Erzbischof Alfons Nossol über die deutsch-polnische Aussöhnung

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Alfons Nossol war bis 2009 für 32 Jahre Bischof der Diözese Opole/Oppeln. Der 85-jährige gebürtige Oberschlesier gilt seit Jahrzehnten als Brückenbauer zwischen Polen und Deutschland und als Mittler zwischen den Konfessionen. 1989 ließ er wegen der hohen Zahl von deutschsprachigen Christen in seiner Diözese die Feier des Gottesdienstes auch in deutscher Sprache zu, „der Sprache des Herzens“. Für seine Verdienste um die Völkerverständigung und die Ökumene erhielt Nossol mehrere Ehrendoktorwürden und zahlreiche Preise. Er ist Träger des Bundesverdienstkreuzes. Papst Johannes Paul II. verlieh ihm den Erzbischofs-Titel.
 

Frage: 73 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges: Wie steht es um die Aussöhnung zwischen Deutschen und Polen?

Erzbischof Nossol: Sie ist weit fortgeschritten. Wir Europäer müssen uns alle bewusst sein, dass wir einander näher gekommen sind und Europa unser gemeinsames Haus ist. Jedwede nationalistische Einengung ist gefährlich. Diese größte Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg sollte uns immer vor Augen stehen: Da wurde die Menschlichkeit mit Füßen getreten. Man muss dankbar sein, dass das Gegeneinander-Denken vorbei ist.

Frage: Und wie steht es um den Patriotismus, der in vielen Ländern Europas erstarkt?

Nossol: Patriotismus ist bei uns in Polen immer hoch angesehen. Ich pflege daran zu erinnern, dass der Heilige Papst Johannes Paul II. den Patriotismus sehr hoch gehalten hat. Aber für ihn war klar, Patriotismus müsse in Gestalt von Liebe und nicht von Hass kommen. Leider haperte es in der Geschichte Deutschlands zu Polen diesbezüglich: Die Tragödie des Zweiten Weltkriegs, da waren die Konzentrationslager, ganz besonders Auschwitz. Wer Auschwitz besucht hat, kann sich darüber vergewissern. Die unmenschlichen Gräueltaten dort dürfen nicht vergessen werden. Aber Johannes Paul hat einen wirklichen Patriotismus vorzuleben versucht, etwa durch seine Besuche in seiner geliebten polnischen Heimat.

Für seine Verdienste um die Völkerverständigung und die Ökumene erhielt Nossol mehrere Ehrendoktorwürden und zahlreiche Preise.

Markus Nowak/Renovabis

„Man muss dankbar sein, dass das Gegeneinander-­Denken vorbei ist.  “

— Alfons Nossol, Erzbischof von Oppeln.

Frage: Papst Johannes Paul II. wird zugeschrieben, einen wichtigen Beitrag zum Fall des Eisernen Vorhangs geleistet zu haben – und damit auch zur Aussöhnung.

Nossol: Eine seiner Ansprachen in Warschau beendete der Papst mit einer Gottesanrufung. Er hat darauf hingewiesen, was das polnische Volk „hier und jetzt“ damals nötig hatte: die Kraft des Heiligen Geistes. Und so hat er sich an den Heiligen Geist gewandt: „Komm Heiliger Geist und erneuere die Erde, diese Erde.“ Und später ging es tatsächlich los, mit dem Einreißen der Berliner Mauer. Aber damit hat auch Kreisau 1989 zu tun …

Frage: … jenes Treffen von Helmut Kohl mit dem ersten nichtkommunistischen Ministerpräsidenten Polens, Tadeusz Mazowiecki, das mit einem Versöhnungsgottesdienst in die Geschichte einging …

Nossol: … damals kam es darauf an, dass sich Polen und Deutsche mit Gottes Hilfe näher kamen. Und es ist geschehen. Rein politisch war es nicht so einfach, aber gleich nach der Berliner Mauer sollte die zweite große Mauer fallen: die Mauer des deutsch-polnischen, polnisch-deutschen Hasses. Und auch das ist geschehen. Der Fall dieser beiden Mauern: Damit begann eine neue Epoche. Denn mit den Nachbarn kann es so oder anders sein, aber wir müssen uns bemühen, mit ihnen auszukommen. Niemand hat sich seine Nachbarn ausgesucht – wie in der Familie, da sucht man sich auch seine Geschwister nicht aus. Wir müssen zusammenleben, gemeinsam und füreinander. Und so ist es auch in Europa mit der schwierigen, komplizierten Nachbarschaft zwischen Deutschen und Polen.

Frage: Was war „der Zauber“ dieser Versöhnungsmesse? Schließlich gab es viele Vorbehalte dagegen.

Nossol: Damals ist vieles geschehen. Dreimal hat man mich aufgefordert, dass ich die liturgische Geste des Friedensgrußes weglassen solle. Ich sagte, die Liturgiereform ist verbindlich. Ich müsste, wenn ich den Friedensgruß zwischen Kohl und Mazowiecki weglassen sollte, die Erlaubnis des Vatikans haben. Denn ich bin verpflichtet, die Errungenschaften des Vatikanums umzusetzen. Ich habe so erst gesehen, was für ein großes Symbol der Friedensgruß ist. Der Mensch braucht Symbole.

Frage: Wenn Europa in der Krise steckt und die Aussöhnung wieder einmal ins Stocken gerät, würden Sie dann erneut eine Versöhnungsmesse feiern?

Nossol: Eine Versöhnungsmesse allein bewirkt noch nichts. Wir dürfen auch nicht nur auf besondere politische Wunder schauen und uns von ihnen leiten lassen.

Frage: Welchen Anteil hatte die Kirche an der deutsch-polnischen Aussöhnung?

Nossol: Die Kirche war stark beteiligt: Der Versöhnungsbrief der polnischen Bischöfe an die deutschen Bischöfe war der Durchbruch. Aber angefangen hat es in der evangelischen Kirche mit dem Tübinger Memorandum. Es war maßgebend, denn der polnische Hirtenbrief an die deutschen Bischöfe hat das protestantische Memorandum nachgeahmt. Man war bemüht, einen Strich unter die Vergangenheit zu ziehen und einen wahren Neubeginn zu wagen. Und das ist weitgehend gelungen.

Frage: Wie steht es um die Zukunft Europas und um die Aussöhnung in Europa?

Nossol: Das gegenseitige Verständnis und das Gezwungensein, neben- und füreinander zu leben, nicht in Hass, sondern in Frieden, dies stärkt Europa und ist ein Gewinn für alle Staaten, die daran beteiligt sind. Auch die Ökumene möchte diese Einheit erreichen, weil die Einheit die Grundlage des friedlichen Denkens nach vorne werden kann. Das ist heute ausschlaggebend: nicht gleich militärisch reagieren, sondern sich menschlich entgegenzukommen und gemeinsam Probleme zu lösen. Ein vereinigtes Europa ohne eine Seele, die auf der Basis des Christentums gegründet ist, hat aber kaum Chancen zu bestehen und alle geschichtlichen Attacken abzuwehren. Damit uns allen an der großen Heimat Europa mehr gelegen ist, müssen wir sie noch mehr schätzen lernen. Wenn wir zusammenhalten, dann könnte Europa auch eine Art Vorbild für die Welt werden, die nach Frieden schreit.

Das Interview führte Markus Nowak.

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