Von Lima nach Paris – oder: die Christen und die Klimagerechtigkeit

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Im Dezember 2014 fand in Lima/Peru die 20. „Konferenz der Partner" der UN zum Klimawandel statt. Vertreter von 195 Nationen verhandelten in langen Tag- und Nachtsitzungen, um die 2015 in Paris zu vereinbarende Klimarahmenkonvention weiter vorzubereiten. Dann nämlich läuft das 1997 in Kyoto vereinbarte Protokoll aus.

Um den künftigen Generationen eine Umwelt und Lebensbedingungen zu gewährleisten, die ein würdiges Leben garantieren und den Eigenwert der Schöpfung anerkennen, ist ein ambitioniertes und alle Staaten bindendes Abkommen unabdingbar. Außerdem gilt es im Zuge einer Klimagerechtigkeit all jenen Menschen – insbesondere in den armen Ländern, den Inselstaaten und flachen Küstenstreifen –, die bereits jetzt unter den negativen Folgen des Klimawandels zu leiden haben, bei der Anpassung an diese Folgen zu helfen. Es sind dies ja jene im europäischen Sinne wenig entwickelten Regionen der Erde, und sie haben bisher kaum nennenswert zur Erderwärmung durch die Emission von Treibhausgasen beigetragen. Die industrialisierten Länder hingegen entwickelten sich zum Teil seit rund 150 Jahren und emittierten dabei Treibhausgase, ohne irgendwelche Abgaben für deren negativen Folgen zu entrichten.

UN-Fahne KNA

Die UN-Konferenz in Lima war die letzte in einem Südkontinent vor der alles entscheidenden Klimakonferenz in Paris. Sie bot also den armen und vom Klimawandel besonders betroffenen Ländern nochmals die Möglichkeit, den Industrieländern und der Weltöffentlichkeit mit aller Deutlichkeit folgendes vor Augen zu führen: Um Klimagerechtigkeit – die zentrale Zukunftsherausforderung der gesamten Menschheitsfamilie – zu erreichen, ist es eher schon fünf Minuten nach zwölf als vor zwölf. Je später sich die Völkergemeinschaft bindend auf Umwelt schonende Produktionsweisen und Lebensstile verpflichtet, umso einschneidendere und kostspieligere Maßnahmen werden erforderlich, um unumkehrbare Prozesse in der Klimaentwicklung noch vermeiden zu können.

Es ist Zeit zu handeln

Und da die Konferenz in Peru in Lateinamerika, also auf dem „katholischen Kontinent“, stattfand und die Kirche mit ihrer Theologie der Schöpfung eine besondere Sensibilität für die Thematik hat, gilt es auch das besondere Engagement der Kirche für die Bewahrung der Schöpfung ins Spiel zu bringen. Als Christinnen und Christen können wir in solchen Situationen, wo es um grundlegende Fragen der Gerechtigkeit, des Friedens, der Ernährungssicherheit und der Zukunft der Menschheit geht, nicht abwesend sein. Von unserem Glauben an den Schöpfergott her ist ein sich Einmischen das Gebot der Stunde. Es ist Zeit zu handeln.

Als besonders wichtig bei dem Ganzen erweist sich Papst Franziskus. Inzwischen hat sich nämlich herumgesprochen, dass er eine Enzyklika zur Bewahrung der Schöpfung, der Umwelt und zum Klimawandel vorbereitet. Außerdem hat er in verschiedenen Verlautbarungen zu erkennen gegeben, wie wichtig für ihn das Schöpfungsthema ist und wie sehr er dies auch mit der Wahl seines Namens verbindet. Dies sind Richtungsweisungen für uns und Stärkung, uns von unserem Engagement durch Gegenkräfte bzw. eine breite Gleichgültigkeit und Verdrängung nicht abbringen zu lassen. Folgende Punkte halte ich fest:

  • 1. Der Klimawandel darf nicht nur zu wissenschaftlichen, die Umwelt betreffenden und sozialökonomischen Überlegungen führen, sondern vor allem zu ethischen und moralischen. Alle, insbesondere die Ärmsten und bereits jetzt Verletzlichen, sind vom Klimawandel betroffen.
  • 2. Es besteht ein moralischer Imperativ zu handeln: Alle tragen Verantwortung, die Schöpfung zu schützen als Gut für die jetzigen und kommenden Generationen.
  • 3. Für die Erderwärmung ist die hauptsächliche Ursache die wachsende Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre aufgrund menschlichen Handelns.
  • 4. Ein Nichthandeln angesichts der mit dem Klimawandel verbundenen Risiken führt auch zu hohen ökonomischen Kosten.
  • 5. Der Mensch ist nicht Herr der Schöpfung. Sie ist nicht Besitz von einigen. Sie ist Gabe des Schöpfers zum Wohl aller.
  • 6. Die Menschheitsfamilie lebt in einem Interdependenzverhältnis. Die Entscheidungen, das Verhalten und Handeln der Einzelnen haben Konsequenzen für die anderen.
  • 7. Es ist kein Raum für eine globale Indifferenz, eine Ökonomie des Ausschlusses oder eine Wegwerfkultur.
  • 8. Alle tragen eine gemeinsame Verantwortung und müssen gemäß ihrer Möglichkeiten an der Begrenzung des Klimawandels mitarbeiten.
  • 9. Die Staaten müssen sich daran beteiligen durch Maßnahmen der Treibhausgasminderung und der Anpassung an die Folgen des Klimawandels sowie durch das Teilen von Technologien und Wissen.
  • 10. Beide Ziele, die Bekämpfung der Armut und des Klimawandels, müssen miteinander verbunden bleiben.
  • 11. Über die Reduktion der Emission von Treibhausgasen zu reden genügt nicht. Es geht um den Wandel unserer Lebensstile, der gegenwärtigen dominanten Modelle des Konsums und der Produktion.
  • 12. Der ethische Imperativ zu kollektivem Handeln muss inspiriert sein durch die Prinzipien der Solidarität und der Respektierung der Würde jeder menschlichen Person und der Gemeingüter.

Von Professor Dr. Josef Sayer

Quelle: DRS.GLOBAL – Aus der weltkirchlichen Arbeit der Diözese Rottenburg-Stuttgart 1/2015 . Mit freundlichem Dank für die Genehmigung.

Zur Person

Josef Sayer war von 1997 bis 2012 Hauptgeschäftsführer und Vorstandsvorsitzender des Bischöflichen Hilfswerks Misereor in Aachen.

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