Ägyptische Tattoos für Jung und Alt

  • Ägypten - 22.08.2018

Im Wallfahrtsort Deir Dronka können auch kleine Kinder ein Pilgertattoo bekommen. Koptische Tätowierer stechen jeden, der mindestens zwei Jahre alt ist.

Popcorn, Eiscreme, Souvenirs: Das ägyptische Dörflein Dronka bietet zum Hochfest Mariä Himmelfahrt alles, was das Herz der Pilger begehrt. Zwischen Wandteppichen mit Marienmotiven und Handyhüllen mit verschiedenen Heiligenbildern zieht vor allem ein Angebot die Massen an: die Stände mit den mobilen Tattoo-Studios. Vor wackeligen Plastikstühlen und Auslagen, die an Bauchläden erinnern, sammeln sich Jung und Alt. Im Minutentakt stechen die Tätowierer Kreuze, Jesus-Motive und andere religiöse Symbole unter die Haut. Besonders beliebt unter der gläubigen Kundschaft: Darstellungen der Heiligen Jungfrau Maria – dem Festanlass entsprechend.

Auch wenn die künstlerische Freiheit dabei eingeschränkt sei: Religiöse Motive seien ihm am liebsten, sagt Tätowierer Nasih Eizat Mahfuz. „Ich liebe diese Arbeit im Dienst der Kirche.“ Erlernt hat der Christ das Handwerk – wie seine vier Brüder – durch den Onkel. Zu Mariä Himmelfahrt, das die Kopten bis zum 22. August feiern, kommen sie aus Kairo, um zwei Wochen lang Pilgertattoos zu stechen. Die Arbeit in dem Wallfahrtsort mag der Kopte auch deshalb, weil die Einnahmen es ihm ermöglichen, seine Kinder zur Schule zu schicken. Sie sollen es später einmal besser haben als er, sagt Nasih.

Der Tätowierer Nasih M. tätowiert einen weinenden Jungen in Deir Dronka, Ägypten. Seine Mutter hält ihm den Kopf.

Andrea Krogmann/KNA

Die Konkurrenz mit seinen Brüdern und den anderen Tätowierern brauchen weder er noch sein Kollege Mina Nadi Girgis Stefanos aus Alexandria zu fürchten. „500 bis 700 Tattoos am Tag“ sticht Nasih, von morgens bis spät in die Nacht. Seine Kunden? „Ich steche Kinder ab einem Alter von zwei Jahren. Nach oben sind die Grenzen offen.“

Eines der gängigsten Motive, das kleine koptische Kreuz zwischen Daumen und Zeigefinger oder aber innen auf das Handgelenk, stechen Nasih und Mina in Sekundenschnelle. Wie von selbst bewegt sich die Nadel durch die empfindliche Haut, kein Zucken des Kunden lässt die Zigarette in den Mundwinkeln wackeln. Ein Wattebausch mit Alkohol entfernt die überschüssige Farbe, ein kontrollierender Blick, dann wird das frische Tattoo zum Schutz wieder mit einer Schicht Tinte beschmiert. „Alf Salam“, tausendfach Frieden, ertönt der Glückwunschruf der Familien, wenn die jüngsten Kinder unter schreiendem Protest ihr Christenmal unter die Haut bekommen. Bei den Jugendlichen, so der Anschein, sind die Tattoos eine mutprobenartige Initiation. Wer den Schmerz hinter sich hat, lacht über den nächsten Leidensgenossen, der sich unter die Nadel begibt. Tätowierung um Tätowierung schaukelt sich die Stimmung hoch.

Tätowierer Mina Nadi Girgis Stefanos tätowiert einer Frau eine Muttergottes auf den Oberarm in Deir Dronka, Ägypten.
Andrea Krogmann/KNA

Auch Emad feilscht hartnäckig. Zwei 20-Pfund-Scheine hält der Grundschüler in seinen Fingern, umgerechnet kaum mehr als zwei Euro. In der anderen Hand einen Druckstock aus Metall mit dem Bild der Jungfrau Maria. 50 Pfund will Tätowierer Imad Ilfanan für ein Tattoo dieser Größe. Freund Moussa hat die Prozedur schon hinter sich. Mit dem Blick eines tapferen Kriegers posiert er für ein Foto, den rechten Arm seines traditionellen Dschalabia-Gewandes bis zur Schulter hochgekrempelt, in der linken Hand den Druckstock seines Tattoos.

Wenn Moussa in ein paar Tagen die zum Schutz aufgetragene dicke Tintenschicht über seiner Tätowierung entfernen darf, wird ein beliebter ägyptischer Heiliger seinen rechten Oberarm zieren: Mina, umrahmt von zwei Kamelen – Schutzpatron der Familie, Beschützer der Waisen und der Krieger. Imad Ilfanan gibt schließlich nach. 40 Pfund für Maria sind genug, Schüler Emad bekommt sein Tattoo. Anders als viele Altersgenossen verzieht der Junge keine Miene unter der Nadel – die Hand von Moussa auf der Schulter, eine Traube von wartenden Kunden um den wackeligen Stuhl.

Nur einmal halten die Tätowierer inne. Wenn in allabendlicher Prozession die hölzerne Statue der Jungfrau vom katholischen Franziskanerkloster aus durch die Gassen getragen wird, ruhen die Nadeln. Für einen Moment stehen die Tätowierer ehrfürchtig stramm und strecken die tintengeschwärzten Finger Maria entgegen, die sie in hundertfacher Form täglich unter die Haut bringen.