Indigene kämpfen gegen Amazonas-Vertiefung

  • Indigene Völker - 12.09.2018

Für die Indigenen in Perus Amazonasgebiet hat das Wasser spirituelle Bedeutung. Umso schlimmer ist die geplante Flussvertiefung. Sie kämpfen dagegen gemeinsam mit einem kirchlichen Radio – und einer speziellen Landkarte.

Im peruanischen Amazonasgebiet ist der Fluss alles: Straße, Marktplatz, Treffpunkt, Badestelle, Waschküche. Auch im Städtchen Nauta spielt sich das Leben am Flussufer des Maranon ab, der sich ein Stück weiter unten mit dem Ucayali zum Amazonas vereinigt. Mari Tellez ist am Fluss aufgewachsen; sie hat dort schwimmen und fischen gelernt, hat mit ihrer Mutter Wäsche gewaschen oder ein Boot bestiegen, um Verwandte zu besuchen.

Aber erst durch ihre Mitarbeit im kirchlichen Lokalradio Ucamara hat Mari Tellez gelernt, dass ihre eigene Kultur ohne den Fluss nicht existieren würde. „Als Kinder war uns beigebracht worden, dass wir bloß nicht sagen dürfen, dass wir Indigene sind“, sagt die heute 40-jährige Mitarbeiterin des Radios. Dabei stammt Mari Tellez wie die meisten Bewohner von Nauta von den Kukama-Indigenen ab.

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In diesem Dossier werden die Glaubens- und Lebenswelt ausgewählter indigener Völker vorgestellt.


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In der Weltsicht der Kukama ist der Fluss nicht einfach eine Wasserstraße oder ein Reservoir von Fischen. Im Fluss leben die Menschen weiter, die dort ertrunken sind. Unter dem Wasser liegen demnach ganze Städte, in den Untiefen leben Geister, die um Mitternacht aus dem Fluss steigen. Die Dorfschamanen können mittels ihrer Träume Kontakt mit ihnen aufnehmen. „Deshalb geht hier niemand um Mitternacht baden“, so Mari Tellez.

„Kultur ist die neue Politik“, sagt der spanische Augustiner Miguel Angel Cadenas, der gemeinsam mit seinem Mitbruder Manuel Berjon das Lokalradio Ucamara initiiert hat. Cadenas versteht sich in der Tradition der Politischen Theologie von Johann Baptist Metz (90) und arbeitet seit Jahren daran, die verdrängte Kultur der Indigenen im Amazonasgebiet wieder ins Bewusstsein zu bringen. „Unsere Aufgabe ist, unsere Leute in diesem Prozess zu begleiten, indigene Organisationen zu stärken, Übersetzungsarbeit zwischen den indigenen Gruppen und dem Staat zu leisten und die Asymmetrie der Macht zu verringern.“

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Kultureller und politischer Widerstand ist mehr denn je angezeigt. Der Staat Peru will sein Amazonasgebiet erschließen und wirtschaftlich besser zugänglich machen. Dafür soll ein chinesisches Konsortium den Fluss Maranon so weit ausbaggern, dass auch große Schiffe dort ganzjährig fahren können. Und die Ahnen, die im Fluss wohnen? Werden sie auch mit ausgebaggert?

Um das zu verhindern, organisierten Pater Cadenas und Radio Ucamara eine Reihe von Workshops in den Dörfern, wo die Bewohner ihre spirituelle Sicht des Flusses wie auf einer Landkarte einzeichneten. Das Ergebnis: eine zehn Meter lange Papierrolle, auf der alle Orte des Flusses gekennzeichnet sind, die als heilig oder als von Geistern und anderen Wesen bewohnt gelten. Diese spirituell-kulturelle Landkarte des Maranon ist ein wichtiges Instrument im Kampf gegen die Ausbaggerung.

Das meint auch Professor Jorge Abad von der Technischen Universität Lima. Der Ingenieur ist mit seinen wissenschaftlichen Messungen zu Ergebnissen gekommen, die durchaus kompatibel mit der indigenen Weltsicht sind: „Der Fluss Maranon ist sehr dynamisch; er bewegt Tonnen von Sedimenten, Flussbänke verschieben sich.“ Abad kritisiert das Vorhaben der Flussvertiefung vor allem, weil keine vorherigen Studien über die Auswirkungen gemacht wurden.

„In der Weltsicht der Kukama bedeutet eine Ausbaggerung, dass sich die Flussgeister zurückziehen“, warnt Pater Cadenas. „Ohne ihren Fluss, wie sie ihn kennen, hängen die Leute in der Luft; ihre Spiritualität wird zerstört.“

Die Kultur und Spiritualität der Kukama hat in Radio Ucamara eine sichtbare Heimstatt gefunden. Jugendliche Künstler haben die Ober- und Unterwasserwelt der Kukama in einer großen Wandmalerei festgehalten. Menschen, Schlangen, Fische, Delfine, Vögel, Jaguare: Sie alle gehören zum Universum über und unter Wasser.

„Wir befinden uns hier in einem ständigen Widerstand, um unsere Kultur und unseren Fluss zu verteidigen“, sagt Mari Tellez. Dass ihre Arbeit dank der päpstlichen Umwelt-Enzyklika „Laudato si“ von 2015 im Einklang mit der katholischen Kirche steht, ist hilfreich. „Aber unser Einsatz für die Umwelt ist älter als 'Laudato si'„, sagt Mari Tellez voller Stolz.