„Nach dem Zweiten Vatikanum war mehr Mut“

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  • Interreligiöser Dialog - 14.08.2018

Nicht in der Politik, sondern im religiösen und ökumenischen Dialog sieht der neue Abt der deutschsprachigen Benediktinerabtei Dormitio auf dem Jerusalemer Zionsberg, Pater Bernhard Maria Alter, die Aufgabe der Christen im Heiligen Land. Insbesondere mit den orthodoxen Kirchen sei diese aber an einen „toten Punkt“ gelangt, sagt Alter im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Frage: Ein Abt, der als Eremit in der Wüste gelebt hat. Bedeutet das nun eine Neuausrichtung der Gemeinschaft?

Alter: Nein. Die Gemeinschaft hat eine eigene Dynamik, und die Aufgabe des Abts ist es, den Brüdern zu dienen, nicht eigene Vorstellungen durchzuboxen. Meine Aufgabe ist die Sorge „in der Schule des Herrendienstes“, „der Liebe zu Christi nichts vorzuziehen“.

Frage: Wie sieht die Klostergemeinschaft gegenwärtig aus?

Alter: Theoretisch gehören zu uns 19 Mitbrüder. Doch nicht alle sind in Jerusalem. Drei leben in Tabgha, ein Mitbruder kommt aus dem Theologiestudium in Deutschland zurück, einer hat ein Sabbat-Jahr. Insgesamt sind wir im Vergleich mit anderen Benediktinerabteien eine kleine Gemeinschaft an zwei Orten – in Jerusalem und in Tabgha – aber mit einer stabilen Entwicklung.

Frage: In den vergangenen Jahren war das Kloster stark äußeren Einflüssen ausgesetzt, etwa den Brandanschlägen auf die Dormitio und auf Tabgha. Ist es ruhiger geworden?

Alter: Es war tatsächlich sehr massiv in kurzer Zeit; eine Erfahrung, die für uns alle schmerzlich war. Aber daraus haben wir viel gelernt – dass wir ständig im Kontakt bleiben und für den interreligiösen Dialog offen sein müssen. Das Wichtigste ist, dass wir Brücken bauen, sowohl offizielle wie auch persönliche. Ein Mitbruder hält oft Vorträge für junge Israelis, die bei uns Begegnung suchen.

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Frage: Und mit der muslimischen Bevölkerung?

Alter: Die Beziehungen sind in Jerusalem und Tabgha verschieden. In beiden Klöstern haben wir muslimische Mitarbeiter, zu denen wir eine gute und herzliche Verbindung haben. Sonst ist das in Jerusalem mehr die Domäne der Franziskaner, die in verschiedenen Bereichen tätig sind und eine lange Tradition haben. Viele der Franziskaner kommen aus dem Orient und können die Mentalität und Sprache der Landsleute besser verstehen.

Dennoch haben wir auf diesem Feld schon manche Akzente gesetzt. Das beginnen wir mit dem Erlernen der arabischen Sprache. Jeweils im Januar kommen zudem Muslime aus Deutschland für ein dreiwöchiges christlich-muslimisches Werkstattseminar ins Studienjahr. Mit ihnen findet ein offener Austausch statt, und es gibt genügend Gelegenheit zum gegenseitigen Kennenlernen. In der Begegnungsstätte Beit Noah in Tabgha suchen sowohl muslimische als auch jüdische Behindertengruppen mit ihren Betreuern Erholung.

Frage: Wie nehmen Sie die gegenwärtige politische Lage wahr?

Alter: In der Politik sind wir als Kirchenleute weniger drin. Sie entzieht sich unserem Einfluss. Die Kirchenverantwortlichen vertreten die christliche Position deutlich. Die Benediktiner haben durch ihre Stabilitas (Beständigkeit am Ort) „Ja“ gesagt zu diesem Land und diesem Kloster und möchten die Temperatur des Landes nicht nur klimatisch spüren.

In unseren beiden Niederlassungen haben wir verschiedene politische Lagen. Manchmal denke ich, dass es jene Brüder leichter haben, die nicht in der Heiligen Stadt leben. Abgesehen von der großen Politik, wo wir die Entwicklung nur beobachten können und mit dem Gebet begleiten, gibt es Veranstaltungen, wo wir involviert sind. Es ist schön, dass israelische Medien in jüngster Zeit auch unsere Meinung hören möchten. Wir merken, dass sich unsere Aufgabe als Christen nicht auf den politischen, sondern eher religiösen, spirituellen und ökumenischen Dialog bezieht.

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Frage: Und wie steht es um die Ökumene?

Alter: Die religiöse Landschaft Jerusalems mit fast 50 Konfessionen ist außergewöhnlich. Doch in der Ökumene herrscht leider Verunsicherung. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil [1962-1965; d. Red.] war etwas mehr Mut. Mit der orthodoxen Kirche, die uns Katholiken sehr nahe ist, ist ein toter Punkt erreicht. Nach dem Zusammenbruch verschiedener „orthodoxer“ Länder ist die orthodoxe Kirche mit der eigenen Entwicklung sehr beschäftigt; das Interesse an einem gemeinsamen Tisch ist eher gering. Auch wenn dies nicht sehr optimistisch klingt, verlieren wir nicht die Hoffnung. Bei den Altorientalen – Armenier, Syrer, Kopten, Äthiopier – können wir von einem gemeinsamen Weg sprechen. Sehr fruchtbare Beziehungen gibt es zu den evangelischen Gruppen.

Frage: Der Dormitio steht eine umfassende Renovierung bevor. Was ist geplant?

Alter: Ende August beginnen wir mit den Arbeiten an der Krypta, die mehrere Monate dauern werden. Später werden wir die Basilika renovieren; das wird mehrere Jahre dauern. Die Basilika wurde seit 100 Jahren nicht vollendet, und die Schicksalsschläge des Landes sind hier zu spüren. Auch die liturgische Erneuerung und Erfahrung wollen wir in der Neugestaltung des Altarraums berücksichtigen. Erst zum Schluss werden wir das Studienjahr-Haus und das Kloster renovieren. Bei der Planung der dringend notwendigen Arbeiten spielt der Deutsche Verein vom Heiligen Lande (DVHL) eine wichtige Rolle.

Frage: Welchen Finanzrahmen wird die Renovierung haben?

Alter: Wir sind derzeit im Gespräch mit den Architekten. Es wird eine große Summe; wie hoch genau, kann ich noch nicht sagen. Ende September finden Gespräche im Auswärtigen Amt in Berlin statt. Bis dahin müssen wir konkrete Pläne und Kostenvoranschläge liefern.