Kolumbianischer Erzbischof zum Friedensprozess

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  • Kolumbien - 16.10.2018

Vor zwei Jahren unterzeichnete Kolumbiens Regierung das Friedensabkommen mit den Farc-Rebellen. Doch die Umsetzung wird auch durch die Krise im Nachbarland Venezuela erschwert, von wo immer mehr Flüchtlinge kommen. Der Vorsitzende der Kolumbianischen Bischofskonferenz, Erzbischof Oscar Urbina Ortega von Villavicencio, spricht im Interview über die Lage in seinem Land.

Frage: Herr Erzbischof, welche Rolle spielt die Kirche in der Umsetzung des Friedensabkommens?

Ortega: Wir kümmern uns besonders um die Opfer. Außerdem liegt uns die Entwicklung im ländlichen Raum am Herzen. Da gibt es derzeit noch Spielraum, und das spricht die Kirche immer wieder öffentlich an. Unsere Aufgabe ist es, zum Versöhnungsprozess beizutragen, eine Stütze zu sein und eine wichtige Rolle in diesem Prozess zu übernehmen. Das hat Papst Franziskus uns aufgetragen.

Frage: Bisher sind 2,3 Millionen Venezolaner aus ihrem Land geflohen; eine Million Geflüchtete leben nun in Kolumbien. Wie hat sich die Situation im Land dadurch geändert?

Ortega: Zunächst einmal wäre es wichtig, klar zu sagen, dass es sich um eine humanitäre Krise in Venezuela handelt. Wir erleben es als solche, aber etwa die dortige Regierung sieht das nicht so. Meiner Meinung nach gibt es drei schwierige Themen: die Ernährungssicherung, das Gesundheitssystem und die Arbeitsmarktsituation. Krankenhäuser haben weder das notwendige Geld noch die Infrastruktur, um alle Menschen kostenlos zu behandeln. Gerade in der Grenzregion gibt es viele Menschen aus Venezuela, die nach Kolumbien kommen, um dort nach Arbeit oder Nahrungsmitteln zu suchen. Das trägt dazu bei, dass der Arbeitsmarkt völlig überlastet ist.

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Frage: Was macht Kolumbiens Kirche konkret, um den Flüchtlingen aus Venezuela zu helfen?

Ortega: Die Kirche stellt zum Beispiel Nahrungsmittel oder Unterstützung im medizinischen Bereich bereit. Auch der Staat leitet nun Maßnahmen ein, um wieder Herr der Lage zu werden. In drei Monaten beginnt das Schuljahr. Die Frage ist zum Beispiel, wie man die Kinder im Schulsystem unterbringt. Zudem wird versucht, Arbeitsmöglichkeiten für die Venezolaner zu schaffen.

Frage: Wie sieht es mit der Integration der Geflüchteten aus?

Ortega: Die Kirche versucht, die Flüchtlinge aus Venezuela dort zu integrieren, wo es möglich ist. Viele sind allerdings auch auf der Durchreise und bleiben nur wenige Tage. Diese Menschen werden etwa durch Nahrung oder eine Schlafmöglichkeit unterstützt. Wenn Menschen länger bleiben wollen, bietet die Kirche zum Beispiel eine Rechtsberatung an und kümmert sich darum, dass sie nicht als billige Arbeitskräfte ausgenutzt werden.

Frage: Derzeit findet die Bischofssynode für junge Menschen in Rom statt. Auch Ihr Land hat Bischöfe geschickt. Was erwarten Sie von der Synode?

Ortega: Es war uns wichtig, dass die jungen Menschen auch in die Vorbereitung mit eingebunden werden und nun teilnehmen können. Solche Veranstaltungen müssen gemeinsam mit den Jugendlichen stattfinden. Besonders bei den Themen Glaube und Berufung bringen sich die drei Bischöfe aus Kolumbien intensiv ein. Darüber hinaus überlegen die Priester und Bischöfe gemeinsam mit den Jugendlichen, in welche Richtung die Kirche in Zukunft gehen soll.

Frage: Es gibt ein Thema, das derzeit die katholische Kirche weltweit überschattet: der Missbrauchsskandal. Wie denkt die Kirche in Kolumbien darüber?

Ortega: Wir sind mit Papst Franziskus komplett auf einer Linie. Zudem fördern wir seit vielen Jahren auf verschiedenen Ebenen die Prävention. Nun warten wir ab, was das Treffen im Februar mit Bischöfen aus aller Welt zum Missbrauchsskandal im Vatikan bringt.