Plädoyer für aufrichtige Gastfreundschaft

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  • Eichstätt/Genf

Mehr als 60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht und suchen Heimat in anderen Ländern. Doch wie soll man diesen Menschen, die für ihren Weg oft viel auf sich genommen haben, begegnen? Dieser Frage ist nun eine Tagung des Eichstätter Landratsamts unter dem Motto „Flucht, Migration und Tourismus. Brauchen wir eine neue Gastfreundschaftskultur?“ nachgegangen. Gastredner war der Eichstätter Theologe Lothar Wehr. Und der verwies bei diesem Thema vor allem auf einen Grundgedanken des Christentums.

Zentraler Bestandteil der christlichen Botschaft ist nach seinen Worten die Gastfreundschaft. Im Wirken Jesu Christi habe die Forderung, Fremde und Flüchtlinge bei sich aufzunehmen, außerordentliches Gewicht, sagte der Neutestamentler, der an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) lehrt. „Wenn man es nicht tut, stellt man sich gegen Christus und letztlich gegen Gott.“ Dementsprechend sei in den frühen christlichen Gemeinden die Pflicht zur Gastfreundschaft fest verankert gewesen.

Jesus lenke die Aufmerksamkeit grundsätzlich auf die Notleidenden und Benachteiligten, unterstrich Wehr. Indem er etwa gemeinsam mit Zöllnern und Sündern Mahl halte, erkläre er sie für rein. Gastfreundschaft sei für den Sohn Gottes ein „wichtiges Zeichen der Heilsbotschaft“. Im Neuen Testament gelte sie für alle Menschen und werde mit dem Liebesgebot begründet. Auf „kurzfristige und spontane Hilfe“ dürfe sich Gastfreundschaft aber nicht beschränken, betonte Wehr mit Blick auf die gegenwärtigen Flüchtlingsbewegungen. Stattdessen müsse man den Flüchtlingen dauerhaft beistehen, um ihnen eine Perspektive für die Zukunft zu eröffnen.

(v. l. n.r.) Prof. Dr. Renate Oxenknecht-Witzsch, Dekanin der Fakultär für Soziale Arbeit an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, Kardinal Jaime Ortega y Alamino, Erzbischof von Havanna/Kuba, und Bischof Dr. Gregor Maria Hanke OSB pde/Bahmann

„Gemeinsame Wurzel“ von Flucht und Tourismus

An der Tagung im Eichstätter Landratsamt nahmen rund 100 Fachleute teil. Konferenzleiter Harald Pechlaner vom Touristik-Lehrstuhl an der KU sagte, Flucht und Tourismus hätten eine „gemeinsame Wurzel“. Kommerzielle Gastfreundschaft werde als unecht empfunden, wenn sie nicht an Werte gebunden sei. Werte wiederum kämen auch im Umgang einer Gesellschaft mit Migranten und Flüchtlingen zum Ausdruck.

Zu Beginn der Konferenz hatte der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke auf die vielfältigen Aktivitäten in seiner Diözese für Flüchtlinge verwiesen. Das Bistum stellt unter anderem seit September 2014 eine ehemalige Schule in Eichstätt als Unterkunft für Asylbewerber zur Verfügung. Miete wird nicht erhoben. In dem Gebäude wohnen gegenwärtig rund 200 Personen. Hanke verwies auf die Ordensregel des heiligen Benedikt von Nursia, in der auch die Gastfreundschaft betont wird. Der Eichstätter Bischof gehört selbst dem Benediktinerorden an.

Vatikan fordert besseren Umgang mit Flüchtlingen

Doch nicht nur in Eichstätt war der richtige Umgang mit Flüchtlingen ein Thema, sondern auch in Genf beim Ständigen Ausschuss der UN-Flüchtlingskommission (UNHCR). Dort sprach als Vertreter des Vatikan der italienische Erzbischof Silvano Tomasi. Er beklagte eine „irrationale Feindseligkeit“ im Umgang mit Flüchtlingen. Manche betrachteten Flüchtlinge so, als seien „die Opfer von Gewalt und Missbrauch und Menschenrechtsverletzungen selbst schuld an ihrer Lage“, so Tomasi. Nötig seien „außerordentliche Solidarität“, eine großzügigere Wiederansiedlung von Flüchtlingen und eine bessere Aufteilung der Verantwortung.

Eine ausschließlich sicherheitsorientierte Flüchtlingspolitik übersehe, dass Asylsuchende Opfer von Tragödien seien und die Frage des Gemeinwohls über die Grenzen eines einzelnen Staates hinausreiche, so der Vatikandiplomat. Schuld an der derzeitigen Situation ist nach Angaben des Vatikanvertreters auch der mangelnde politische Wille der Weltgemeinschaft, die Ursachen von Flucht und Vertreibung zu bekämpfen.

Bei der Vergabe internationaler Entwicklungshilfen müssten Aufnahmeländer von Flüchtlingen besonders bedacht werden, forderte er weiter. Es gelte eine Destabilisierung der betreffenden Staaten und damit weitere Vertreibungen zu verhindern. Tomasi wies außerdem darauf hin, dass immer mehr Flüchtlinge keinen internationalen Schutz genössen. Er bezog sich damit vor allem auf jene Menschen, die aufgrund der Folgen von Umweltschäden und Klimawandel ihre Heimat verließen. (som/KNA)

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