Immer mehr Venezolaner auf dem Weg nach Chile

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  • Peru/Venezuela - 31.10.2018

Immer wieder versuchen Migranten, aus dem krisengeschüttelten Venezuela über den Titicaca-See nach Chile zu kommen. Die Kirche in Peru hat deshalb am Grenzübergang Desaguadero eine neue Niederlassung eröffnet.

In Desaguadero, an der Grenze zwischen Peru und Bolivien, herrscht ein Hupen, Schreien und Kreischen, dass man sein eigenes Wort kaum versteht. Fahrrad-Rikschas transportieren mit Tüten beladene Geschäftsfrauen vom Volk der Aymara über die Grenze. Auf der Brücke über den Fluss, der sich zum Titicaca-See hin öffnet, bieten Händlerinnen Weintrauben aus Peru, Erdnüsse aus Bolivien, Oliven von der peruanischen Küste und Kleidung aus China feil. Ein Stimmengewirr aus Spanisch und Aymara hängt in der Luft.

Die ist auf 4.000 Meter dünn und bitterkalt – trotz sengender Sonne. Inmitten des Gewusels steht ein junger Mann mit blond gefärbten Kräuselhaaren etwas verloren vor dem peruanischen Grenzposten. Wo er herkomme? Ursprünglich aus Venezuela, Caracas, antwortet er. Vom nördlichsten Ende des südamerikanischen Kontinents, der immer warmen Karibik. „Ich möchte nach Chile“, erzählt der 30-jährige Anderson, der in Caracas als Taxifahrer seine Familie nicht mehr ernähren konnte. Seinen Nachnamen möchte er nicht nennen, aus Angst, sich damit die Weiterreise zu verbauen.

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Rund 2,3 Millionen Venezolaner haben bereits ihr kollabierendes Land verlassen; gut eine halbe Million von ihnen ist in Peru gestrandet. Der Andenstaat erteilt schnell Arbeitsgenehmigungen, leidet allerdings ebenfalls unter Wirtschaftsproblemen. Der Mindestlohn liegt bei rund 250 Euro, 70 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung verdingt sich auf dem informellen Arbeitsmarkt. Für venezolanische Zuwanderer ist da nicht mehr viel zu holen.

Auch deshalb findet die Arbeit der Migrantenpastoral der Peruanischen Bischofskonferenz immer mehr Zuspruch. Sogar im abgelegenen Desaguadero hat die Kirche eine Zweigstelle eröffnet. Die 30-jährige Tania Cayo und der 52-jährige Oscar Canales tun hier Dienst.

„Wir helfen Migranten in allen Angelegenheiten“, sagt Büroleiter Canales, „wenn ein Papier für den Grenzübertritt fehlt, wenn dringend Geld gebraucht wird oder auch mit Kontakten in Bolivien und Chile.“ Die Büros der Migrantenpastoral in Peru, Bolivien und Chile sind untereinander gut vernetzt, tauschen Informationen aus über die je neuen Einreisemodalitäten in ihren Ländern.

Für Menschen wie Anderson sind solche Informationen sehr wertvoll. Eigentlich wollte er über den großen Grenzübergang in Arica nach Chile einreisen. Der chilenische Grenzbeamte habe jedoch die Vorlage von 500 US-Dollar Reisegeld verlangt. Die hatte Anderson nicht. Deswegen nahm er den Bus von der Küste hoch an den Titicaca-See, um nun von Bolivien über einen kleinen Grenzübergang nach Chile zu gelangen. „Dort sollen die Grenzbeamten nicht so streng sein“, meint er.

Jeden Tag passieren rund fünf bis zehn Venezolaner die Grenze nach Bolivien, weiß Wilber Velasquez, der den peruanischen Grenzposten in Desaguadero leitet. „Viele merken, dass die Bedingungen in Peru nicht gut sind, und wollen weiter nach Chile reisen.“

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So ging es auch Anderson. Vor eineinhalb Jahren hat er Caracas verlassen, war zuerst ein paar Monate in Kolumbien, zog dann weiter nach Ecuador. Zuletzt verkaufte er auf den Straßen der peruanischen Hauptstadt Lima Spielzeug und Süßigkeiten. „Meine Schwester ist bereits in Chile und hat mir gesagt, ich solle kommen“, berichtet Anderson. Der Lebensstandard in Chile ist einer der höchsten in Südamerika. Bis vor ein paar Jahren gehörte auch Venezuela zu den reichen Ländern des Kontinents. Dies wurde Anderson durch seine Odyssee über halb Südamerika schmerzlich bewusst. „Wir wussten gar nicht, wie gut es uns ging in Venezuela“, sagt er.

Am Abend will Anderson die Grenze nach Bolivien überqueren und mit dem Nachtbus erst nach La Paz, dann nach Oruro und schließlich an die chilenische Grenze fahren. Im Büro der Migranten-Pastoral kann er sein Handy aufladen, seine Plastiktüte mit den Kleidern abstellen. Oscar Canales gibt ihm die Adresse einer Ordensschwester an der chilenischen Grenze. „Sie hat noch alle über die Grenze gebracht“, sagt er – und gibt Anderson damit neue Hoffnung, dass seine Odyssee über den Kontinent bald ein glückliches Ende finden wird.

Von Hildegard Willer (KNA)

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