Bonifatiuswerk zur Lage in Lettland

  • Hilfswerke - 03.09.2018

Papst Franziskus reist vom 22. bis 25. September durch die drei baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland. In Lettland wird er am 24. September neben der Hauptstadt Riga auch den Marienwallfahrtsort Aglona besuchen. Der Generalsekretär des Bonifatiuswerks der deutschen Katholiken, Georg Austen, war vor kurzem in Lettland. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) berichtet er von der Situation in dem Land und den Hoffnungen vor dem Papstbesuch.

Frage: Herr Austen, der Papst besucht bei seiner Reise ins Baltikum auch Lettland. Sie waren gerade dort. In was für ein Land kommt Franziskus?

Austen: In ein sehr gastfreundliches Land, das immer noch geprägt ist von den Spuren der Sowjetzeit vor der Unabhängigkeit 1991 – aber auch von einer Wirtschaftskrise, großer Armut und oft einfachsten Lebensbedingungen. Ich hatte manchmal das Gefühl, ich wäre in die Sechziger-Jahre zurückversetzt, auch was die Straßen und Gebäude angeht. Und es ist ein Land, das viele – gerade junge – Leute verlassen haben, weil sie für sich keine Perspektiven sehen.

Frage: Und die Kirche?

Austen: Die katholische Kirche in Lettland erlebt so etwas wie eine Wiedergeburt nach der langen Durststrecke unter sowjetischer Herrschaft. Aber das ist ein langwieriger Prozess. Die Gläubigen sind jedenfalls ungeheuer bewegt davon, dass der Papst ausgerechnet in ihr Land kommt und dass er gesagt hat, er schätze die baltischen Länder sehr. Was aus deutscher Sicht noch auffällt: Die Kirche ist sehr traditionell geprägt, die Gottesdienste sind gut besucht, sogar vor den Beichtstühlen steht man an. Die Gläubigen leben – oft unter schwierigen Bedingungen – ihren Glauben im Alltag und pflegen die Verehrung der Sakramente, das Rosenkranzgebet, eucharistische Prozessionen oder die große Sternwallfahrt in Aglona, wohin ja auch der Papst kommen wird.

Der Generalsekretär des Bonifatiuswerks der deutschen Katholiken, Monsignore Georg Austen.

Bonifatiuswerk

Frage: Welche Rolle spielt denn die katholische Kirche in der Gesellschaft?

Austen: Auf jeden Fall eine wachsende. Die Katholiken sind eine Minderheit, aber das hat den Vorteil, so sagen es uns die Bischöfe, dass man sie nicht als Gefahr für den Staat empfindet. Und im Aufgabenfeld der Kirche ist der Ausbau der karitativen Arbeit ein großes Thema – angesichts der Nöte im Land. Aber dabei braucht die Kirche Lettlands als arme Kirche in einem armen Land unsere Hilfe. Genau wie da, wo sie Schulen und andere Bildungseinrichtungen betreibt.

Frage: Karitative Arbeit – was heißt das konkret?

Austen: Wir haben einige Projekte besucht, etwa Familienzentren, die sich vor allem um die vielen zerbrochenen Familien im Land kümmern und insbesondere den Kindern helfen. Dort gibt es auch Ehevorbereitungskurse und ähnliches mehr. Es gibt daneben Angebote für alte, kranke und behinderte Menschen, oder für Menschen, die abhängig sind von Alkohol und anderen Drogen. Wir waren auch in einem Frauengefängnis, wo sich eine Seelsorgerin um die inhaftierten Frauen kümmert, aber auch um deren Kinder und Familien. Alles das führt mit dazu, dass die Kirche in der Gesellschaft Anerkennung findet und dass ihre Stimme gehört wird, auch wenn es um gesellschaftliche und ethische Fragen geht.

Frage: Was erhoffen sich die Menschen vom Besuch des Papstes?

Austen: Zwei Dinge habe ich immer wieder gehört: Einmal die Wertschätzung dieser kleinen, armen Kirche mit ihrer schwierigen Geschichte. Und zum zweiten ist man natürlich stolz, dass der Papst ausgerechnet hierher kommt und der Kirche den Rücken stärkt bei ihrem Einsatz auch für die Gesellschaft in Lettland. Wo es momentan ja auch darum geht, weltoffener, menschlicher und toleranter miteinander umzugehen.

Weltkirche-Blog - 28.06.2018

27 Vertreter der Diözesan-Bonifatiuswerke aus 15 Bistümern in Deutschland haben im Juni Lettland bereist, um die katholische Kirche vor Ort kennenzulernen und um sich über die Projekte des Bonifatiuswerkes in Lettland zu informieren.


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Frage: Wie hilft das Bonifatiuswerk in Lettland?

Austen: Einige Projekte, die wir unterstützen, habe ich ja schon genannt - im sozialen Bereich und in geistlicher Bildung und Ausbildung. Dazu kommen die Hochschule und das Priesterseminar, aber auch unsere traditionellen Boni-Busse. Denn auch in Lettland müssen die Pfarreien oft weite Strecken überbrücken, etwa um die Menschen zum Gottesdienst abzuholen oder Kinder zum Kommunionunterricht. Ein ganz besonderes Projekt ist auch der neue Karmel in Ikskile, das erste kontemplative Kloster in Lettland, das jetzt im August offiziell eingeweiht wird.

Frage: Das ist ja eher ungewöhnlich heutzutage ...

Austen: So sehen es auch die Schwestern, die sagen: „Überall werden Kirchen geschlossen, wir beginnen etwas Neues“. 2002 ist eine Karmelitin aus dem Karmel in Essen nach Lettland gekommen, um die Gründung eines Karmel vorzubereiten, also eines Klosters mit strenger Klausur, das die Schwestern nie mehr verlassen werden. Bei der Einweihung wird Erzbischof Stankevics von Riga das Klausurgitter schließen.

Frage: Was hat Sie am meisten beeindruckt bei Ihrem Besuch in Lettland?

Austen: Ich habe in Lettland auf jeden Fall mehr Hoffnungsträger als Bedenkenträger erlebt, die versuchen, dem Evangelium heute ein Gesicht zu geben. Das hat mich sehr ermutigt. Wenn ich etwa an die Ehrenamtlichen auf dem Rehabilitations-Bauernhof für Drogenabhängige denke und an viele andere, die mit einem sehr starken und aus christlichem Glauben gelebten Engagement versuchen, Kirche und Gesellschaft voranzubringen. Da bewegt sich etwas, und die Menschen klagen nicht nur über das, was nicht geht.

© KNA