Neue Spannungen zwischen Christen und Kurden in Syrien

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  • Bedrängte Christen - 31.08.2018

Kurdische Milizen haben mehrere christliche Schulen in Nordsyrien geschlossen. Diese hatten sich geweigert, einen neuen Lehrplan im Sinne der kurdischen Sprache und Kultur einzuführen, wie Medien berichten. Bislang fanden Christen in den kurdischen Gebieten in Syrien und dem Irak Schutz vor dem IS. Aber haben sie dort auch eine Zukunft? Das fragten wir den stellvertretenden Leiter der Abteilung Ausland von Missio Aachen, Matthias Vogt.

Frage: Herr Vogt, kurdische Milizen in Nordsyrien sollen vier christliche Schulen geschlossen haben. Was wissen Sie über die Situation in der Region?

Vogt: Die kurdischen „Volksverteidigungseinheiten“ (YPG) streben sehr stark nach Unabhängigkeit von der Zentralregierung in Damaskus und bemühen sich seit Jahren um die Durchsetzung einer sehr strengen „Kurdifizierung“ des Gebiets. Der Norden des Landes ist an sich ethnisch und religiös sehr heterogen: Es gibt dort zwar mehrheitlich Kurden, aber auch viele syrische Araber sowie Armenier und syrisch-orthodoxe Christen. Weiter südlich, Richtung Hassake, leben viele assyrische Christen, die in den 30er Jahren eingewandert sind. Die meisten der syrisch-orthodoxen Christen sind nach dem Ersten Weltkrieg aus der heutigen Türkei in die Region rund um Kamishli gekommen. Nun strebt die YPG-Regierung eine kulturelle Kurdifizierung des Gebiets an. Offensichtlich hat die Regierung in diesem Zusammenhang beschlossen, dass der Unterricht entweder auf Kurdisch gehalten werden soll oder Kurdisch als Unterrichtsfach eingeführt werden soll. Dagegen scheint sich ein Teil der christlichen Schulen zu wehren und eben die sind jetzt geschlossen worden.

Frage: Die Schulen gleich komplett zu schließen ist schon eine starke Machtdemonstration ...

Vogt: Das ist eine Machtdemonstration, die sehr deutlich zeigt, dass es den Kurden um die Unabhängigkeit vom arabischen Syrien geht. Viele Christen in der Region setzen aber weiterhin auf ein geeintes Syrien und wollen nicht in einem kurdischen unabhängigen Staat leben. Sie könnten vielleicht mit kurdischer Autonomie innerhalb eines gesamtsyrischen Staates leben. Aber sie fürchten, dass es kommt wie im Irak, wo sich die Kurden sprachlich völlig von der Zentrale in Bagdad lösen: Wenn Sie im irakischen Kurdistan sind, werden Sie außer den Christen kaum jemanden finden, der noch Arabisch spricht. Die Christen finden es langfristig problematisch für die Region, wenn man sich so sehr von dem Zentralstaat und seiner Kultur und Sprache löst. Sie fürchten eine Isolation in einem Kurdistan, was dann zwischen mehreren verfeindeten Staaten, nämlich zwischen der Türkei, dem verfeindeten arabischen Irak und einem verfeindeten arabischen Syrien liegen würde – ohne Zugang zum Meer. Und der Iran ist mit einem unabhängigen Kurdistan auch nicht glücklich. In einem solchen Staat sähen sich die Christen wirklich eingekreist und sie fürchten die völlige Isolation.

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Frage: Zumal die Christen auch Menschenrechtsverletzungen durch kurdische Kräfte beklagen. Es gibt Berichte von Zwangsenteignungen, gar Entführungen und Tötungen. Kennen Sie solche Fälle?

Vogt: Das Gebiet ist für Syrien vergleichsweise sicher. Es gibt sicherlich Enteignungen von Seiten der YPG-Regierung – davon habe ich auch schon gehört aus der Quelle des Weltverbands der Aramäer. Es gibt schon länger Klagen über einzelne Übergriffe. Vielleicht werden auch Verbrechen nicht mit dem gebotenen Nachdruck verfolgt, wenn sie politisch in die Linie passen. Aber ich würde nicht von einer Verfolgung der Christen durch die YPG-Regierung sprechen.

Frage: Immerhin waren die kurdischen Gebiete im Irak und in Syrien ja eine ganze Zeit lang Schutzraum für Christen und andere Minderheiten vor dem IS. Kippt das jetzt? Werden die Kurden selbst autoritär?

Vogt: Die YPG-Regierung im syrischen Kurdistan gilt als ziemlich autoritär, auch wenn sie sich nach Außen als Partner des Westens verkauft. Wenn sie eine Unabhängigkeit des Gebietes durchsetzen will, wird es zum Konflikt mit vielen Christen und mit den syrischen Arabern kommen. Ich weiß von sunnitischen Arabern in der Region, die sicher nicht in einem unabhängigen Kurdistan leben möchten. Auch sehr viele Christen sehen dem sehr skeptisch entgegen – außer jenen, die mit der kurdischen Regierung zusammenarbeiten.

Frage: Der chaldäische Patriarch Louis Raphael Sako stellt sich unterdessen vehement gegen ein geschütztes Gebiet für Christen in der Ninive-Ebene im Irak. Warum?

Vogt: In der Ninive-Ebene strebt ein Teil der Christen, also vor allem Assyrer, syrisch-orthodoxe und syrisch-katholische Christen, nach einer eigenen christlich geführten Provinz, einem sicheren Hafen für Christen. Schon seit 15 Jahren diskutieren Christen der Region darüber und die Chaldäische Kirche hat das immer wieder abgelehnt. Sie will sich nicht in eine Provinz zurückziehen. In ihren Augen muss der ganze Irak ein sicherer Hafen für Christen sein. Die Chaldäer möchten auch nicht auf den Schutz durch christliche Milizen angewiesen sein.

Frage: Was macht die Chaldäer da so zuversichtlich, dass es im ganzen Irak für Christen sicherer werden könnte?

Vogt: Es ist natürlich unrealistisch, anzunehmen, dass der gesamte Irak auf die Schnelle sicher für sie wird. Aber die Schaffung einer christlich-autonomen Region birgt für sie die Gefahr der Isolation. Dann könnten die Muslime oder Iraker in den anderen Gebieten sagen: „Ihr habt doch eure eigene Provinz, geht doch dort hin.“ Das ist ein alter Streit zwischen den Assyrern und den Chaldäern. Die Chaldäer haben in den 20er Jahren während der britischen Mandatszeit und in den 30er Jahren seit der Unabhängigkeit des Irak immer für die Integration der Christen in den irakischen Staat gekämpft, während die Assyrer sich für eine Autonomie der Christen – sei es anfangs in einem unabhängigen Staat, dann in einer unabhängigen Region – eingesetzt haben. Das sind zwei unterschiedliche Philosophien.

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Frage: Eine Unabhängigkeit der kurdischen Regionen im Irak und in Syrien kommt nicht wirklich voran. Sei es, weil sie die irakische Zentralregierung ausbremst, sei es, weil die türkische Armee kurdische Provinzen in Nordsyrien angreift. Wie groß sind Ihrer Meinung nach die Chancen für ein unabhängiges Kurdistan?

Vogt: Kurz vor dem Unabhängigkeitsreferendum im Irak haben auch die westlichen Staaten die kurdische Regionalregierung vor diesem Schritt gewarnt. Alle westlichen Staaten halten an der territorialen Integrität des Irak fest und es ist davon auszugehen, dass man mit Blick auf Syrien die gleiche Politik verfolgen wird. Die Kurden können sich bei vielen Ländern auf Sympathien verlassen, wenn es um kulturelle und wirtschaftliche Autonomierechte innerhalb der bestehenden Staaten geht. Aber nicht, wenn es um eine vollständige Unabhängigkeit geht. Die Türkei ist bekanntlich sowieso dagegen. Das heißt, wenn alle dagegen sind, sind solche Staaten auch nicht wirklich lebensfähig.

Frage: Fühlen sich die Kurden betrogen? Schließlich waren ihre Kämpfer maßgeblich an der Zurückdrängung des IS beteiligt – auch mithilfe deutscher Waffen. Aber nachhaltig konnten sie offenbar nicht davon profitieren.

Vogt: Es hat ihnen aber auch keiner die Unabhängigkeit versprochen. Sie haben sich vielleicht selbst die Unabhängigkeit versprochen, wenn sie mit dem Westen zusammenarbeiten. Aber letztlich hat nicht nur der Westen die Kurden gebraucht, sondern die Kurden haben auch durchaus westliche militärische Unterstützung benötigt, um sich selbst gegen den IS verteidigen zu können. Die Kurden waren nicht einfach nur Söldner des Westens, um den IS zu bekämpfen – ganz ohne Eigeninteressen.

Frage: Werden die Christen in der Region diese Spannungen künftig noch stärker zu spüren bekommen?

Vogt: Ich denke, dass es in Syrien sehr heftige Spannungen gibt ab dem Moment, in dem sich das Assad-Regime stabilisiert hat. Und im Moment deutet alles darauf hin, dass Assad sich an der Macht halten wird. Bis auf die Provinz Idlib im Nordwesten, die noch von überwiegend islamistischen Gruppen beherrscht wird, und dem kurdischen Gebiet im Nordosten, kontrolliert Assad Syrien weitgehend. Man kann davon ausgehen, dass er sich jetzt erst nach Idlib wendet und danach wird der Konflikt mit den Kurden anstehen: Assad wird die Kurden bestimmt nicht freiwillig in eine Unabhängigkeit entlassen. Seit Beginn des Syrienkrieges gibt es eine Art Stillhalteabkommen zwischen Damaskus und den Kurden. Doch es wird zum Konflikt kommen und in dem Konflikt werden die Christen sich positionieren müssen. Einige Christen, die jetzt schon mit den Kurden zusammenarbeiten, werden das fortsetzen und es wird viele geben, ich schätze die Mehrheit, – auch wenn sie in den Kurdengebieten schweigen muss – die zu einem Zentralstaat Syrien halten wird.

Frage: Also wird es für die Christen in den kurdischen Gebieten Syriens künftig noch schwerer?

Vogt: Das kann sehr ungemütlich werden für Christen in der Region, weil sie dann zwischen den Stühlen sitzen zwischen Kurden und Arabern.

Von Claudia Zeisel

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