Kirche und Diktatur in Brasilien

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In Brasilien untersucht eine an die staatliche Wahrheitskommission angegliederte Arbeitsgruppe die Rolle der christlichen Kirchen während der Diktaturzeit (1964–1985). "Wir kennen die Helden der Kirchen im Widerstand, allen voran Dom Evaristo Arns", erinnerte das Kommissionsmitglied Paulo Sergio Pinheiro im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) an die Rolle des ehemaligen Bischofs von São Paulo.

"Aber wir wissen auch, dass Teile der katholischen Kirche den Militärputsch von 1964 unterstützten." Nun gehe es darum, die Fülle von Archivmaterial über die Rolle der christlichen Kirchen zu systematisieren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Die Kirche und der Militärputsch

Die Arbeitsgruppe wurde auf Drängen der Zivilgesellschaft eingerichtet, die bei öffentlichen Anhörungen der Kommission eine Untersuchung der Rolle der Kirchen wünschte. "Wir wollen zum einen wissen, welchen Anteil die Kirchen an der Vorbereitung des Militärputsches von 1964 und an der Legitimierung der Diktatur hatten und wo sie kollaboriert haben", so Anivaldo Pereira Padilha, Mitglied der Gruppe und selbst Folteropfer der Diktatur. "Und wir wollen wissen, welche Sektoren der Kirchen der Diktatur widerstanden haben."

Zur Aufarbeitung wird die Wahrheitskommission auch Zugang zu den Archiven des Vatikan in Rom beantragen. "Dort gibt es leider eine Sperrfrist von 100 Jahren", so Pinheiro, der die Arbeitsgruppe über die Rolle der Kirchen leitet. "Trotzdem werden wir einen Antrag stellen, um zu sehen, ob es eine Ausnahmeregelung gibt."

Neuer Fokus

Pinheiro glaubt nicht, wie oft behauptet, dass die Militärs längst sämtliche belastenden Archive vernichtet haben. "Wer das glaubt, glaubt auch an den Weihnachtsmann." Die Kommission habe Zugang zu zahlreichen privaten sowie öffentlichen Kirchenarchiven, die neben den Informationen aus den Militärarchiven Aufschluss über die Vergangenheit geben könnten. Dazu zählt auch der Schriftverkehr zwischen dem Außenministerium und dem Vatikan sowie die Archive des Befreiungstheologen und Menschenrechtlers Dom Helder Camara.

Das Thema der Kirchenbeteiligung auf Seiten der Militärs ist neu in Brasilien. Bislang war der Fokus stets auf die Rolle der Streitkräfte eingeengt. Padilha selbst war Ende der 60er Jahre in der Methodistenkirche aktiv, deren Bischof ihn bei den Militärs denunzierte. Es folgte ein Monat Folter in den Kerkern der Diktatur und 13 Jahre Auslandsexil. Sein Fall soll als einer der ersten untersucht werden.

Ein Schuldeingeständnis wird erwartet

"Eine Wahrheitskommission muss auch das Handeln nichtstaatlicher gesellschaftlicher Institutionen untersuchen", meint Jorge Atilio Iulianelli, Professor für Theologie und Soziologie sowie Mitglied der Arbeitsgruppe. "Leider haben die Kirchen dazu beigetragen, dass viele Menschenrechtsverstöße geschehen konnten." Die Gesellschaft müsse diesen Teil der Geschichte erfahren. Iulianelli erwartet daher von den Kirchen ein Mea Culpa, damit man mit "sauberem Gesicht" in die Zukunft gehen könne.

Der Putsch von 1964 sei nicht einfach ein Militärputsch gewesen, ist Kommissionsmitglied Jose Carlos Dias überzeugt – sondern vielmehr "ein ziviler und militärischer Putsch zugleich". Die Kirchen haben diesen Putsch damals "voll unterstützt" so Dias, der in der Diktaturzeit zahlreiche Oppositionelle verteidigte.

400 Personen sind noch immer vermisst

Eine wichtige Aufgabe der Arbeitsgruppe soll zudem sein, die Beweggründe Oppositioneller für den Widerstand zu beleuchten, darunter auch religiöse Überzeugungen. Vor den Mitgliedern der Arbeitsgruppe liegt eine Mammutaufgabe. Nur bis 14. Mai 2014 hat die Wahrheitskommission Zeit, ihren Abschlussbericht an Staatspräsidentin Dilma Rousseff zu überreichen.

Nach Angaben der Wahrheitskommission gelten 400 Personen immer noch als vermisst; weitere 170 Fälle untersuche man derzeit. Über die Zahl gefolterter oder getöteter Personen könne man keine Angaben machen, so Pinheiro. Offiziell hat die Kommission Menschenrechtsvergehen im Zeitraum von 1946 bis 1988 zu untersuchen, also weit über die Diktaturzeit hinaus. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf den Jahren der Militärherrschaft.

Von Thomas Milz (KNA)

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