Auf engstem Raum

  • Fastenaktion 2014

Es ist traurig, dass die meisten jungen Leute die ländlichen Regionen verlassen“, klagt James Mutebi, Agrarberater für nachhaltige Landwirtschaft in der Erzdiözese Kampala. „Sie fehlen, um die Landwirtschaft produktiver zu machen“. Denn trotz günstiger Voraussetzungen in vielen Teilen des Landes – fruchtbare Böden, gemäßigtes Klima, Seen und Flüsse für Bewässerung – wächst die Nahrungsmittelerzeugung langsamer als es notwendig wäre, um die Bevölkerung zu ernähren und Armut und Hunger zu beseitigen.

Ohne Zukunftsperspektiven versuchen viele in den Städten ihr Glück, z. B. als „Boda-Boda“-Fahrer mit einem Motorrad-Taxi. Doch die Konkurrenz ist groß und vom Verdienst bleibt nach Ausgaben für Wohnung, Benzin und Essen nicht viel übrig. „Wenn man es richtig macht, kann man von der Landwirtschaft sehr viel besser leben“, meint Ronald Kataba, dessen Familie eine kleine Farm unweit von Ugandas Hauptstadt Kampala hat.

Kataba will nicht nur bleiben, weil er sich für seine Mutter und jüngeren Geschwister verantwortlich fühlt. Durch das vom katholischen Hilfswerk Misereor unterstützte Agrarprogramm der Erzdiözese hat er gelernt, wie er mehr aus seinem Land herausholen kann. Kaffeesträucher, Cassava, Kochbananen und Obstbäume bringen mit nachhaltigen, intensiven Anbaumethoden höhere Erträge, die Wiederaussaat von Samen, Kompost und biologische Schädlingsbekämpfung verursachen keine Kosten. So bleibt von dem, was er verkauft, mehr für ihn. Durch das Training als Elektriker konnte er die Leitungen in seinem neuen Haus selbst legen, die Ziegel hat er selbst gebrannt. Als nächstes möchte er ein Geschäft an der Hauptstraße des Dorfes aufmachen, um seine Agrarprodukte zu verkaufen. Erst dann will er heiraten. Und abends berät er andere Bauern – in der Hoffnung, sie von der Abwanderung abhalten zu können.

James Mutebi ist Agrarberater der katholischen Kirche in Kampala und überzeugt, dass mit den richtigen Anbaumethoden auch genug geerntet werden kann. Schwarzbach/Misereor

Jeder Zentimeter wird genutzt

„Nachhaltige ökologische Landwirtschaft ist die beste Methode für afrikanische Kleinbauern“, sagt Harriet Nakasi, Leiterin des Agrarprogramms. Denn die Äcker sind häufig kaum größer als ein oder zwei Fußballfelder. Nur mit guter Planung, die jeden Fußbreit ausnutzt, gibt es da genug Erträge, um nicht hungern zu müssen. Und kosten darf es auch nicht viel, denn die Familien haben kaum Geld, um Dünger oder Saatgut zu kaufen. Rinder, Ziegen und Hühner liefern Dung, Milch und Eier. So können sich die Familien weitgehend von ihrer Farm ernähren – vielseitig, nahrhaft und gesund. Und Überschüsse können sie verkaufen.

Doch die Verlockungen, die Landwirtschaft aufzugeben, steigen. 70 Millionen Schilling, umgerechnet 20.000 Euro, werden inzwischen in der Region, in der Ronald Kataba lebt, für ein Grundstück gezahlt, das kaum größer ist als ein halbes Fußballfeld. Die Bodenpreise in Uganda sind in die Höhe geschossen, seit immer mehr ausländische Investoren die freizügigen Möglichkeiten nutzen, Land zu erwerben. Und je wertvoller Land wird, desto größer wird die Gefahr, dass armen Kleinbauern ihre Äcker einfach weggenommen werden. „Es kann jeden treffen“, sagt Ritah Nansereko von der Food Rights Alliance. Obwohl viele Bauern Landtitel halten, ziehen sie den Kürzeren, wenn einflussreiche Leute ein Auge auf ihr Land geworfen haben.

„Es kann jeden treffen.“

— Ritah Nansereko, Food Rights Alliance

Am Victoria-See oder im Westen des Landes entstehen immer mehr große Plantagen. Wo früher Nahrungsmittel für die einheimische Bevölkerung wuchsen, gedeihen jetzt Kaffee, Blumen oder Zuckerrohr. Die Nachfrage in den wohlhabenden Industrieländern nach preiswerten Konsumgütern oder Agrartreibstoff treibt diese ‚Landnahme’ nicht nur in Uganda voran. Und weil das der Regierung Devisen bringt, unterstützt sie diese Investoren nach Kräften.

Dagegen wird die bäuerliche Landwirtschaft weitgehend vernachlässigt. „Die Regierung wünscht uns alles Gute“, sagt James Mutebi, „doch mit spürbarer Unterstützung hält sie sich zurück“. Im Gegenteil: Wenn ein geplantes Gesetz verabschiedet werden sollte, könnten viele Bauern und Bäuerinnen gezwungen werden, teures Saatgut zu kaufen. Bislang benutzen die meisten ihr eigenes Saatgut und tauschen es untereinander aus. Internationale Agrarkonzerne wie Monsanto aus den USA und Syngenta aus der Schweiz möchten aber gerne ihr patentiertes Saatgut, das die Bauern und Bäuerinnen jedes Jahr erneut kaufen müssen, in Afrika absetzen. Und sie werben für gentechnisch veränderte Pflanzen wie Baumwolle und Mais. Um die Zulassung zu bekommen, setzen sie alle Hebel in Bewegung, in einigen Ländern wie Südafrika waren sie bereits erfolgreich.

Das eigene Saatgut ist für viele Bäuerinnen die Garantie, nicht in die Abhängigkeit von großen Konzernen zu geraten. Schwarzbach/Misereor

Männer wollen schnelles Geld

Doch in Uganda haben sie starken Gegenwind. Immer wieder konnten zivilgesellschaftliche Gruppen, zusammengeschlossen in der „Koalition für nachhaltige Landwirtschaft“ (ACSA), die Verabschiedung des Gesetzes verhindern. „Wer das Saatgut kontrolliert, kontrolliert die Welt“, erklärt Florence Nassuuna, die für die Erzdiözese in dem Netzwerk mitarbeitet, den Widerstand.

„Wer das Saatgut kontrolliert, kontrolliert die Welt.“

— Florence Nassuuna, Erzdiözese Kampala

Deshalb haben viele Frauengruppen Saatgutbanken. Stolz zeigt Joyce Namirembe die Körner, Samen und Stecklinge für Mais, Gemüse, Kräuter und Cassava, die sie in einem dunklen, kühlen Räumchen verwahrt. Überwiegend handelt es sich um einheimische Sorten, deren Qualität die Bäuerinnen genau kennen. Oft benötigen sie auch weniger Wasser, sind weniger anfällig für Krankheiten und bringen selbst bei ungünstiger Witterung noch Erträge.

Noch sind es vor allem Frauen wie Joyce, die die Chancen der nachhaltigen Landwirtschaft wahrnehmen. „Sie haben die dafür nötige Geduld“, sagt James Mutebi, „Männer wollen schnelles Geld“. Und sie tragen die Verantwortung für die Ernährung, häufig auch für das Schuldgeld. Mutebi hofft aber auch, dass erfolgreiche Bauern wie Ronald Kataba Schule machen. Ohne die Möglichkeiten durch das Programm, so glaubt er, wäre auch Kataba vermutlich längst weg.

Von Uwe Hoering

© Misereor

„Mut ist, zu geben, wenn alle nehmen“

Mit angepasster Landwirtschaft will die Erzdiözese Kampala, unterstützt von Misereor, die von Abwanderung, Wassermangel und Landraub betroffene Bevölkerung im Umland der Metropole Kampala halten. Das Bemühen, die bäuerliche Bevölkerung trotz winziger Parzellen zum Bleiben zu bewegen und so ihre Ernährung sicher zu stellen, stellt Misereor beispielhaft in den Fokus der Fastenaktion. 842 Millionen Menschen auf der Welt müssen hungern. Dass dieser Hunger auch mit unseren Lebensgewohnheiten, mit unserem Konsum zusammenhängt, ist offensichtlich. Notwendig sind deshalb nicht nur neue Konzepte der Hungerbekämpfung in armen Ländern, sondern auch ein verändertes Konsumverhalten bei uns. In bundesweit mehr als 10.000 Gemeinden wird die Fastenaktion deshalb unter dem Leitwort: „Mut ist, zu geben, wenn alle nehmen“ durchgeführt. Mit diesem Thema ermutigt Misereor die Menschen, über das Verhältnis von Geben und Nehmen und damit auch über den eigenen Lebensstil nachzudenken. Und ruft am 6. April, dem Misereor-Sonntag, in allen Gottesdiensten zur Solidarität mit denen auf, die nicht ausreichend zu essen haben.

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