„Menschen kaufen“ als gesellschaftliche Realität

  • Menschenhandel - 23.10.2018

Was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn sie die Käuflichkeit von Menschen weitgehend als normal akzeptiert? Diese Fragestellung stand im Mittelpunkt der 15. Fachtagung des Aktionsbündnisses gegen Frauenhandel, zu der rund 160 Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach München gekommen sind. Die Fachtagung wurde gemeinsam vom Aktionsbündnis gegen Frauenhandel, der Hanns-Seidel-Stiftung und dem Osteuropa-Hilfswerk Renovabis veranstaltet.

„Frauenhandel und Zwangsprostitution haben ihre Wurzeln in der Bereitschaft, Menschen zu einer Ware zu degradieren“, betonte Professorin Ursula Männle, die Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung, in ihrer Begrüßung. Die Fragestellung der Fachtagung sei deshalb, was mit einer Gesellschaft und ihren Normen und Werten passiere, in der die Käuflichkeit von Menschen weitgehend als „normal“ angesehen werde. Daran anschließend betonte der Renovabis-Geschäftsführer Burkhard Haneke, dass „der Kampf gegen Menschenhandel noch lange nicht zu Ende ist.“ Es sei wichtig, sich auch die gesellschaftlichen Hintergründe, Auswirkungen und Mechanismen anzuschauen, um hier einen Wandel voranzutreiben und die Frage anzugehen: „Was können wir, und was kann jeder einzelne eigentlich dagegen tun?“

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Armut, fehlender Zugang zu Bildungs- und Gesundheitsmaßnahmen, sexuelle Ausbeutung, Diskriminierung – dies gehört in vielen Ländern der Erde zum traurigen Alltag von Frauen, dem vermeintlich „schwachen Geschlecht“. Lesen Sie hier, wie die katholische Kirche vielen Mädchen und Frauen weltweit im Kampf für ihre Rechte zur Seite steht.


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„Sexualität“ und Prostitution trennen

Die christliche Sozialwissenschaftlerin Elke Mack plädierte dafür, Frauen, ganz besonders in ärmeren Ländern und Regionen, gezielt zu fördern und zu unterstützen. Dies sei oft die einzige Möglichkeit, um sie vor der Armutsfalle zu bewahren und ihnen eine wirkliche Perspektive zu ermöglichen.

Der Sexualwissenschaftler Jakob Pastötter beklagte eine mangelnde Differenzierung beim Umgang mit dem Begriff „Sexualität“. Dieser sei zum einen schwammig, aufgebläht und abstrakt, zum anderen aber sehr positiv belegt. Es gelte die Faustregel: „Sexualität ist etwas Natürliches und Schönes“. Doch es gebe eben auch andere und durchaus problematische Formen. Im öffentlichen Diskurs würden die Begriffe Prostitution und Sexualität allerdings eng verknüpft. Gerade beim Thema Prostitutionsverbot sorge diese enge Verknüpfung aber oft für Missverständnisse. Er plädierte dafür, die Begriffe auseinanderzuhalten, da Prostitution höchstens einen Grenzbereich der Sexualität betreffe und keinesfalls den Kern des menschlichen Sexualverhaltens.

Diaspora-Aktion 2018

Die Hilfsorganisation Solwodi hilft Frauen in Not – die meisten sind Afrikanerinnen, die durch Menschenhandel in der Zwangsprostitution gelandet sind. Das Bonifatiuswerk wirft zu seiner Diaspora-Aktion einen Blick auf die Arbeit von Solwodi.


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Das Thema nicht tabuisieren

Die ehemalige bayerische Sozialministerin Emilia Müller (CSU) referierte zur Rolle der Politik im Kampf gegen Frauenhandel. Es sei erschreckend, „dass der Handel mit Frauen und Kindern heutzutage für die Organisierte Kriminalität oft lukrativer ist als der Drogen- und Waffenhandel.“ Es sei von enormer Bedeutung – und dabei dankte sie auch den Veranstaltern der Fachtagung – das Thema nicht zu tabuisieren. Immer wieder sei ihr von unterschiedlicher Seite nahe gelegt worden, das Thema Menschenhandel nicht anzusprechen, weil es „ungeeignet“ sei, um Wahlen zu gewinnen. Doch dagegen habe sie sich stets verwahrt.

In vier Arbeitskreisen wurde intensiv über die Frage diskutiert: „Was können wir tun?“. Dabei wurden einzelne Initiativen und Möglichkeiten des Engagements vorgestellt. Für viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer war dabei klar, dass es ein generelles Umdenken brauche. In ihren Augen ist die weitgehende gesellschaftliche Akzeptanz von Prostitution auch ein gefährlicher Nährboden für Frauenhandel und Zwangsprostitution.

Von Simon Korbella

© Renovabis