Bischof von Assiut zur Lage der Christen in Ägypten

  • Ägypten - 28.08.2018

Der jahrzehntelange religiöse Fanatismus in Ägypten weicht nur langsam mehr Toleranz. Das ist die Einschätzung des koptisch-katholischen Bischofs von Assiut, Kyrillos William. Insgesamt habe sich die Lage der Christen am Nil jedoch verbessert, sagt der 71-Jährige im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Bei der Bewältigung des schwierigen Alltags in Ägypten sieht der Bischof ohnehin keine Unterschiede zwischen Christen und Muslimen. Schwierig sei es für beide.

Frage: Herr Bischof, immer noch kommt es in Ägypten zu Übergriffen auf Christen. Wie sehen Sie die gegenwärtige Lage?

Bischof Kyrillos William: Die Christen fühlen sich heute sicherer als früher. Selbstverständlich hoffen sie auf eine noch bessere Lage, aber sie haben Geduld.

Frage: Abgesehen von der Sicherheit – stoßen Christen in Ägypten auf besondere Schwierigkeiten?

William: Hier geht es den Kopten ohne Unterschied wie allen Ägyptern: Wir stehen vor vielen Schwierigkeiten. Alles ist teurer geworden, von der nach offiziellen Angaben sinkenden Arbeitslosigkeit und besseren Wirtschaftslage ist noch nicht viel bei den Menschen angekommen. Die Menschen haben Sorgen, viele haben nicht das zum Leben notwendige. Insbesondere die Jungen sehen keine Zukunft mehr. Sie sind frustriert und wollen weg. Zudem sehen wir eine Zunahme beim Drogenkonsum. Die Jugendlichen sind streitlustiger als früher. Es braucht viele Kräfte, um das Gute in der Welt zu sehen und nicht dem Pessimismus zu verfallen. Ein weiteres Problem ist die Bevölkerungsexplosion. Hier ist kluges Handeln erforderlich, das gleichzeitig im Einklang mit der Lehre der katholischen Kirche steht.

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Frage: Und das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen im Land?

William: Auf offizieller Ebene bestehen keine Probleme. Möglicherweise sehen oder erleben die Menschen das aber im Alltag anders. Der Fanatismus, der über Jahrzehnte im Land herrschte, ist nicht einfach zu ändern. Präsident Abdel Fattah al-Sisi forderte wiederholt eine Veränderung der religiösen Verlautbarungen zu mehr Toleranz und spricht sich vehement gegen Fanatismus aus. Nur reagieren die Menschen darauf nicht so schnell.

Frage: Sie halten viel von Präsident Abdel Fattah al-Sisi?

William: Er ist ein treuer Mann, der sich in den Dienst der Interessen aller Ägypter stellt, nicht seiner Eigeninteressen.

Frage: Wie stark ist bei den Christen der Wunsch nach Auswanderung?

William: Es gibt etliche, die auswandern wollen. Die Meinung der Kirche ist eindeutig: Wir ermutigen die Menschen zum Bleiben, denn wir wollen den Nahen Osten für die Christen nicht verlieren. Gleichzeitig – das zeigt unser Gespräch mit ägyptischen Geschäftsleuten – herrscht der falsche Glaube, dass im Ausland alles leichter ist. Dabei ist das Leben de facto in Ägypten vielleicht einfacher. Letzten Endes bleibt die Entscheidung zur Abwanderung aber jedem Einzelnen überlassen. Wir können nicht für die Menschen entscheiden.

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Frage: Wie unterstützen Sie als Bischof ihre Gläubigen, um sie im Land zu halten?

William: Wir haben ein Büro für Entwicklungsarbeit, das bei meiner Amtsübernahme sehr klein angefangen hat und heute zahlreiche Projekte trägt. Wir helfen den Menschen unter anderem wirtschaftlich, etwa durch Kredite. Dazu kommen Fortbildungen, Maßnahmen zur Integration von Behinderten, Förderung von Frauen, Wohnungsbauprojekte, geschützte Räume für unsere Gläubigen. Ferner engagieren wir uns in der Landwirtschaft, haben zum Beispiel eigene Ländereien gekauft. Wir versuchen den Menschen dabei zu helfen, nicht im Traditionellen verhaftet zu bleiben, sondern neue Methoden anzuwenden und die Produktion zu steigern.

Frage: Die koptisch-orthodoxe Kirche lädt in diesem Jahr erstmals zu einem Jugendforum für junge Kopten aus der Diaspora ein. Gibt es ähnliche Initiativen in der koptisch-katholischen Kirche?

William: Nein, wir planen keine besonderen Initiativen. Zum einen sind wir eine kleine Minderheit ohne Einfluss. Zum anderen haben wir uns nie um den Identitätsverlust unserer Gläubigen in der Diaspora gesorgt. Erst Patriarch Stephanus II. in den 1980er Jahren schickte koptische Priester in die Diaspora. Noch sein Vorgänger hatte die Meinung vertreten, die koptischen Einwanderer sollten sich in die katholischen Gemeinden integrieren. Allerdings musste man feststellen, dass dies für die erste Generation wegen der Sprache nicht so einfach ist. Aus diesem Grund wurden Diasporagemeinden geschaffen, allerdings nur dort, wo wenigstens 50 Familien vorhanden waren. Heute haben wir Diasporagemeinden unter anderem in Kanada, Australien, den USA, Italien und ein paar arabischen Ländern. In Jerusalem etwa haben wir keine eigene Gemeinde mehr, da es nur sehr wenige katholische Kopten dort gibt.

Frage: Die große Mehrheit der ägyptischen Christen sind orthodox. Wie gestaltet sich die Ökumene?

William: Von unserer Seite versuchen wir alles, was möglich ist, um gute ökumenische Beziehungen zu erreichen. Von orthodoxer Seite ist dies nicht ganz einfach, wenngleich es unter dem jetzigen Patriarchen Tawadros II. einfacher geworden ist. Unter seinem Vorgänger Schenouda III. war es sehr schwierig. Fanatismus war verbreitet. Viele orthodoxe Kopten sehen uns als Opfer der Abwerbung, des Proselytismus. Für sie sind wir Teil der orthodoxen Kirche, in deren Schoß wir zurückkehren sollen. Ökumenische Beziehungen der koptisch-orthodoxen Kirche Ägyptens bestehen eher mit Rom als mit uns hier in Ägypten.

Frage: Stellt das keine Probleme bei gemischtkonfessionellen Ehen dar?

William: Es gibt einige gemischtkonfessionelle Familien. Dann müssen sich die Ehepartner auf eine Kirche einigen. In der Regel folgt die Frau dem Mann, aber es gibt auch solche, die die Offenheit der katholischen Kirche schätzen.

Frage: Mariä Himmelfahrt wird dennoch von beiden Kirchen gemeinsam begangen.

William: Traditionell folgen wir Katholiken in Oberägypten dem orthodoxen Kalender. Was das Marienfest betrifft, hat dies eine lange Tradition in Assiut. Maria spielt eine große Rolle in der koptischen Tradition und Liturgie. Und: Die Menschen hier haben so viele Sorgen, dass sie ab und zu diese Festfreude und die jubelnde Manifestation brauchen. Das vereint alle Menschen hier, orthodoxe und katholische Christen und auch Muslime.