Der Pfarrer für die Welt

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  • 100 Tage Papst Franziskus

Als kognitive Dissonanz bezeichnen Psychologen die Angst, die hervorgerufen wird, wenn konkrete Erfahrung und Modellvorstellung von der Welt miteinander in Konflikt geraten. Entweder müssen die Fakten neu gedeutet werden, um sich an das Modell anzupassen, oder das Modell muss den Weg im Licht der Tatsachen frei geben, weil Menschen einfach nicht sehr lange in einem Zustand ständiger Spannung leben können.

In der Tat, an eben dieser Kreuzung steht die katholische Welt nach den ersten 100 Tagen des Pontifikats von Papst Franziskus.

Nach traditionellen Standards ist es an der Vatikanischen Front ziemlich ruhig geblieben. Bis heute hat Franziskus nur einen wirklich mutigen politischen Schritt angekündigt – die Mitte April bekanntgegebene Ernennung von einer Gruppe von acht Kardinälen aus der ganzen Welt, die als sein Küchenkabinett fungieren soll. Die erste Sitzung findet jedoch nicht vor Oktober statt, und noch ist unklar, was es zu tun hat.

Auf der anderen Seite hat Franziskus bis zu diesem Artikel 48 neue Bischöfe und eine Handvoll von zweitrangigen Vatikan-Beamten ernannt. Die meisten dieser Entscheidungen waren bereits vor seiner Wahl in Arbeit. Er hat ein paar Heiligsprechungsfälle genehmigt, einige neue Diözesen errichtet und einige Staatschefs getroffen, also keineswegs eine Abkehr vom business-as-usual vorgenommen. Er hat weder bedeutsame Lehr-Dokumente verfasst, noch substantielle Schritte in Richtung der viel diskutierten Reform der Römischen Kurie unternommen.

Da also wenig Substantielles erarbeitet wurde, gibt es auch nur wenige Kontroversen. Selbst die Erklärung vom 15. April, dass Franziskus eine gegen die Konferenz der Ordensoberinnen vom Vatikan veranlasste Maßnahme in den Vereinigten Staaten bestätigt habe, hat die Gewässer nicht wirklich in Aufruhr versetzt, außer in den engen Kreisen von Aktivisten, und die häufigste Reaktion lautete: „Lasst uns abwarten und sehen.“

Franziskus I. - Jorge Mario Bergoglio ist ein Anwalt der Armen KNA

Im Moment ist Franziskus dabei, sich auf die Reise Ende Juli nach Rio de Janeiro zum Weltjugendtag vorzubereiten, und danach geht der Vatikan in die Sommerpause. Wahrscheinlich werden frühestens im September irgendwelche signifikanten Entscheidungen veröffentlicht, wie die Ernennung eines neuen Staatssekretärs.

Nach üblichen Maßstäben würde man also sagen, dass Franziskus bisher nur gebrutzelt, aber kein Steak gebraten hat. Doch an der Basis gibt es ein spürbares Gefühl dafür, dass eine Art Erdbeben im Gange ist.

Die Menschenmengen, die zu Franziskus kommen, waren enorm und zwingen die Polizei dazu, die Gegend rund um den Petersplatz für den Verkehr zu sperren, als ob Mutter Teresa oder Padre Pio heilig gesprochen würden. Verkäufer in Rom berichten von einem Boom beim Verkauf von päpstlichen Utensilien. Das ist stets ein zuverlässiger Indikator für populäre Begeisterung.

Überall auf der Welt berichten Anekdoten davon, dass Messbesuche und Beichtwünsche zugenommen haben, was man einem „Franziskus-Effekt“ zuschreibt. Umfragen, wie jene von Mitte April in den Vereinigten Staaten durch das Pew Forum, zeigen überwältigende Umfragewerte und die globalen Medien sind weit über die übliche Schonfrist hinaus fasziniert. Alle Indikatoren deuten darauf hin, dass die Reise nach Rio die größte katholische Frei-Luft-Party des frühen 21. Jahrhunderts werden könnte.

Mit anderen Worten, Vatikanologie und vox populi sind uneins.

Vielleicht ist der Schlüssel zur Lösung dieses Konflikts hier zu finden: Franziskus scheint entschlossen, als Pastor zu fungieren, diese Funktion zumindest eben so stark zu machen wie seine Primats- oder Politiker-Rolle. Man darf also nicht das Modell eines Hauptgeschäftsführers zum Maßstab nehmen. Vielmehr muss man es sich auf die Weise vorstellen, wie Katholiken über einen Pfarrer geneigt sind zu denken. Die wichtigste Frage ist in der Regel nicht, was dessen politischen Ansichten sind, sondern ob er inspirieren kann.

Vielleicht erteilen die ersten 100 Tage des Franziskus diese grundlegende Lektion: Wenn es um spirituelle Führung geht, ist der Stil oft auch schon Substanz.

Bischof Jorge Eduardo Lozano von Gualeguaychú, Argentinien, sagt, es sei ein Fehler, darauf zu warten, dass der echte Papst erst langsam aus den symbolischen ersten Tagen hervorgehen würde. Vielmehr seien diese symbolischen Gesten bereits der eigentliche Papst, behauptet Lozano, ein enger Freund des ehemaligen Kardinals Jorge Mario Bergoglio, der unter ihm sechs Jahre lang als Weihbischof in Buenos Aires gearbeitet hat.

„Seine Gesten sind der Ausdruck seines Lehramts“, sagte Lozano Mitte April.

„Er sendet eine Nachricht an andere Kardinäle, Bischöfe und Priester, dass es das sei, was wir tun müssen, um die Menschen zu erreichen, und nicht darauf zu warten, bis sie zu uns zu kommen“, sagte Lozano. „Und überhaupt: Er sendet eben diese Botschaft an alle Katholiken überall.“

Diese Botschaft lässt sich auf folgende vier entscheidenden Merkmale des Führungsstils von Franziskus konzentrieren: Einfachheit, Demut, weitgehend unpolitisch zu bleiben und bemerkenswert zugänglich für die einfachen Leute zu sein.

Einfachheit

Vor seiner Wahl war eines der wenigen Dinge, die die Welt wirklich über Bergoglio wusste, seine Vorliebe für Einfachheit. Hier war ein Fürst der Kirche, der mit der U-Bahn zur Arbeit fuhr, statt mit Auto und Fahrer, und der in einer bescheidenen Wohnung lebte, statt im opulenten erzbischöflichen Palast.

(Sein Quartier in Buenos Aires war so spartanisch, dass er an Wochenenden im Winter mit einem Ofen heizen musste, weil das Management die Heizung abschaltete.)

Franziskus hat diesen Ansatz in die Ausübung des Papstamtes eingeführt. Er geht auf vatikanischem Boden oft zu Fuß statt sich von einem Ort zum andern in der Papstlimousine zu bewegen, im üblichen schwarzen Mercedes mit dem „SCV-1“-Nummernschild; und er wohnt in einer bescheidenen Suite im Haus Sanctae Marthae statt in der höhlenartigen päpstlichen Wohnung.

Einfachheit des Lebens konnotiert oft eine besondere Sorge um Armut und die Armen, und das ist eindeutig ein Eckpfeiler der Agenda von Franziskus. Während der Begegnung am 16. März mit Journalisten, die in Rom das Konklave beobachtet hatten, drückte Franziskus seine Sehnsucht nach einer „armen Kirche für die Armen“ aus.

Franziskus hat diesen Geist der Solidarität auch auf die Ebene der Politik gehoben. Zum Beispiel hat er am 16. Mai, als er die Akkreditierungen von vier Botschaftern beim Heiligen Stuhl entgegen nahm, die Warnung ausgesprochen: „Während das Einkommen einer Minderheit exponentiell ansteigt, vermindert sich das Einkommen der Mehrheit.“

Das Kommunikationspersonal des Vatikans erzählte Reportern, dass Franziskus sie vor der Rede angerufen und aufgefordert habe, diese Rede zu beachten. Das zeige, dass dem Papst besonders wichtig war, was er zu sagen beabsichtigte.

„Dieses Ungleichgewicht entspringt Ideologien, die die absolute Autonomie der Märkte und der Finanzspekulation unterstützen und so den Staaten das Recht der Kontrolle verweigern, obwohl diese doch die Aufgabe haben, für das Gemeinwohl zu sorgen“, sagte der Papst. „Es wird eine neue unsichtbare, zuweilen virtuelle Tyrannei geschaffen, die einseitig und ohne mögliche Abhilfe ihre Gesetze und Regeln oktroyiert.“

Eine Woche später besuchte Franziskus eine Vatikanische Suppenküche, die von den Missionarinnen der Nächstenliebe geführt wird, und sprach sich gegen das aus, was er als „wilden Kapitalismus“ bezeichnete: „Ein zügelloser Kapitalismus hat die Logik des Profits um jeden Preis gelehrt, des Gebens, um eine Gegenleistung zu erhalten, der Ausbeutung ohne Rücksicht auf die Menschen … und die Konsequenzen sehen wir in der Krise, die wir erleben.“

Als Nachweis dafür, dass die Menschen diese Nachrichten zur Kenntnis nehmen, fühlte sich das illustre Wirtschaftsmagazin Forbes in einem Mitte Mai veröffentlichten Editorial dazu gedrängt, den Papst zu ermahnen: „Profit vermehrt nicht die Armut“, behauptete die Redaktion, sondern „der Gewinn überwindet die Armut.“

Natürlich gehören leidenschaftliche Appelle zugunsten der Armen seit langem zur päpstlichen Rhetorik. Franziskus’ Appelle scheinen jedoch dadurch besonders gekennzeichnet, dass man sie durch sein persönliches Engagement beglaubigt sieht.

Einfachheit scheint auch durch, wenn Franziskus eher auf Gesten vertraut statt auf ausgetüftelte Verlautbarungen zurückzugreifen, um seinen Standpunkt zu vermitteln. Statt eine Predigt über den Dienst des Priestertums zu halten, besuchte er zum Beispiel für die Gründonnerstags-Messe die Casa del Marmo, das Jugendgefängnis im Nordwesten Roms, und wusch 12 Insassen die Füße, darunter zwei jungen Frauen und zwei Muslimen.

Die Einbeziehung von Frauen bedeutete technisch eine Verletzung des Edikts der vatikani-schen Kongregation für den Gottesdienst und die Ordnung der Sakramente aus dem Jahre 1988, das daran festhielt, dass an diesem Ritus nur Männer teilnehmen sollten, weil der Ritus nachvollziehe, dass Jesus seinen Aposteln die Füße gewaschen habe. Es ist bezeichnend, dass Jesuitenpater Federico Lombardi, der Vatikan-Sprecher, die Entscheidung gerade mit dem Hinweis auf Einfachheit rechtfertigte.

„Diese Gemeinde versteht einfache und wesentliche Dinge, sie waren keine Liturgie-Gelehrten“, sagte Lombardi damals. „Die Fußwaschung war wichtig, um Gottes Geist des Dienens und der Liebe gegenwärtig zu machen.“

Demut

Wenn Katholiken über die Tugenden befragt würden, die sie mit dem Jesuitenorden assoziieren, würden sie wohl viele bewundernswerte Qualitäten aufzählen – Brillanz, Leidenschaft, die Fähigkeit, über den Tellerrand hinaus zu denken, das Motiv, an die missionarischen Grenzen zu gehen, und so weiter. Traditionell wird aber vielleicht „Demut“ nicht auf der Top-Liste stehen, die weitgehend auf persönlichen Erfahrungen mit Jesuiten beruht, die oft ein ziemlich starkes Gefühl für die eigenen Fähigkeiten entwickelt haben.

Ironischerweise ist es der erste Jesuiten-Papst, der die Demut als Definitions-Eigenschaft für kirchliche Führung hervorzuheben scheint.

In seinem Debüt auf der Weltbühne am Abend des 13. März bat Franziskus demütig die auf dem Petersplatz versammelten Menschen um ihren Segen und verbeugte sich, ihn zu empfangen, bevor er selbst etwas sagte. Das war ein Hinweis auf die Dinge, die danach kommen sollten.

In großen und kleinen Zeichen hat Franziskus viele der üblichen Modi zurückgewiesen, durch die Päpste sich von den „hoi polloi“ (den Vielen) unterscheiden. Er telefoniert selbst, in der Regel beginnen Gespräche einfach mit den Worten: „Hier ist Jorge.“ Der soeben gewählte Papst rief z. B. in Buenos Aires an, um sein Zeitungs-Abonnement zu kündigen und Vereinbarungen mit seinem Schuster für ein neues Paar Schuhe zu treffen.

Papst Franziskus nach dem Angelusgebet am 17. März 2013. KNA

Wie in Buenos Aires hat Franziskus keinen Priesterlichen Sekretär zu seinem wichtigsten Helfer berufen. Das bedeutet, es gibt keinen Stanislaw Dziwisz oder Georg Gänswein für dieses Pontifikat – die Sekretäre von Johannes Paul II. bzw. von Benedikt XVI, die als Türhüter und Dolmetscher fungierten, und die gelegentlich fast als stellvertretende Päpste angesehen wurden.

Zum Teil ist dies das Spiegelbild von Franziskus’ eigenem Management-Stil, aber es ist auch ein Ausdruck von Demut, sich für eigene Routinearbeiten nicht zu schade zu sein.

Wann immer Franziskus jetzt eine Gruppe im Vatikan trifft, sitzt er in der Regel nicht auf dem päpstlichen Thron und wartet, bis die VIPs zu ihm kommen. Stattdessen kommt er von der Empore herunter, um den Besuchern auf Augenhöhe zu begegnen, und begrüßt sie als Gleichrangige. Wie der langjährige Vatikan-Korrespondent Andrea Tornielli kürzlich bemerkte, hat diese bescheidene Geste mehr als ein paar alte Hasen dazu veranlasst, „die Nase zu rümpfen“.

Demut ist auch zum Merkmal für die Definition des Pontifikats in theologischer und ekklesiologischer Hinsicht geworden. Zum Beispiel verstehen die meisten Beobachter seine Entscheidung, eine Kardinalsgruppe zusammenzustellen, die ihm helfen soll zu regieren, als ein Engagement für eine kollegiale und kooperative Art und Weise der Autoritäts-Ausübung.

Dieser Ansatz schmeckt natürlich nicht jedermann. Der italienische Liturgie-Schriftsteller Mattia Rossi hat gesagt, dass dies ein Schritt zur „Demolierung des Papsttums“ darstelle, weil damit die Vorstellung von einer durch Gott eingesetzten Autorität durch ein verschwommenes Konzept von Kollegialität ersetzt werde – und damit nach Rossi das Papstamt vom Ersten über den Gleichen zum Ersten unter Gleichen umgewandelt werde. (Rossi hat spöttisch gefragt, ob die Kardinäle, die angeblich die Kurie zu reformieren hätten, noch ihre Toiletten finden könnten.)

In eine ähnliche Richtung zielt, wenn Franziskus sich selbst nicht als „Papst“, sondern als „Bischof von Rom“ bezeichnet. Die meisten verstehen das so, dass sich darin eine weniger imperiale Konzeption des Papsttums spiegelt, eine, die dessen historischen Wurzeln mehr entspricht.

Einige ökumenische Experten glauben, dass Franziskus’ Demut den Weg für Fortschritte zu größerer Einheit der Christen ebnen könne, da die Ressentiments gegenüber päpstlicher Arroganz schon lange als Stein des Anstoßes wahrgenommen wurden.

„In der Feudalzeit haben wir das Verständnis entwickelt, die Bischöfe seien Fürsten“, sagte Kapuzinerpater William Henn, ein langjähriger Ökumeniker, der an Roms Universität Gregoriana lehrt. „Mit Franziskus, glaube ich, können andere Christen das Bischofsamt klarer als Dienstleistung für die Gemeinschaft verstehen und offener dafür werden.“

Abstand zur Politik

So sehr religiöse Führer sich auch mühen, politischen Aktivismus zu meiden, fällt es doch oft schwer, sich aus dem politischen Kampf herauszuhalten. Das gilt besonders für Päpste, seit die katholische Kirche über einen bedeutsamen Corpus von Soziallehre mit politischen Konsequenzen verfügt.

Schon jetzt hat Franziskus viele Dinge mit offensichtlich politischer Relevanz gesagt. Abgesehen von seinen Kommentaren zur Wirtschaft, hat er auch über den Schutz der Umwelt gesprochen, den Krieg als „Selbstmord der Menschheit“ bezeichnet, und in seiner Ansprache beim Marsch für das Leben am 12. Mai in Rom gesagt, dass für jedes menschliche Leben Rechtsschutz gewährleistet werden muss „vom ersten Augenblick seiner Existenz an.“

Mit anderen Worten, es gibt keinen Hinweis darauf, dass Franziskus die Kirche von ihren traditionellen politischen Positionen entfernen will. Dennoch glauben die meisten Beobachter, dass er kein Papst sei, der morgens beim Aufstehen aus dem Bett bereits über Politik nachdenkt. Die ersten 100 Tage scheinen diese Ahnung zu bestätigen.

Weder vom Papst noch von seinen obersten vatikanischen Gehilfen war ein Kommentar zu hören, als am 10. April in Uruguay darüber abgestimmt wurde, die gleichgeschlechtliche Ehe zu legalisieren, obwohl Uruguay an Argentinien, das Heimatland des Papstes, grenzt. Uruguay wurde damit die dritte Nation in Lateinamerika, die nach Brasilien und Argentinien die gleichgeschlechtliche Ehe akzeptierte, und viele Analysten deuteten diesen Schritt als Wendepunkt, dass der Rest des Kontinents schließlich nachziehen werde.

Dieser Prozess enthielt scheinbar eine nachdrückliche Aufforderung für den ersten lateinamerikanischen Papst in der Geschichte, dazu Stellung zu nehmen, doch Franziskus biss nicht an.

Wieder einmal hat das mit seiner Vorgeschichte zu tun. Diejenigen, die mit Bergoglio in Argentinien zusammengearbeitet haben, sagen, dass er im Allgemeinen bevorzuge, sich aus politischen Rangeleien herauszuhalten und eher hinter den Kulissen zu wirken. Das einzige Mal, dass er sich in den Kampf wagte, war im Vorfeld der Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe im Jahr 2010. Beobachter sagen, das hatte vor allem damit zu tun, dass er Vorsitzender der Bischofskonferenz war und sich gezwungen fühlte, die harte Linie der Mehrheit zu vertreten.

Vor allem in Italien, wo die Menschen es gewohnt sind, Prälaten als politische Schwergewichte zu betrachten, hat die Änderung im Ton hochgezogene Augenbrauen provoziert.

Nach einer Ansprache von Franziskus an die Italienische Bischofskonferenz am 23. Mai deutete Tornielli die Veranstaltung als das „Ende einer Ära.“ In der 12-minütigen-Ansprache (nebenbei gesagt: die nach dem Protokoll kürzeste Rede dieser Art), hat sich Franziskus nie auf Politik oder auf irgendein Anliegen vor dem italienischen Parlament bezogen. Das ist jedoch üblicherweise der Kernbestand solcher Sitzungen.

Der Argentinier Jorge Mario Bergoglio wurde in seiner Heimat als „Kardinal der Armen“ bekannt. KNA

Tornielli schrieb, dass die Veranstaltung eine „kopernikanische Wende“ in Gang brachte, weg von der Vorstellung der Kirche als einer Maklerin in politischen Machtfragen und zurück zu den pastoral entscheidenden Problemen.

Ein bemerkenswertes Signal kam, als Franziskus den Bischöfen sagte, „der Dialog mit den politischen Institutionen [Italiens] ist eure eigene Sache.“ Das wurde als indirekte Rüge des Staatssekretärs unter Benedikt, Kardinal Tarcisio Bertone, verstanden, der versucht hatte, in der italienischen politischen Szene für den Vatikan einen Sonderplatz einzufordern.

Nach der Sitzung fasste Erzbischof Luigi Negri von Ferrara-Comacchio zusammen, was er mitgenommen hatte. Seine Kommentare sind besonders aufschlussreich, da Negri der Bewegung „Comunione e Liberazione“ (Gemeinschaft und Befreiung) nahe steht, die traditionell als einer der politisch aktivsten Spieler in der italienischen Szene betrachtet wird.

„Ich glaube nicht, dass wir darauf verzichten müssen, das Wort zu ergreifen, wenn bestimmte Werte auf dem Spiele stehen“, sagte Negri, „aber im Lichte des neuen Tons von Franziskus müssen wir die Art ändern, in der wir das tun.“

Negri sagte: „Wir müssen Laien bilden, die die unverhandelbaren Werte verteidigen. Bei allem anderen, was das politische Leben betrifft, wäre es besser für uns Bischöfe, wenn wir uns so weit wie möglich aus der Sache heraushalten. Die Autonomie der Laien muss respektiert werden.“

Der Italienische Soziologe Luca Diotallevi formulierte als Reaktion auf diese Einschätzung:

Franziskus stelle „einen stark innovativen Ansatz in Bezug auf das Modell der Ausübung des bischöflichen Dienstes in den letzten zwei Jahrzehnten dar“, ein Verständnis, das „einen enormen Raum für die Laien wieder eröffnet, selbst die Führung im Schnittfeld zwischen Glauben und Politik zu ergreifen“.

Zugänglichkeit

In den ersten Tagen nach Franziskus’ Wahl machte in Rom der Witz die Runde, dass die einzigen Menschen, die vom neuen Papst nicht begeistert sind, sein Sicherheitspersonal sei, das alles anstelle, einen Papst aufzuhalten, der entschlossen sei, der schützenden Blase zu entkommen, in der sich die großen Führer der Welt normalerweise bewegen.

„Wir hoffen, dass nach diesen ersten Tagen die Dinge wieder ihren normalen Gang nehmen“, sagte einer der Sicherheitsbeamten der italienischen Zeitung La Stampa am 18. März. „Wenn nicht, wird er alle verrückt machen!“

Von all den Bildern seiner ersten Woche im Amt, stammt vielleicht das markanteste von dem Moment, in dem Franziskus am 17. März die kleine Vatikanische Kirche St. Anna aufsucht, um vor seiner ersten Angelus-Ansprache die Sonntagsmesse zu feiern. Vom Augustiner-Orden geleitet, ist St. Anna die Pfarrei, in der die rund 400 Mitarbeiter, die auf Vatikanischem Boden leben, normales Pfarrleben erfahren.

Nach der Messe stand Franziskus außerhalb der Kirche und begrüßte die Menschen, als sie die Kirche verließen, streichelte den Kindern den Kopf und küsste sie, schüttelte Hände und tauschte Umarmungen aus, mit einem kurzen Wort und einem Lächeln für jeden. Solche Szenen spielen sich jeden Sonntag in katholischen Pfarreien in der ganzen Welt ab, aber man sieht selten, dass ein Papst das tut.

Italienische Zeitungen ernannten ihn sofort zum „ Pfarrer für die Welt“.

Dieser Wunsch, sich nicht aus der gewöhnlichen Erfahrung herauszulösen, ist ein Markenzeichen der ersten Tage von Franziskus. Er telefoniert gern, ruft Freunde und Helfer in verschiedenen Teilen der Welt an, um das Klima der Kirche in ihrer jeweiligen Nachbarschaft wahrzunehmen.

Das Engagement, zugänglich zu sein, bedeutet auch locker frei zu sprechen und von Skripten abzuweichen, auch wenn es seine Spin-Doktoren in den Wahnsinn treibt und unter theologischen Puristen Herzklopfen verursacht, die in der Regel ein Pfund Wortschwall lieber haben als eine Unze Ungenauigkeit.

Zu diesem Bild gehört, dass Franziskus den Brauch eingeführt hat, jeden Tag um 7 Uhr morgens in der Domus Sanctae Marthae die Heilige Messe zu feiern statt in einer der Privatkapellen im Apostolischen Palast. Eine Gruppe von etwa 50 Personen nimmt daran teil, Menschen, die sich zufällig an diesem Tag im Hotel aufhalten, zusammen mit geladenen Gäste und Personal des Vatikans.

Wie bei anderen Gelegenheiten verwendet Franziskus auch hier oft eine schlichte Sprache für seine Predigt. Am 10. Mai, zum Beispiel, verglich er allzu mürrische Christen „mit eingelegter Paprika.“ Am 18. Mai sagte er, dass Klatsch in der Kirche wie Honig essen sei – zuerst schmeckt er süß, aber zu viel davon verursacht „Magenschmerzen“.

Weil es sich hier nicht um systematische Abhandlungen handelt, sind diese Predigten offen für sehr unterschiedliche Interpretationen. Manchmal scheinen sie wie ein kirchlicher Rorschach-Test zu funktionieren, indem sie die Agenda wesentlicher Gesichtspunkte enthüllen, mit denen man begierig darauf ist, sich ein Bild vom neuen Papst zu machen.

Liberale, zum Beispiel, sprangen auf die Predigt am 16. April an, die dem 50-Jahr-Gedenken des Zweiten Vatikanischen Konzils gewidmet war und in der Franziskus jene kritisierte, „die die Uhr (der Konzilsreformen) zurückdrehen wollen“. Konservative feiern jedes Mal, wenn er traditionelle Schemata verwendet, wie seine auffallend häufigen Verweise auf den Teufel. Sie begrüßten außerdem freudig die Predigt vom 5. April, in der Franziskus warnte: „Wenn wir anfangen, den Glauben zu verkürzen ... begeben wir uns auf den Pfad, der zum Glaubensabfall führt.“

Die Predigten können auch theologische Verwirrung hervorrufen. Am 22. Mai sagte Franziskus, Gott „hat uns alle erlöst ... nicht nur Katholiken. Alle, auch Atheisten.“ Diese Linie führte zu einer Flut von Schlagzeilen und Blog-Kommentaren darüber, ob der Papst die katholische Lehre über die Grenzen des Heils aufweiche oder nicht. (Für das Protokoll behauptete eine langatmige vatikanische Erklärung, dass er sie nicht aufgeweicht habe.)

Franziskus ist als eine gut vernetzte Figur bekannt, daher wird er auch wachsam sein für das, was sich um ihn herum ereignet. Vermutlich weiß er, dass seine Predigten zu einer täglichen Quelle konkurrierender Ideen geworden sind. Bisher jedoch scheint er entschlossen, sich durch das Risiko von Fehlinterpretationen nicht daran hindern zu lassen, als Pastor aufzutreten.

Im Augenblick scheinen im Vatikan die verschiedenen Sprecher und Beamten in Schlüsselpositionen dazu verurteilt, jeden Morgen aufzuwachen mit der Frage, ob dieser bemerkenswert improvisationsfreudige Papst heute wieder eine andere Augenblicks-Sensation auslösen wird.

Durchsetzungsfähig?

Wenn Franziskus – wie Lozano behauptet – den Versuch unternimmt, eine neue Führungskultur in der Kirche zu prägen, gibt es Hinweise darauf, dass sich dieser Stil durchsetzt?

Im tiefsten Sinne wird es zweifellos einige Zeit dauern, bevor die Antwort eindeutig ausfallen kann. Der katholischen Kirche wird nachgesagt, sie denke in Jahrhunderten, und der Vatikan insbesondere neigt dazu, auf den Druck für rasche Änderungen zu reagieren wie Abstinenzler auf ein Angebot von Scotch mit Soda reagieren – nämlich mit einer Mischung aus Entsetzen und Abscheu.

Hier und jetzt jedoch gibt es zwar kleine, aber vielsagende Anzeichen dafür, dass etwas im Gange sein könnte. Ein aktuelles Schlaglicht aus Rom belegt dies.

Ende April betrat ein älterer italienischer Kardinal ein Restaurant im Viertel Trastevere, das häufig von Vatikanischem Personal, das in der Nähe der Piazza San Calisto arbeitet, aufgesucht wird. Als weit über 80-jähriger sieht der Kardinal in der Regel aus wie ein kirchliches Schwergewicht, trägt Purpur-getrimmte Kleidungsstücke und entsprechend aufwendige Amtsinsignien. An diesem Tag jedoch war er in bescheidener schwarzer klerikaler Kleidung ohne die üblichen Verfeinerungen zu sehen.

Auf die Frage nach seinem Aussehen lieferte der Kardinal eine sprichwörtliche Antwort:

„Unter diesem Papst“, erklärte er, „ist das Einfache der neue Trend!“

Von John L. Allen Jr., National Catholic Reporter-Chefkorrespondent

Original: "Francis at 100 days: ‘the world’s parish priest’" erschienen am 17. Juni 2013 in National Catholic Reporter: http://ncronline.org

Übersetzung ins Deutsche: Norbert Arntz

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