Christsein in der größten Demokratie der Welt

Name: Pater Lawrence Thomas Padamadan

Alter: 35 Jahre

Heimatland: Indien

Studienort: Philosophisch-Theologische Hochschule in Vallendar

Fach: Pastoraltheologie

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Frage: Wie sind Sie auf das Stipendienprogramm aufmerksam geworden?

P. Lawrence: Ich gehöre als Priester der Kongregation der Karmeliten von Mary Immaculate (CMI) an. Mein Ordensoberer in Indien gab mir einige Informationen über das Stipendienprogramm Albertus Magnus der Deutschen Bischofskonferenz. Um mehr darüber zu erfahren, besuchte ich im August 2013 in Frankfurt eine einwöchige Einführungsveranstaltung. Und so nahmen die Dinge ihren Lauf.

Frage: An welcher Hochschule studieren Sie?

P. Lawrence: Mein Promotionsstudium absolviere ich seit einem Semester an der Philosophisch-theologischen Hochschule Vallendar. Das Thema meiner Doktorarbeit ist die christologische Anthropologie und die soziale Gerechtigkeit. Ich erhoffe mir dadurch ein tieferes Verständnis der Person Christi als Modell zur Schaffung sozialer Gerechtigkeit.

Frage: Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Ihrer Heimatkirche und der deutschen sind Ihnen besonders bewusst geworden?

P. Lawrence: In den vergangenen 12 Monaten haben sich viele meiner Vorstellungen über die deutsche Kirche verändert. Trotz der langen katholischen Tradition werden heute viele Kirchen geschlossen oder zu Gemeindehallen oder Einkaufszentren umgewandelt. Die aktiven Gemeinden haben sehr wenig Beteiligung an den kirchlichen Aktivitäten. Die Anzahl der Berufungen ist gesunken. Die deutsche Kirche hängt in hohem Maße von Priestern aus dem Ausland ab. Ich denke nicht, dass die geringe Beteiligung der Gläubigen an kirchlichen Veranstaltungen ein Zeichen für eine schwache Kirche ist. Die von Jahr zu Jahr sinkenden Zahlen der Berufungen und Gläubigen sind allerdings ein klares Zeichen für den gesellschaftlichen Rückgang des Glaubens. Trotzdem bin ich optimistisch. Ich denke, dass es in der deutschen Kirche eine Wiederbelebung des Glaubens geben wird, einen „neuen Frühling“, wie Papst Johannes Paul II. es ausgedrückt hat.

Mein Heimatland Indien ist die größte Demokratie der Welt. Indien zeichnet sich durch viele kulturelle und sprachliche Unterschiede aus und hat viele Religionen hervorgebracht. Meine Heimat ist im Großen und Ganzen ein friedliches und tolerantes Land, in dem Menschen aus verschiedenen Religionen und Kulturen harmonisch zusammenleben. Die indische Gesellschaft sieht jedoch das „Christentum“ nur als fremde Religion an. Dies liegt in der Geschichte Indiens begründet: Das Land wurde von anderen Staaten oft als „goldener Vogel“ betrachtet. Es gab viele Invasionen ausländischer Mächte, die den Reichtum Indiens raubten. Darum sind die meisten Inder misstrauisch gegenüber Ausländern. In der Vorstellung vieler Menschen ist das Christentum eine „ausländische Religion“, die mit den europäischen Einwanderern verbunden ist. So entstand das Bild des Christentums als „Religion der Herrscher“. Zudem wird das Christentum von vielen Menschen anderen Glaubens als eine aggressiv missionierende und bekehrende Religion angesehen. Dabei lebt die Kirche in Indien den christlichen Glauben stets als praktische Nächstenliebe.

„Ich denke, dass es in der deutschen Kirche eine Wiederbelebung des Glaubens geben wird, einen ‚neuen Frühling‘, wie Papst Johannes Paul II. es ausgedrückt hat.“

In Deutschland habe ich erlebt, dass die katholische und evangelische Kirche ein gutes Verhältnis zueinander pflegen. Es ist eine neue Erfahrung für mich, zu sehen, dass beide christlichen Kirchen zusammenarbeiten und gemeinsam feiern. Mit Blick auf das ökumenische Miteinander kann die indische Kirche von der deutschen lernen. Obwohl es keine Feindseligkeiten zwischen evangelischer und katholischer Kirche in Indien gibt, kommen wir nur selten zusammen.

Zudem gibt es in meinem Heimatland neben der römisch-katholischen Kirche noch zwei weitere mit Rom unierte Kirchen: die syro-malabarische Kirche und die syro-malankarische Kirche. Beide stammen aus dem südindischen Bundesstaat Kerala, aus dem auch ich komme. Diese drei Kirchen haben ein gesundes Verhältnis zueinander. Da wir Christen in Indien eine kleine Minderheit sind, können wir uns nicht mit dem aufhalten, was uns trennt, sondern wir pflegen den Glauben an Jesus Christus und das Wort Gottes als Grundlage für unsere Einheit. Jeder Gläubige versucht, seine christliche Identität in einem multireligiösen und multikulturellen Umfeld zu finden.

Frage: Wie geht es nach dem Studienabschluss weiter? Werden Sie die Partnerschaft zur deutschen Kirche weiterführen?

P. Lawrence: Nach dem Studium werde ich nach Indien zurückkehren und in einem Priesterseminar unterrichten. Ich bin mir jedoch sicher, dass ich weiter Kontakt zur Kirche in Deutschland pflegen werde. Die reichen akademischen Erfahrungen, die ich hier sammeln darf, werden für meine Zukunft von Vorteil sein. Daher bedanke ich mich ganz herzlich bei den Koordinatoren des Albertus-Magnus-Programms und der Deutschen Bischofskonferenz.

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