Welches christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt?

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  • Kongress „MissionRespekt“

Ein ökumenisches Großereignis fand am 27. und 28.08. in Berlin statt: der internationale Kongress „MissionRespekt – Christliches Zeugnis in einer multireligiösen Welt“. Was bedeutet Mission heute? Wie können Christen und Christinnen in einer multireligiösen Gesellschaft ihren Glauben bekennen? Welche Grenzen sind dabei zu beachten? Diese und ähnliche Fragen waren leitend für den Kongress.

Mit Blick auf die 20 Trägerorganisationen sowie der 250 Teilnehmer und Teilnehmerinnen in einer für Deutschland erstmaligen Kooperation von Kirchen und Missionswerken aus römisch-katholischer, landeskirchlicher und sogar evangelikaler Tradition meinte Prälat Dr. Klaus Krämer von Missio Aachen in seiner Begrüßung anerkennend: „Hier ist ein ökumenisches Spektrum versammelt, das vermutlich in dieser Breite noch nicht in Deutschland zusammen gekommen ist.“

‚Mutig zum eigenen Glauben stehen‘

Ökumenischer Kongress diskutiert gemeinsames Missionsverständnis

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Programmatische Grundlage des Kongresses war das Dokument aus dem Jahr 2011 „Christliches Zeugnis in einer multireligiösen Welt“. In einer kirchenhistorisch einmaligen Konstellation hatten der Päpstliche Rat für den Interreligiösen Dialog, der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) und die Weltweite Evangelische Allianz (WEA) das Papier erstellt. Entstehungsgrund war das „Bewusstsein der Spannungen zwischen Einzelnen und Gruppen mit unterschiedlichen religiösen Überzeugungen und der vielfältigen Interpretationen des christlichen Zeugnisses“, wie in der Präambel freimütig festgestellt wird. Dahinter steckt auch die Erfahrung, dass in manchen Teilen der Welt Christen verschiedener Denominationen versuchen, andere Christen abzuwerben und für sich zu gewinnen.

An der Basis kaum bekannt

Das Dokument „Christliches Zeugnis in einer multireligiösen Welt“ ist als ein erstes, bewusst knapp gehaltenes Ergebnis des fünfjährigen Prozesses von Kompromissen und Konsultationen einzuordnen. Endlich wird der Andere nicht mehr defizitär gesehen. Endlich sind Brücken gebaut worden.

So weitreichend diese Konsensbildung sicherlich auch sein mag, so wenig ist sie offenbar bisher rezipiert worden. Gespräche mit anderen deutschen Delegierten jedenfalls zeigten, dass das Papier an der kirchlichen Basis kaum bekannt ist. Vielleicht ist ja in Deutschland das Hauptproblem weniger das Neben- oder bisweilen sicherlich auch Gegeneinander von Kirchen als vielmehr die gemeinsame Herausforderung der zunehmenden religiösen Gleichgültigkeit in der säkularen Gesellschaft.

Ulrich Jost-Blome aus dem Bistum Münster auf der Jahrestagung Weltkirche und Mission 2014 Przybylski / weltkirche.katholisch.de

Sehr viel anders die Probleme etwa in Indien oder in den Niederlanden oder in Brasilien. Eindrucksvoll und zum Teil auch aufgewühlt berichteten Christen und Christinnen aus diesen Ländern von den dortigen Herausforderungen an die traditionellen Kirchen. Appelle zur Wahrung der Religionsfreiheit und zum Schutz verfolgter Minderheiten waren in vielen Beiträgen zu hören. Dabei wurde insbesondere erinnert an die Verfolgung von Christen im Irak und Syrien.

Fortsetzung folgt

In 14 Workshops diskutierten die Teilnehmer und Teilnehmerinnen zu unterschiedlichen Aspekten des Themas Mission. Das Verhältnis „Mission und Entwicklung“ wurde in einer dieser Arbeitsgruppen ausgelotet. „Man muss in der Entwicklungszusammenarbeit auch klar machen, was einen motiviert“, so brachte ein Teilnehmer die Verbindung auf den Punkt. Zu den offenen Diskussionsbeiträgen gehörte die kritische Frage, inwieweit sowohl die Mission als auch die Entwicklungsmaßnahmen Abhängigkeiten geschaffen haben, die bis heute nicht ausgeräumt sind.

Am Ende der Tagung waren sich alle einig: Der Rezeptionsprozess soll weiter fortgesetzt werden. Zu den nächsten Schritten gehört zum einen die Dokumentation des Kongresses, zum anderen das Verfassen von Impulsen und Praxishilfen für Gruppen, Gemeinschaften und Kirchen. Zudem werden die nächsten Kirchen- oder Katholikentage als geeignete Foren gesehen, die Zusammenarbeit fortzusetzen.

Von Ulrich Jost-Blome,
Leiter der Fachstelle Weltkirche im Bischöflichen Generalvikariat Münster

© Bistum Münster

Vier Fakten zum Dokument

1. Was ist der Inhalt des Dokuments?

Für die Schreiber des Dokuments steht fest: „Jesus Christus ist der Zeuge schlechthin“. Insofern meint christliches Zeugnis Teilhabe an dessen Zeugnis. Mission müsse folglich immer von Nächstenliebe, dem obersten Gebot Jesu, geprägt sein.

2. Wie ist das Dokument entstanden?

Zunehmende interreligiöse Spannungen gaben den Anlass, Verhaltensrichtlinien für Christen in der multireligiösen Welt bereitzustellen. Auf drei Tagungen, die in der Zeit zwischen 2006 und 2011 stattfanden, wurde das Papier erarbeitet. Die Empfehlungen sind so formuliert, dass sie weltweit auf die jeweiligen gesellschaftlichen Anforderungen anwendbar sind.

3. Von wem stammt das Dokument?

Die Initiative kam vom Päpstlichen Rat für Interreligiösen Dialog und dem Programm für interreligiösen Dialog und interreligiöse Zusammenarbeit des Ökumenischen Rates der Kirchen. Die Weltweite Evangelische Allianz folgte der Einladung, sich an dem Arbeitsprozess zu beteiligen.

4. An wen richtet sich das Papier?

Das Papier richtet sich an kirchliche Gemeinschaften. An sie ergeht die Aufgabe, das Dokument zu studieren und eigene Verhaltensrichtlinien für Zeugnis und Mission zu erarbeiten, die ihrer konkreten Situation entsprechen. Dadurch sollen Christen ermutigt werden, ihren Glauben zu stärken und gleichzeitig ihr Verständnis für andere Religionen zu erweitern. (tlp)

zum Dokument „Das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt“