitäten. „Gott will, dass sich die Menschen treffen, Erfahrungen teilen, Konflikte lösen. Wir sind ein Teil der Menschheit, die sich bewegt, und Gott ist mitten unter uns“, sagt der kleine drahtige Pfarrer. Rund 2.000 Gemeindemitglieder engagieren sich in seiner Pfarrei in Basisgemeinden. Manche haben sieben Mitglieder, andere 20.

„Wir sind ein Teil der Menschheit, die sich bewegt, und Gott ist mitten unter uns.“

— Padre Carlos Saracini

Kampf ums Überleben

Eine der großen Herausforderungen für die kleinen Gemeinschaften ist die Arbeit in den Villas. Die Lebensbedingungen dort sind katastrophal. Großfamilien leben in einem Raum. Ohne Tisch, ohne Bett, ohne Geschirr. Sie essen aus der Hand und schlafen auf dem Boden. Während die Eltern arbeiten, streunen die Kinder durch die Straßen, werden vergewaltigt, zur Prostitution gezwungen, in Drogengeschäfte verwickelt, entführt. Ein Lichtblick in diesem dunklen Moloch ist der Hogar von Elba Susana Lettere – eine Einrichtung, die Kindern von fünf bis zwölf Jahren tagsüber einen Unterschlupf bietet.

Schon von Weitem haben die Kinder gehört, dass ein Auto auf den Hof gefahren ist und stürmen aus dem Haus. Carlos ist kaum ausgestiegen, da hat sich schon eine kleine Traube von Kindern an ihn gehängt. „Ich glaube nicht daran, dass meine Begegnung mit Carlos ein Zufall war“, sagt Susana. „Jesus hatte seine Hand dabei im Spiel.“ Auf Carlos’ Anregung hin gründete sie eine kirchliche Basisgemeinde, die das Engagement des Hogar stützt. Die gut 100 Kinder bekommen hier vorgelebt, wie soziales Miteinander funktionieren kann. Sie lernen lesen und schreiben und haben eine Auszeit von dem Leben zu Hause, das häufig geprägt ist von den Sorgen der Eltern, häuslicher Gewalt oder Überforderung der alleinerziehenden Mutter.

Padre Carlos mit Kindern aus der Tagesstätte Hogar Casa de la Madre de Calcutta in dem Armenviertel Elba (Villa Miseria). Matzel/Adveniat

„Carlos ist genau die Art Priester, die wir hier brauchen“, erzählt die 60-Jährige. „Jemand, der sich zu den Leuten setzt und mit ihnen redet, sie umarmt und der deutlich macht: Wenn Jesus nicht unter uns wäre an jeder Ecke des Flures, dann wäre das alles hier nicht möglich.“

Kindern Hoffnung geben

Carlos hat sich inzwischen in einem Klassenraum auf einem der winzigen Stühle zwischen den Kindern niedergelassen. Die ernste, konzentrierte Miene, mit der er gerade noch dem Gespräch gefolgt ist, ist einem schelmischen offenen Lachen gewichen, mit dem er die Kleinen innerhalb weniger Sekunden für sich gewinnt. Er singt ein Lied über eine Welt des Friedens, schenkt ihnen seine volle Aufmerksamkeit und gibt ihnen damit einen Moment lang das Gefühl, der Mittelpunkt der Welt zu sein. Ein Gefühl, das viele der Kinder von Zuhause nicht kennen.

„Das Paradies ist wie der Bauch einer Mutter und wir alle haben die Erfahrung gemacht, dort beschützt zu werden“, sagt Carlos nachdenklich, während er sich von den Kindern verabschiedet. „Dieses Gefühl wollen wir wieder herstellen, denn es wird uns nicht geschenkt. Ich glaube, dass Gott uns dazu inspiriert. Er ruft uns dazu auf, Räume für Gerechtigkeit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu schaffen.“

„Wir alle sind würdig, Mittler Gottes zu sein.“

— Padre Carlos Saracini

Zurück in der Pfarrei herrscht im palmenbegrünten Innenhof von Santa Cruz ein ständiges Kommen und Gehen. Überall sitzen kleine Gruppen im Garten verstreut. Gruppen, die wie Susana jede aus ihrem Glauben und ihrer Lebenssituation heraus einen Schwerpunkt für ihr Engagement in der Gemeinde gebildet haben. Mitten in diesem Menschenstrudel huscht Carlos hindurch, schenkt jedem ein herzliches, aufmunterndes Wort, eine Umarmung.

Licht des Glaubens

Wesentlicher Bestandteil der Arbeit in den kirchlichen Basisgemeinden ist die Bibellektüre. Regelmäßig treffen sich die Gemeinschaften in den Privathäusern der Mitglieder und lesen das Evangelium. „Alle diese Gruppen haben die Erfahrung gemacht, ihr Leben zu teilen unter dem Licht des Glaubens“, erklärt der Priester aus dem Passionistenorden. „Und dieses ‚Lebenteilen’ hilft ihnen, bessere Menschen zu werden: zu Hause, auf der Arbeit, bei ihren Freunden.“

Im Zentrum des Gemeindelebens von Santa Cruz stehen die Gottesdienste: Padre Carlos bei einem Traugottesdienst. Matzel/Adveniat

Im Zentrum des Gemeindelebens von Santa Cruz stehen die Gottesdienste. Schon der Kirchenraum lässt erahnen, dass sich die offene Form der Gemeinde auch in der Messe wiederfindet: Der Altar steht mitten im Raum, die Kirchenbänke sind halbkreisartig darum platziert. Herrschaftlich und prunkvoll wirken die neugotischen Bögen der Kirche, bodenständig Carlitos´ Gestaltung der Messe. Bis auf den letzten Platz gefüllt ist die Kirche. Jung und Alt gemeinsam. Ein kleiner Junge ist auf die Kanzel geklettert und schaut neugierig auf den Altar hinab. Carlos zwinkert ihm zu und begrüßt die Menschen.

„Legt die Hand auf euer Herz und hört in euch hinein“, sagt er zur Gemeinde. Es wird still. Von außen dringt durch die schweren Holztüren gedämpft der Straßenlärm herein. Die einfache Geste lässt eine spürbare Verbindung zwischen den Gläubigen entstehen. Der gesamte Gottesdienst lebt von Gestik, Symbolen, von körperlicher Nähe, die den geistigen Zusammenhalt greifbar werden lassen.

Dabei steht aber nicht Carlos als Pfarrer im Mittelpunkt des Geschehens. Offensiv und selbstverständlich bindet er die Gemeinde mit ein. Er hat kleine Gefäße mit Erde mitgebracht. „Nehmt von der Erde und malt euch gegenseitig das Kreuz auf die Stirn.“ Ein Gestus, der normalerweise nur Priestern vorbehalten ist. Doch Carlos ist sich sicher: „Wir alle sind würdig, Mittler Gottes zu sein.“

Text: Mareille Landau; Fotos: Markus Matzel

© Adveniat

Die Adveniat-Aktion

ist die Weihnachtskampagne der katholischen Kirche in Deutschland. Sie umfasst eine Reihe von Veranstaltungen, die Adveniat in der Adventszeit in Zusammenarbeit mit den Bistümern Deutschlands organisiert. Das Lateinamerika-Hilfswerk weist im Rahmen der Aktion auf die Nöte der Armen und Benachteiligten in Lateinamerika und die Arbeit von Adveniat hin und wirbt für Spenden. Im Advent 2012 finden in ganz Deutschland Gottesdienste, Benefizkonzerte, Ausstellungen, Diskussionsforen und Vorträge statt.

Adveniat-Aktion 2012