50 Jahre Konferenz von Medellín

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  • Kolumbien - 24.08.2018

Bei ihrem Treffen in Medellin verpflichteten sich die Bischöfe Lateinamerikas im Sommer 1968, künftig Anwälte der Armen und Entrechteten zu sein. Diese Revolution von oben war sehr nötig.

„Wie sehr wünsche ich mir eine arme Kirche für die Armen!“ Dieser Ausruf aus den ersten Tagen der Amtszeit von Papst Franziskus hat viele in der Kirche aufgeschreckt. Eine arme Kirche? Bitte nicht ... Immer wieder zielt der Papst aus Argentinien auf Pomp, Selbstzufriedenheit und Äußerlichkeiten, auf Klerikalismus und auf die Beschäftigung mit sich selbst. Ein solcher Kurswechsel steht in Lateinamerika in einer langen Tradition.

Bei seiner Kolumbien-Reise 2017 durfte für Papst Franziskus ein Besuch in Medellin nicht fehlen. Die Millionenmetropole, wegen ihres milden Klimas „Stadt des ewigen Frühlings“ genannt, ist so etwas wie eine Wiege der Befreiungstheologie. Vor genau 50 Jahren, im August und September 1968, bahnten hier die Bischöfe Lateinamerikas den Weg für die „Option für die Armen“.

Bis 6. September 1968 kamen sie im Priesterseminar von Medellin zusammen. Es war ihre zweite Vollversammlung seit der Gründung des Lateinamerikanischen Bischofsrates CELAM 1955. Am Ende der Beratungen stand eine flammende Anklage gegen die Armut: Ganze Gesellschaftsteile auf dem Kontinent würden sozial an den Rand gedrängt – ein Ergebnis von Strukturen der Abhängigkeit und Unterdrückung. „Dieses Elend als Massenerscheinung ist eine Ungerechtigkeit, die zum Himmel schreit.“

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„Wie kann man als Christ, als Christin inmitten von Armut und Ungerechtigkeit leben?“ Dies ist die Ausgangsfrage, aus der in der 1960er und 1970er Jahren eine bedeutende theologische Strömung entsteht, die bis heute weltweiten Einfluss ausübt: die Theologie der Befreiung.


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Das Abschlussdokument der Konferenz war von Theologen wie Gustavo Gutierrez konzipiert worden, die als Berater der versammelten Bischöfe fungierten. Das Schlagwort „Option für die Armen“ findet sich zwar noch in keinem der 16 Schlussdokumente – doch die Texte der Versammlung zielen unzweifelhaft in diese Richtung. „Die Armut so vieler Brüder und Schwestern schreit nach Gerechtigkeit, Solidarität, Zeugnis, Engagement“, heißt es in dem Papier „Armut der Kirche“. Und weiter: „Diese Solidarität bedeutet, dass wir uns ihre Probleme und Kämpfe zu eigen machen und für sie zu sprechen wissen.“

Die Versammlung eröffnet das Dokument mit einer hehren Selbstverpflichtung – eine Abkehr auch von einem bis dahin nicht unüblichen Lavieren und Paktieren mancher Bischöfe mit den Machteliten: „Der lateinamerikanische Episkopat darf angesichts der ungeheuren sozialen Ungerechtigkeiten in Lateinamerika nicht gleichgültig bleiben“, und sie fügen einen Satz an, der sich an die Armen richtet: „Wir hören den Schrei, der aus euren Leiden emporsteigt.“

Dieses Zitat stammt von Papst Paul VI. (1963-1978), der – was weithin übersehen wird – die Oberhirten Lateinamerikas zu sozialem Engagement antrieb. Nicht zufällig machte Paul VI. die Eröffnung der Konferenz zur Chefsache. Tags zuvor, am 23. August, feierte er mit kolumbianischen Kleinbauern in Bogota eine Messe auf freiem Feld. Es war der erste Besuch eines Papstes in Lateinamerika überhaupt.

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Am 11. Oktober 1962 zogen knapp 2.500 Konzilsväter in den Petersdom in Rom ein – zur Eröffnung einer großen ökumenischen Kirchenversammlung, die als wichtigstes kirchliches Ereignis des 20. Jahrhunderts gilt: das Zweite Vatikanische Konzil. Hier fand die Kirche erstmalig in ihrer Geschichte erkennbar als Welt-Kirche zusammen.


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Paul VI. wollte die Umsetzung des erst vor kurzem beendeten Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) in Lateinamerika ankurbeln. Der Kontinent beheimatete schon damals einen Großteil der katholischen Weltbevölkerung. Doch weite Teile des Klerus, vor allem jene, die traditionell den Eliten nahestanden, hatten auch nach der kommunistischen Revolution in Kuba die Zeichen der Zeit offenbar nicht recht mitbekommen.

Paul VI. dagegen war sensibilisiert für soziale Gerechtigkeit. Erst 1967, gut ein Jahr vor Medellin, hatte er seine Enzyklika „Populorum progressio“ veröffentlicht – ein Lehrschreiben, in dem er ungerechte Güterverteilung, egoistisches Wirtschaften und Raubbau anprangert. Die Anschauung dafür bezog er unter anderem aus Lateinamerika: Eine Reise 1960 brachte ihn, wie er in der Enzyklika schreibt, „in unmittelbare Berührung mit den beängstigenden Problemen“ sozialer Not.

Zwei Wochen vor Ende des Konzils 1965 traf sich Paul VI. mit den lateinamerikanischen Bischöfen in Rom und legte ihnen als Grundmodell des neuen, weltzugewandten kirchlichen Engagements den Dreischritt „Sehen - Urteilen – Handeln“ ans Herz – später ein Kennzeichen der Befreiungstheologie. Für die entscheidende Kurswende, mit der die Kirche Lateinamerikas auf die gesellschaftlichen Umbrüche antworten sollte, legte Paul VI. in Kolumbien 1968 also selbst die Hand ans Ruder. Wortführer der Konferenz von Medellin war ein langjähriger Freund des Papstes, Erzbischof Helder Camara (1909-1999).

Bei der dritten CELAM-Generalversammlung im mexikanischen Puebla (1979) wurde das Schlagwort der „bevorzugten Option für die Armen“ erstmals wörtlich in eine Programmschrift aufgenommen. Und fast drei Jahrzehnte später sollte ausgerechnet Benedikt XVI. (2005-2013), der einst als Glaubenspräfekt linke Auswüchse der Befreiungstheologie bekämpft hatte, bei der Eröffnung der fünften Generalversammlung 2007 im brasilianischen Aparecida diese Wendung wörtlich übernehmen. Ein argentinischer Kardinal sorgte damals als Schriftführer dafür, dass auch in Aparecida der Begriff im Schlussdokument übernommen und bekräftigt wurde. Es war Jorge Bergoglio, der heutige Papst Franziskus.